Experte hält Legalisierung für sinnvoll

Suchtforscher fordert neue Drogenpolitik: „Abhängige gehen große Risiken ein“

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Eine Polizeistreife kontrolliert Drogensüchtige in Frankfurt, die im Schatten eines Hauseingangs Heroin konsumiert haben. Der Konsum und die Beschaffung von Heroin finden meist unter äußerst prekären Bedingungen statt.

Der renommierte Suchtforscher Heino Stöver fordert im Interview eine radikale Umkehr in der Drogenpolitik. Er sagt, den Kampf gegen Drogen kann die Polizei nicht gewinnen.

Seitdem die ehemalige Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), ins EU-Parlament gewechselt ist, ist der Posten unbesetzt. Der Suchtforscher Heino Stöver fordert im Interview die Ersetzung des Postens durch eine Expertenkommission.

Was ist die beliebteste Droge der Deutschen?

Alkohol, ganz klar. Es folgen Tabak und auch Kaffee, wenn man so will. Dann kommen eine ganze Reihe von Medikamenten. Erst dann kommen die illegalen Substanzen, von denen die mit Abstand beliebteste Droge Cannabis ist.

Warum meinen wir meist nur die illegalen Substanzen, wenn wir allgemein über Drogen sprechen?

Das liegt daran, dass die deutsche Drogenpolitik in den letzten 20 Jahren nur wenig wissenschaftsbasiert war. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Unterscheidung von legalen und illegalen Rauschmittel nicht haltbar.

Letztlich sind es alles Substanzen, die auf das Zentrale Nervensystem wirken und somit unsere Wahrnehmungs, Denk- und Verhaltensmuster verändern. In der Wirkung unterscheiden sie sich zwar, sind aber grundsätzlich miteinander vergleichbar.

Warum konsumieren Menschen Drogen?

Wir benutzen Substanzen, um uns zu entspannen, aber auch, um Alltagsanforderungen besser bewältigen zu können. Morgens wollen wir uns hochbringen und abends dann eher runterschalten. Drogen sind ein fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte und in jedem ihrer Kapitel nachweisbar. Es gibt nur wenige religiös geprägte Kulturen, die keine solchen Substanzen benutzen, dafür aber andere Mittel der Rauscherzeugung haben, wie etwa Tanz oder bestimmte Atemtechniken.

Ist Drogenkonsum immer schlecht und verantwortungslos?

Das ist eine sehr einseitige Sicht. Schaut man beispielsweise in die seit 2012 bestehende Drogen- und Suchtstrategie der Bundesregierung, findet man wieder diese Differenzierung von legal und illegal. Dort wird ein verantwortungsvoller Umgang mit legalen Substanzen und eine Abstinenz von illegalen Drogen gefordert.

Illegaler Drogenkonsum in Deutschland

Drogen werden dabei mit zweierlei Maß gemessen, sodass der Konsum illegaler Substanzen immer negativ beladen ist. Es gibt per definitionem keinen funktionalen, adäquaten oder gar fruchtbaren Konsum illegaler Drogen, weil das eben verboten ist. Dieses Schwarz-weiß-Denken passt in gängige Bewertungsmuster von Drogen und ihren Konsumenten hinein.

Sie deuten an, dass es positive Aspekte von Drogenkonsum gibt.

Legale wie illegale Drogen haben natürlich auch positive Funktionen für die Konsumenten, neben ihrer objektiven Wirkung. Das kann bei einem Cannabiskonsumenten etwa Erleichterung oder Kreativitätsförderung sein. Wir nehmen ja keine Drogen, um davon abhängig zu werden. Wir kaufen auch kein Auto, um damit einen Unfall zu bauen.

Sind Verbote und Strafverfolgung der richtige Weg, um den Konsum illegaler Drogen einzudämmen?

Fraglich ist, was der rechtliche Status mit der Konsumentenzahl zu tun hat. Es gibt eine Studie der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle, die sagt, dass das Ausmaß der zur erwartenden Strafe keinen Einfluss auf den Verbreitungsgrad hat. Seitdem etwa in Kanada legal gekifft werden darf, haben sich die Nutzerzahlen kaum verändert. Offenbar funktioniert der Drogengebrauch nach anderen Regeln.

Heino Stöver

Die Strafverfolgung wirkt sich nicht einmal auf den Markt aus. Wenn die Polizei eine Tonne Kokain findet, wird diese sofort ersetzt. Nicht einmal die Preise steigen dadurch. Nie gab es in Deutschland vielfältigere Drogen zu günstigeren Bedingungen wie zurzeit. Der Glaube, der Krieg gegen die Drogen könne durch die Polizei gewonnen werden, ist völliger Quatsch.

Das klingt nach Kapitulation des Rechtsstaates.

Ein großer Teil des Drogenproblems ist, dass der rechtliche Status verantwortlich ist für gesundheitliche Risiken, die mit Drogenkonsum einhergehen. Abhängige, die sich ihre Substanz besorgen wollen, gehen mitunter große Risiken ein, zum Beispiel, wenn es um den nicht-kalkulierbaren Reinheitsgehalt der Substanz oder gesundheitsgefährdende Streckstoffe geht.

Wenn die Strafverfolgung also wirkungslos ist, sollte dann lieber alles legalisiert werden?

Ja. Das ist zwar radikal, und noch eine Vision, aber politisch vertretbar wäre ein Anfang mit nur einer Substanz. Das wäre dann wohl Cannabis, wofür es ja bereits vielfältige Initiativen gibt, die Pilotprojekte starten wollen. Mit einer Cannabisfreigabe erreichen wir die meisten Menschen, die unter den Folgen der Strafverfolgung leiden: gesundheitlich, sozial wie justiziell.

Denn worüber kaum jemand nachdenkt, ist, woher die fast drei Millionen Cannabisnutzer in Deutschland ihren Stoff bekommen. Hier hat sich eine organisierte Kriminalität breitgemacht, die die Polizei nicht austrocknen kann. Zu 80 Prozent werden die Konsumierenden kriminalisiert, die lediglich ihren Eigenbedarf decken.

Bekommen wir dann nicht eine Gesellschaft von lauter Abhängigen?

Würden Sie anfangen, sich eine Nadel in die Vene zu piksen, nur weil Sie es dürfen? Ich würde es nicht machen. Was sich aus wissenschaftlicher Sicht sagen lässt, ist, dass es einige Beispiele gibt, wie Menschen durch Überzeugung und Einsicht ein gesundheitsförderliches Verhalten entwickeln. Die Jugend in Deutschland raucht und trinkt etwa deutlich weniger als noch vor 20 Jahren.

Ein anderes Beispiel ist die Aids-Prävention, wo durch Kampagnen für geschützten Geschlechtsverkehr die Situation deutlich verbessert wurde. Diesen Weg der Einsicht müssen wir auch für illegale Substanzen einschlagen.

Welche konkreten Forderungen stellen Sie an die deutsche Drogenpolitik?

Erstens brauchen wir keinen Drogenbeauftragten, sondern eine Betäubungsmittelkommission, die mit Fachleuten besetzt ist. Eine politische Besetzung ist in dieser hochsensiblen Gesundheitsfrage fehl am Platz.

Zweitens, braucht es eine Neuregulierung des Cannabisgebrauchs. Also ein Gesetz, welches den Konsum zu Genusszwecken zulässt und nicht nur zu medizinischen Zwecken.

Drittens: die Abschaffung aller Zigarettenautomaten, Verbot von Außenwerbung von Tabak und Alkohol sowie die Heraufsetzung der Jugendfreigabe für Bier und Wein auf 18 Jahre. Außerdem braucht es eine zielgruppenspezifischere Präventionsarbeit in allen Bereichen.

Zur Person: Heino Stöver

Prof. Dr. Heino Stöver (63) ist Direktor des Instituts für Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences. Der Sozialwissenschaftler berät international Regierungen und Organisationen wie die WHO oder die EU. Er ist Vorsitzender des „Bundesverband akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik“.

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