Standpunkt: Tage der Wahrheit für die Griechen - und für Euroland

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Eigentlich ist Griechenland schon lange pleite. Die übrige Eurozone "rettet" das Land seit nunmehr fünf Jahren vor der Wahrheit. Ein Standpunkt von HNA-Nachrichtenchef Tibor Pézsa.

Vertrauen ist das Schmiermittel im Getriebe der Politik. Mit Vertrauen lassen sich Wunder bewirken wie etwa das historische Einigungswerk von Michail Gorbatschow und Helmut Kohl. Ohne Vertrauen aber funktioniert fast nichts, siehe den vorerst letzten Akt der Griechenlandhilfe.

Die offensichtliche Vergeblichkeit eines halben Jahrzehnts Rettungspolitik hat das Vertrauen in die Europatauglichkeit Griechenlands irreparabel beschädigt, zumal andere Euroländer wie Estland, Irland und Portugal ihre schwierigen Anpassungsprozesse erfolgreich bewältigen.

Nun soll also ausgerechnet die Athener Regierung von Linkspopulisten und Rechtsradikalen die berüchtigte Klientel- und Vetternwirtschaft des Landes international wettbewerbsfähig machen? Weil das im Ernst niemand glaubt, darf Athen in der Eurozone neuerdings nur noch Schritt für Schritt in einer Zwangsjacke zurücklegen, wenn auch in frei gewählter Farbe.

Die schmerzhafte Kur von nicht eingetriebenen Steuern, unkontrollierten Kapitalabflüssen, versäumten Reformen nach Jahrzehnten miserabler Regierungsführung, demütigt aber nicht nur die Griechen. Das Verfahren offenbart das Dilemma der Eurozone überhaupt.

Entweder Euroland füttert Griechenland durch. Dann verfestigt sich die seit dem Bruch des Maastricht-Vertrages notorische Rechtsbeugung zum beispielgebenden Prinzip. In einer solchen Gemeinschaft aber würden Geber- und Nehmerländer immer argwöhnischer gegeneinander in Stellung gehen. Auf Unrecht lässt sich eine Straßenbande gründen, aber nicht eine internationale Währungsgemeinschaft.

Oder Euroland zwingt die Griechen durch Geldentzug zurück in die Verantwortung für sich selbst. Dann würde sich ein halbes Jahrzehnt Rettungspolitik als teurer Irrweg erweisen. Immerhin wäre dies zumindest ansatzweise die Rückkehr zu den Regeln der Gemeinschaft von Maastricht, auch wenn Europapolitiker wie der einstige Luxemburger Ministerpräsident und heutige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker dies offenkundig hintertreiben.

Doch genau so war Europa eigentlich gedacht: Als Rechtsgemeinschaft mit festgelegten Bedingungen und auf je eigene Rechnung. Der griechische Weg hat bislang nicht nur diese Hoffnung enttäuscht.

Ein Ausscheiden Athens würde noch eins draufsetzen: Das Fehlen einer Austrittsregelung aus der Eurozone wäre als Fahrlässigkeit entlarvt. Die vermeintliche Schicksalsgemeinschaft hätte plötzlich Ein- und Ausgang. Siehe da - auch verbrauchtes Vertrauen wirkt Wunder: Der Euro wäre nicht mehr alternativlos.

Wer meint, nur die Griechen müssten in diesen Tagen Farbe bekennen, der irrt. Dort wird gerade unter Schmerzen das neue Europa geboren, wieder einmal.

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