Analyse: Assad-Regime, Rebellen und IS-Terror - der Bürgerkrieg droht

Syrien - ein Land blutet aus

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Assads Bomben auf Aleppo: Ein Mann trägt ein verletztes Mädchen durch die Trümmer der Stadt.

Wären nicht die Flüchtlinge, die zu Hunderttausenden Deutschland erreichen und das Leid sichtbar machen, würden viele den Krieg in Syrien wohl verdrängen. Wir fragen: Über vier Jahre Bürgerkrieg, Flucht und Vertreibung - was hält Syrien überhaupt noch am Leben?

Etwa 21 Millionen Einwohner gibt es in Syrien im März 2011. Da beginnen erste friedliche Proteste gegen das Regime von Baschar al-Assad. Der Diktator reagiert mit Gewalt, er will die oppositionellen Umtriebe schon im Keim ersticken. Doch er erreicht das Gegenteil, es beginnt ein Bürgerkrieg, der mittlerweile ins fünfte Jahr geht.

Der Krieg lässt das Land ausbluten. 240 000 Tote sind bisher gezählt, elf Millionen Syrer - also über die Hälfte der Bevölkerung - sind ins Ausland geflohen oder Vertriebene im eigenen Land. Auf Deutschland übertragen hieße das, 40 Millionen Menschen wären auf der Flucht.

Alle Berufe sind betroffen: Ärzte, Krankenschwestern, Juristen, Lehrer, Ingenieure, Wissenschaftler, Bauern, Industriearbeiter, Händler, Handwerker - sie fliehen vor den Bomben des Regimes, dem Terror der IS-Islamisten, den Scharfschützen der Rebellen. Die syrische Gesellschaft droht so alles zu verlieren: ihre Arbeitskräfte, ihre Eliten, ihre Väter, Mütter und Kinder.

Verlorene Generation: Ein syrischer Junge steht in Aleppo für Wasser an.

Die Überlebenden sind verlorene Generationen. Wenn sie, wie viele Flüchtlinge und Vertriebene immer noch hoffen, nach dem Ende des Krieges in ihre Heimat zurückkehren, werden sie ein Land vorfinden, das zerstört am Boden liegt. Und es ist derzeit keine Perspektive, keine Strategie erkennbar, wie jemals ein Wiederaufbau unter einem einigenden Band gelingen könnte. Syriens Gesellschaft ist inzwischen in Einzelteile zersplittert worden, Gemeinsamkeiten haben sich im täglichen Überlebenskampf und im religiös aufgeladenen Krieg um die Macht aufgelöst.

Noch gibt es Inseln, wo so etwas wie ziviles Leben unter größten Schwierigkeiten funktioniert. Petra Becker, Syrien-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik, führt das vor allem auf das Jahr 2011 zurück, als sich im Zuge des Aufstands sehr schnell zivile Initiativen bildeten und vernetzten. Das einigende Band waren damals der Protest gegen das Regime und in der Folge der angestrebte Sturz Assads.

Trotz des Krieges, trotz Verfolgung und Unterdrückung haben bis heute Dutzende zivile Organisationen wie der Syrische Rote Halbmond überleben können - und sie übernehmen dort, wo das Staatswesen nicht mehr existiert, staatliche Aufgaben.

Becker erläutert, dass sich die zivilen Kräfte je nach Herrschaftsbereich arrangieren müssen und unterschiedliche Aufgaben auch unter Geheimhaltung übernehmen. Im vom Regime kontrollierten Gebieten im Süden, in Damaskus und Homs etwa kümmern sie sich um Binnenflüchtlinge.

In Rebellenregionen wie im Umland von Damaskus, in den Provinzen Aleppo und Idlib versuchen sie zudem die Verwaltung aufrechtzuerhalten. Das bedeutet, Wasserleitungen, Straßen und Stromnetze zu reparieren, Schulunterricht abzuhalten, Lebensmittel und Medikamente zu beschaffen.

Doch unter den ständigen Bombardierungen durch die Armee des Regimes hätten viele inzwischen aufgegeben, so Becker. „Manche haben sich desillusioniert den Milizen angeschlossen.“ Auch durch Spenden finanzierte Hilfe von außen erreiche die Not leidenden Menschen oftmals nicht.

In den kurdischen Gebieten im Nordosten sei noch am ehesten zivile Selbstverwaltung möglich. Doch würde sie meist von der PYD, dem syrischen Ableger der PKK, kontrolliert und für die kurdische Parteipropaganda vereinnahmt.

Die Terrormiliz Islamischer Staat habe in ihrer Hochburg Al-Raka zunächst die Beschäftigten der Verwaltung, sofern sie Assad-Gegner waren, weiterarbeiten lassen. Der IS kontrolliere allerdings brutal die Bereiche öffentliche Ordnung und Erziehung. Es gehe ihm vor allem darum, die Bevölkerung zu ideologisieren und neue Kämpfer auszubilden, um weitere Gebiete erobern zu können.

Dass zivile Organisationen in Syrien auf Dauer zum Scheitern verurteilt sind, darauf hat ein weltweiter Hilferuf aufmerksam gemacht. 85 Gruppen, darunter Menschenrechtsaktivisten und Gewerkschaften, erklärten in einem Appell, sie fühlten sich von der Weltgemeinschaft im Stich gelassen. Um den Krieg zu beenden, seien zwei Schritte nötig, „die wir allein nicht schaffen“: die Bombardierungen des Regimes stoppen und Verhandlungen beginnen zwischen allen syrischen Gruppen und ihren internationalen Unterstützern.

Die Vertreter der Zivilgesellschaft nennen ihre Kampagne „Planet Syrien“, weil sie sich manchmal so fühlten, als würden sie auf einem anderen Planeten leben: „Unsere Bitten um Frieden und Demokratie werden von vielen so behandelt, als seien sie etwas Außerirdisches.“

UN: 4 Millionen flohen aus Syrien

Die Zahl der syrischen Kriegsflüchtlinge im Ausland ist nach UN-Angaben auf mehr als vier Millionen gestiegen. Mindestens 7,6 Millionen weitere Menschen seien im fünften Jahr des syrischen Bürgerkrieges Vertriebene im eigenen Land, teilte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) mit. Bis Ende 2015 rechnen die UN mit mindestens 4,27 Millionen syrischen Flüchtlingen im Ausland. (dpa)

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