Lage hat sich dramatisch zugespitzt

Krieg in Syrien: Welche Interessen USA und Russland wirklich haben

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Ein von der "Syria Civil Defence" (Weißhelme) am 4. April zur Verfügung gestelltes Foto, zeigt Kinder, die Opfer eines mutmaßlichen Giftgasangriffs in Chan Scheichun, Syrien, wurden.

Nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff hat sich die Krise im Syrien-Krieg zugespitzt. US-Präsident Donald Trump kündigte einen Militärschlag an. Wir zeigen, wer in Syrien welche Interessen hat.

USA

Die Amerikaner führen seit Trumps Vorgänger Barack Obama die Allianz aus westlichen und arabischen Staaten gegen die islamistische Terrormiliz IS in Syrien und im Irak an. Die IS-Miliz gilt inzwischen als auf dem Schlachtfeld weitgehend besiegt, ist aber nach wie vor zu Anschlägen in der Lage. Die USA schickten immer wieder militärische Berater, Ausbilder und Soldaten nach Syrien. Das Vorhaben, dort rivalisierende Rebellen-/Islamistengruppen zu vereinen, um Diktator Baschar al-Assad zu stürzen, schlug aber fehl.

Unter Trump verübten die USA vor einem Jahr einen Vergeltungsschlag gegen Assads Luftwaffenbasis Al Scheirat. Von dort sollen Flugzeuge der syrischen Armee zu einem Giftgasangriff auf die Stadt Chan Scheichun mit 86 Toten gestartet sein.

Vor Kurzem hatte Trump angekündigt, US-Truppen aus Syrien zurückzuziehen, der Einsatz sei zu teuer, zudem sei der IS besiegt. Nach dem mutmaßlichen neuen Angriff mit Chemiewaffen auf die von Islamisten kontrollierte Stadt Duma in der Region Ost-Ghuta änderte Trump seine Haltung: Nun hat er Assad als „mit Gas tötendes Tier“ bezeichnet und dem Regime samt seinem Verbündeten Russland gedroht. Ob daraus eine eher symbolische Vergeltungsaktion wie vor einem Jahr wird – etwa ein Luftangriff auf syrische Militäranlagen – oder eine Eskalation bis hin zu einem russisch-amerikanischen Krieg in Nahost wird dann nicht mehr allein in Trumps Hand liegen.

Russland

Mit groß angelegten Luftangriffen gegen Rebellengruppen hat Russland seinem Verbündeten Assad die Macht gesichert. Inzwischen sollen bis zu 80 Prozent des Landes wieder unter der Kontrolle des Assad-Regimes sein. Moskau konnte mit den Luftangriffen und eigenen Truppen seine Militärbasen in Syrien sichern. Darunter ist auch der Marinestützpunkt Tartus. Er ist Russlands einziger direkter Zugang zum Mittelmeer und damit der geostrategische Anker des Kreml im Nahen Osten.

Mit der dauerhaften Präsenz in Syrien hat Kreml-Chef Wladimir Putin seinen Anhängern bewiesen, dass Russland wieder eine machtvolle globale Rolle spielen kann und den USA mindestens auf Augenhöhe begegnet.

Moskau stützt das Assad-Regime auch, um den islamistischen Terror einzudämmen. Der Kreml befürchtet Anschläge von aus Syrien nach Russland zurückkehrenden islamistischen Kämpfern, etwa von Tschetschenen.

Grafik: Die Kriegsparteien

Iran

Der Iran hat ein Interesse daran, dass sein Einfluss in Syrien auch nach dem Krieg fortbesteht. Aus Syrien sollte keinesfalls ein sunnitisch dominierter Staat hervorgehen. Die schiitischen Mullahs in Teheran unterstützen deshalb mit den schiitischen Hisbollah-Kämpfern aus dem Libanon das alawitisch-schiitische Assad-Regime. Teheran versucht stets, die schiitische Achse Iran-Syrien-Hisbollah als Bündnis gegen die gefürchteten Sunniten, damit auch gegen den Rivalen Saudi-Arabien, zu stärken. Und unter Assad ist Syrien ein nützlicher Frontstaat gegen Irans Erzfeind Israel gewesen. Das soll so bleiben.

Saudi-Arabien

Saudi-Arabien hat sunnitische Rebellen- und Islamisten-Gruppen gegen Assad unterstützt. Auch der sunnitische IS wurde aus Saudi-Arabien mit Geld unterstützt. Das Regime hat erklärt, damit nichts zu tun zu haben, und fühlte sich zwischenzeitlich selbst vom IS bedroht. Es ist deshalb Teil der von den USA geführten Anti-IS-Koalition geworden. Auch nach dem mutmaßlichen Gasangriff bot das saudische Königshaus jetzt den USA Unterstützung an.

Kurden

Die syrischen Kurden konnten unter Assad lange Zeit weitgehend unbehelligt leben. Sie führten im Krieg dann als amerikanische Verbündete dramatische Schlachten gegen den IS in der Grenzregion zur Türkei. Die Kurdenmiliz YPG ist mit der in der Türkei und im Westen verbotenen und als Terror-Organisation eingestuften kurdischen Arbeiterpartei PKK verbunden und wird deshalb von türkischen Bodentruppen und der Luftwaffe angegriffen.

Türkei

Das Ziel der türkischen Regierung war ursprünglich der Sturz Assads. Sie ließ deshalb IS-Kämpfer über die Grenze nach Syrien ziehen. Dann wurde das Nato-Mitglied Türkei selbst vom IS bedroht. Ankara beteiligte sich deshalb an Luftschlägen gegen den IS innerhalb der internationalen Koalition. Zuletzt galt Assad aber als das kleinere Übel. Die Absicherung seiner Macht wurde in kauf genommen.

Priorität hat nun die Niederschlagung der syrischen Kurden. Ankaras Furcht vor einem kurdischen Staatsgebilde auf syrischem Gebiet ist so groß, dass Staatschef Recep Tayyip Erdogan einen rücksichtlosen Feldzug gegen die Kurden führt.

Assad-Regime

Luftwaffe und Bodentruppen des Herrschers Baschar al-Assad haben das Land seit Beginn der Aufstände im Jahr 2011 mit Krieg überzogen. Assad wollte von Anfang an die eigene Macht und die Privilegien der alawitisch-schiitischen Minderheit sichern, der der Assad-Clan angehört und die alle zentralen Institutionen kontrolliert. Er bezeichnete alle Oppositionsbewegungen als Terroristen. Das diente als Legitimation für den Einsatz der Armee und als Rechtfertigung für Kriegsverbrechen vor allem in Gebieten mit sunnitischem Bevölkerungsanteil. An der Macht halten konnte er sich nach zwischenzeitlichen Gebietsverlusten schließlich nur mit russischer und iranischer Hilfe.

Syriens Opposition

Zahlreiche islamistische Gruppen und eine immer schwächer werdende Freie Syrische Armee kämpften nicht nur gegen Assad, sondern bekämpften sich auch untereinander. Zugleich bildeten sie aber vorübergehend auch regionale Bündnisse. Gruppen der Freien Syrischen Armee kämpfen zurzeit auch auf türkischer Seite, um Gebiete in Nordsyrien aus Kurdenhand zurückzuerobern.

Frankreich

Auch die französische Luftwaffe bombardierte IS-Stellungen seit September 2015 in Syrien und im Irak. Die Luftschläge wurden als Selbstverteidigung gegen die Terrormiliz IS bezeichnet, die die Grande Nation mit verheerenden Anschlägen in Paris angegriffen hatte. Frankreichs Regierung unter Präsident Francois Hollande hatte zudem einst hartnäckig gefordert, dass Diktator Assad gestürzt werden müsse.

Sein Nachfolger Emmanuel Macron sprach zuletzt von einer Roten Linie, die Assad mit dem Giftgasangriff auf Duma überschritten habe. Dieser Angriff mit international geächteten Chemiewaffen verlange eine harte Reaktion. Deshalb werde Paris an der Seite der USA stehen.

Deutschland

Seit den Anschlägen von Paris ist auch Deutschland Akteur im syrischen Krieg. Berlin hatte Frankreich Unterstützung im Kampf gegen den IS versprochen und sehr schnell konkrete Zusagen gemacht: Unter anderem wurden Tornado-Aufklärungsflugzeuge zur Unterstützung der Anti-IS-Allianz eingesetzt.

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