„Sie haben mich gefoltert“

Stürmung des US-Kapitols: Polizisten schildern dramatische Momente voller „Todesangst“ im Detail

Die Gewaltausbrüche am 6. Januar 2021 sind ein schwarzer Tag in der US-Demokratie. In einem Untersuchungsgremium teilten Polizisten nun ihre dramatischen Erinnerungen.

Washington, D.C. – Die Stürmung des US-Kapitols am 6. Januar 2021 stellte eine Zäsur dar und schockierte die Vereinigten Staaten und die Weltgemeinschaft. Es war ein Stich mitten ins Herz der US-amerikanischen Demokratie. Der Versuch, die Ratifizierung des Wahlsiegs von US-Präsident Joe Biden zu verhindern. Auch Monate später ist die Politik mit der Aufklärung des Vorfalls beschäftigt – und der Rolle des damaligen US-Präsidenten Donald Trump. Die Demokratische Partei muss dabei gegen den massiven Widerstand der Republikaner ankämpfen. Einzige anwesende Republikaner waren die bekennenden Trump-Kritisierenden Liz Cheney und Adam Kinzinger. Mit schockierenden Aussagen von mehreren Polizisten hat am Dienstag die erste Sitzung des Untersuchungsausschusses des Repräsentantenhauses begonnen.

US-Polizisten schilderten dabei das Ausmaß der Gewalt durch radikale Trump-Anhänger. Zu Beginn der Anhörung wurden zudem drastische Videos der Angriffe* von Trump-Unterstützenden auf die Mitglieder der Polizei des Kapitols gezeigt. Die Attacke auf das Kapitol habe „etwas von einer mittelalterlichen Schlacht“ gehabt, äußerte der Polizist Aquilino Gonell. „Wir haben Mann gegen Mann gekämpft, Zentimeter um Zentimeter, um eine Invasion des Kapitols zu verhindern“. Damals habe er gedacht, sein Leben zu verlieren, berichtete er unter Tränen: „So werde ich sterben, bei der Verteidigung dieses Eingangs“. Die anwesenden Ausschussmitglieder reagierten fassungslos auf die Berichte, der republikanische Kongressabgeordnete Kinzinger kämpfte sichtlich mit den Tränen. „Alle – alle sagten uns: ‚Trump hat uns geschickt‘“, sagte der Sergeant der Kapitol-Polizei laut New York Times.

Stürmung des US-Kapitols: Polizisten rekapitulieren dramatische Momente – „Todesangst“

Sie seien „geschlagen, getreten, geschubst, mit chemischen Reizstoffen besprüht und mit einem augenschädlichen Laser geblendet worden von einem gewalttätigen Mob, der in uns offenbar ein Hindernis bei seinem versuchten Aufstand gesehen hat“, berichtete der US-Polizist weiter. „Ich hätte an dem Tag sterben können, nicht einmal, sondern viele Male.“ Der Vorfall habe ein bleibendes Trauma bei ihm ausgelöst: „Für die meisten Leute hat der 6. Januar ein paar Stunden* gedauert, aber für diejenigen von uns, die mittendrin waren, hat es nie aufgehört.“ Er sei „durch die Hölle gegangen und zurück“, sagte ein anderer.

Der Schwarze Kapitol-Polizist Harry Dunn schilderte, wie er und andere Schwarze Kollegen von den Angreifenden rassistisch beleidigt wurden. Diese hätten „Waffen aller Art“ eingesetzt, darunter „Fahnenstangen, herausgerissene Fahrradständer und unterschiedliche Arten von Wurfgeschossen“. Michael Fanone teilte ebenfalls seine persönlichen Schreckensmomente. „Sie haben mich gefoltert. Sie haben mich geschlagen. Ich wurde mehrmals mit einem Taser an der Basis meines Schädels getroffen, und sie fuhren fort, bis ich schrie, dass ich Kinder habe“, zitiert ihn Vice News. Außerdem sei ihm gedroht worden, ihn mit seiner eigenen Dienstwaffe zu erschießen. Der Polizist erlitt einen Herzinfarkt und ein Schädel-Hirn-Trauma.

US-Polizist wütend über Versuche der Republikanischen Partei, eine Aufklärung zu verhindern

Fanone machte seiner Wut darüber Luft, dass die Republikanische Partei zuvor die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission verhinderte. Die Demokraten entschieden daraufhin, ein Untersuchungsgremium im Repräsentantenhaus einzurichten. Dort haben sie die Mehrheit. Nancy Pelosi, die demokratische Vorsitzende des Repräsentantenhauses, verärgerte die Republikaner-Führung damit, dass sie selbst zwei republikanische Abgeordnete, besagte Trump-Kritisierende Cheney und Kinzinger, in das Gremium holte – und zugleich zwei Trump*-getreuen republikanischen Parlamentariern einen Sitz verweigerte.

„Ich fühle mich, als wäre ich zur Hölle und zurück gegangen, um Sie und die Leute in diesem Raum zu beschützen. Aber zu viele sagen mir jetzt, dass die Hölle nicht existiert oder die Hölle eigentlich gar nicht so schlimm war. Die Gleichgültigkeit gegenüber meinen Kollegen ist eine Schande“, so Fanone.

In seinen einleitenden Worten sagte der demokratische Ausschussvorsitzende Bennie Thompson, damals seien Menschen „in diese Stadt eingefallen mit klaren Plänen, unsere Demokratie zum Erliegen zu bringen“. Es gebe „Beweise für einen koordinierten, geplanten Angriff“. Trump selbst bezeichnete die Meute damals gar als „liebevolle Menge“. (aka mit Agenturen) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Jim Bourg/Pool Reuters via AP/dpa

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