Viele Parteien, verschiedene Interessen

Kriegsschauplatz Syrien: Hier gibt es mehr als eine Front

+
Demonstration vermeintlicher Stärke: Soldaten des syrischen Regimes posieren bei Aleppo mit syrischen Flaggen und einem Bild von Machthaber Baschar al-Assad.

Der seit fünf Jahren andauernde syrische Bürgerkrieg ist inzwischen auch zum Stellvertreterkrieg vieler Mächte und zum Anti-Terrorkrieg geworden. Wir beleuchten verschiedene Interessen.

Das Assad-Regime

Luftwaffe und Bodentruppen des Herrschers Baschar al-Assad überziehen das Land seit Beginn der Aufstände im Jahr 2011 mit Krieg. Assad wollte von Anfang an die eigene Macht und die Privilegien der alawitisch-schiitischen Minderheit sichern, der der Assad-Clan angehört. Hat alle Oppositionsbewegungen als Terroristen bezeichnet. Das diente als Legitimation für den Einsatz der Armee und als Rechtfertigung für Kriegsverbrechen.

Inzwischen gelten Teile der Armee als kriegsmüde. Reiche, regimetreue Privatleute aus den Reihen der Alawiten sollen schlagkräftige Milizen gebildet haben, die Assad unterstützen.

Iran

Hat ein Interesse daran, dass aus dem zerfallenden Syrien kein sunnitisch dominiertes Staatsgebilde hervorgeht. Die schiitischen Mullahs in Teheran unterstützen mit den schiitischen Hisbollah-Kämpfern, die der Iran einst im Libanon als Machtfaktor installierte, das alawitisch-schiitische Assad-Regime. Teheran will seinen Einfluss in Syrien wahren, denn unter Assad ist das Land ein nützlicher Frontstaat gegen Irans Erzfeind Israel gewesen. Und Teheran versucht, die schiitische Achse Iran-Syrien-Hisbollah als Bündnis gegen die gefürchteten Sunniten, damit auch gegen Saudi-Arabien, am Leben zu erhalten.

Saudi-Arabien

Land und Herrscherhaus sind geprägt vom Wahhabismus, einer radikalen Auslegung des sunnitischen Islams. Die Monarchie sieht sich als führende Macht in der ölreichen Golfregion. Der schiitische Iran wird als Feind angesehen - was sich nicht nur aus alter Rivalität um Ressourcen und um die Vorherrschaft am Golf erklären lässt, sondern auch aus der konfessionellen Spaltung. Diese Spaltung in Sunniten und Schiiten hat seit der Frühzeit der islamischen Religion immer wieder zu Glaubenskämpfen unter den Muslimen geführt.

In Syrien unterstützt SaudiArabien sunnitische Rebellen- und Islamisten-Gruppen gegen das Assad-Regime. Auch die sunnitische Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wurde anfangs aus Saudi-Arabien mit Geld unterstützt. Das Regime hat erklärt, damit nichts zu tun zu haben und fühlt sich inzwischen selbst vom IS bedroht. Es ist deshalb Teil der von den USA geführten Anti-IS-Koalition, die einen Krieg vornehmlich aus der Luft gegen den IS führt. Saudi-Arabien fordert den Sturz Assads. Er dürfe als Kriegsverbrecher auch keine Übergangsregierung bilden.

Syriens Opposition

Es gibt sie nicht mehr, jedenfalls nicht als Einheit. Zahlreiche islamistische Gruppen und die inzwischen stark geschwächte Freie Syrische Armee bekämpfen sich untereinander, bilden aber vorübergehend auch regionale Bündnisse. Die islamistische Al-Nusra-Front etwa galt zeitweise als Rivale des sogenannten Islamischen Staates, aber ebenso als vom IS gewaltsam einverleibter Verbündeter.

Terrormiliz IS

Neben Assad der entscheidende Machtfaktor. Lebt zum Großteil von Kriegswirtschaft und ist deshalb darauf angewiesen, neue Gebiete zu erobern, um Menschen und Ressourcen dort ausbeuten zu können. Hat einen Teil Syriens und des Irak samt Ölquellen besetzt und ein grenzüberschreitendes Kalifat ausgerufen. Soll das Öl über Zwischenhändler auch in die Türkei verkaufen. Die IS-Miliz beansprucht die Führung aller islamistischen Gruppen. Sie strebt neben dem Sturz Assads auch die Eroberung Iraks, Jordaniens, Libanons und schließlich Jerusalems an. IS-Ableger verüben beinahe weltweit Anschläge. Auch die sunnitischen Golf-Emirate dürfen sich nicht mehr sicher fühlen. Der IS hält sie für korrupte Regime, die mit der westlichen Welt Geschäfte machen.

Türkei

Unter Präsident Recep Tayyip Erdogan ist das Land auf dem Weg zur sunnitisch geprägten, national-konservativen Autokratie. Die Türkei wird so zu einem Zwitterwesen mit widersprüchlichen Interessen: Einerseits bestimmt die Islamisierung das politische Handeln, andererseits will Ankara auch der westlichen Welt wegen starker wirtschaftlicher Interessen und Bündnisverpflichtungen Rechnung tragen.

Das übergeordnete strategische Ziel der türkischen Regierung ist der Sturz Assads. Sie ließ deshalb IS-Kämpfer über die Grenze nach Syrien ziehen und soll ihnen Rückzugsräume geboten haben. Inzwischen wird das Nato-Mitglied Türkei selbst vom IS bedroht und war Anschlagsziel von IS-Attentätern. Ankara beteiligt sich deshalb offiziell an Luftschlägen gegen den IS innerhalb der internationalen Koalition.

Die türkische Luftwaffe griff zuletzt aber vor allem Stellungen der syrischen Kurden an. Dahinter steht neben Erdogans innenpolitischen Absichten die Furcht Ankaras, die Kurden könnten im Zuge des Syrienkriegs einem eigenen Staat auf syrischem und irakischem Territorium näher kommen. Das hätte sicher Ansprüche der Kurden auf türkisches Gebiet zur Folge.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.