So war der Talk in der ARD

Angela Merkel bei Anne Will: "Ich habe keinen Plan B"

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Anne Will und Angela Merkel

Die Bundeskanzlerin bei Anne Will - was war das? Eine Neuauflage von "Wir schaffen das"? Im Prinzip schon.

Anlass, sich den Deutschen zu erklären, hat Angela Merkel (61) nach vier Monaten Flüchtlingskrise auch in Deutschland mehr als genug. Und dann sind da ja auch noch Wahlen: Die Kommunalwahlen in Hessen in einer Woche, am 6. März. Und dann die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg am 13. März.

Wir haben hingeschaut.

Was war die stärkste Szene?

Als Anne Will (50) fragte: "Haben Sie einen Plan B?" Und Merkel sagte: "Nein, habe ich nicht. Ich glaube, dass wir besser dabei sind, als manch einer denkt. Aber wir haben auch noch einen langen Weg vor uns." Und dann noch einmal, ganz am Schluss der Sendung, als Anne Will Merkel fragte, was eigentlich passieren müsste, damit die Kanzlerin ihren Kurs ändere. "Nichts", sagte Merkel. Nichts.

Was war zum Augenreiben? 

Als Merkel sagte: "28 EU-Länder sind jetzt alle meiner Meinung." Anne Will sagte: "Nein." Woraufhin Merkel sagte: "Naja, stimmt. Aber nur bei der Frage nicht, wer wie viele Flüchtlinge aufnimmt." - Was allerdings so ziemlich die entscheidende Frage dieser Tage ist.

Was war Merkels stärkste Aussage?

Davon gab es einige. Mit Blick auf die Ausschreitungen im sächsischen Clausnitz zitierte die Kanzlerin das Grundgesetz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Und: "Ich mache für alle Menschen in diesem Land Politik, nicht nur für die einen."

Wieder und wieder warb die Kanzlerin um Verständnis für die Kompliziertheit der Zusammenhänge. Deshalb wolle sie auch keine Obergrenze festlegen oder Versprechungen machen, die sie nicht garantieren könne. "Vieles hängt davon ab, wie sich die Dinge entwickeln." Aha.

Fast schon Mitleid erregte Merkel als sie sagt: "Ich gebe meine ganze Kraft für einen Weg, den alle für vernünftig finden, den wir aber nicht umsetzen können."

Und was, wenn alles schief geht am nächsten Montag auf dem entscheidenden europäischen Fluchtkrisen-Gipfel? "Ziehen Sie dann Konsequenzen?" wollte Anne Will wissen? "Nein", sagte Merkel, "dann muss ich ja weitermachen. Ich glaube, dass wir auf einem Weg sind, und ich kämpfe für diesen Weg." Und: "Es ist überhaupt nicht an der Zeit, über Alternativen nachzudenken."

Was fehlte?

Glaubt man der Kanzlerin: Nichts. Im Gegenteil. Die Koalition habe das Meister-BaföG eingeführt, eine Krankenhausreform, das Kindergeld erhöht, eine Kita-Refom eingeleitet. Und überhaupt. Da könne doch auch der Herr Gabriel zufrieden sein.

Immerhin gab es eine Richtigstellung: Sie, Merkel, habe im September die Grenzen nicht aufgemacht. Sie habe sie nur nicht geschlossen. Ach so.

Und wie war Anne Will? 

Sehr gut. Sie fing solide an, und steigerte sich kontinuierlich. War bemüht, nicht nur als Stichwortgeberin aufzufallen. Sie hob das bislang ungekannte Maß an Demokratieverachtung in Deutschland vor und fragte Merkel: "Waren Sie naiv?" 

Am Abend des 29.2. übertragen wir per Livestream den Politischen Aschermittwoch der CDU aus Volkmarsen mit Angela Merkel als Hauptgast.

Merkel antwortete in Schlangenlinien, verwies auf die Kölner Silvesternacht, aber auch auf die vielen ehrenamtlichen Helfer in Deutschland, denen Sie sich verpflichtet fühle. Wieder Anne Will unter Verweis auf eine Warnung von Verfassungschutzpräsident Maaßen: "Schliddert Deutschland in ein zweites Weimar?" Merkel trocken: "Das glaube ich nicht." Und ihre vielen Kritiker? Merkel: "Die sind noch nicht überzeugt." Noch nicht? Da gingen Anne Wills Augenbrauen hoch.

Wills stärkster Moment war, als sie Merkel fragte, ob die Kanzlerin es als einen Fehler ansehe, sich bei ihrer berühmten Entscheidung im September nicht mit den europäischen Partnern abgestimmt zu haben. Merkel fiel dazu wenig ein, außer dass sie jetzt mit Griechenland im engen Kontakt stehe und man ja demnächst auch wieder miteinander sprechen wolle.

Als Will fragte: "Lassen Sie andere die Probleme für sich lösen?" bestritt die Kanzlerin das, räumte aber wenig später ein: "Vielleicht bringen ja diese neuen Bilder von der griechisch-mazedonischen Grenze einen Effekt."

Will brachte Merkel mehrmals in Verlegenheit, so als sie nach den anstehenden Landtagswahlen fragte und darauf hinwies, dass die CDU-Spitzenkandidaten in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz von Merkel abgerückt sind. Merkel fiel daraufhin ein, dass ja immerhin der baden-württembergische Ministerpräsident ihre Kurs unterstütze. Der, Winfried Kretschmann, ist ein Grüner.

Fazit

Ob Silvesternacht in Köln oder Obergrenze oder Griechenland oder Nato-Einsatz in der Ägäis: Merkel blieb cool und warb für ihre europäische Lösung, die freilich nur klappt, wenn die Türken mitmachen. Und: "Integration ist eine bleibende Aufgabe." Sehr viel mehr war aus ihr nicht herauszulocken. Immerhin: "Ab Januar", sagte sie, "wird jeder Flüchtling, der nach Deutschland kommt, sehr genau registriert."

Von Tibor Pézsa

Twitter-Ticker

HNA-Redakteur Jens Nähler verfolgte das Gespräch und beobachtete dabei die Reaktionen auf Twitter.

Angela Merkel präsentierte sich gut vorbereitet und hellwach. Dabei wurde vor allem eines klar: Sie schreitet den Weg, den sie eingeschlagen hat, konsequent fort und fordert dafür mehr Zeit (und Vertrauen) ein. Es war kein Kuscheltalk, Anne Will fragte durchaus kritisch nach, konnte Merkel aber nie aus der Ruhe bringen. Die Kanzlerin sieht keinen anderen Weg als den ihren - und der ist der einer gemeinsamen Arbeit in Europa, um die Krise zu bewältigen. Sie glaubt an diesen Weg - aber erst in den nächsten Monaten wird sich zeigen, inwieweit sie Recht behalten wird.

22:45 Uhr: Das Gespräch ist vorbei - auf Twitter geht es munter weiter...

22:43 Uhr: Will fragt: "Was müsste passieren, dass Merkel einen Rückzieher macht?" Merkel: "Ich sehe nichts. Und: Wenn man daran glaubt, dann kann man Berge versetzen." Die Kanzlerin: "Wer 24 Stunden für Plan A kämpft, der hat keine Zeit für Plan B."

22:38 Uhr: Merkels Auftritt ist beeindruckend - egal, wie man zu ihr steht: Die Kanzlerin präsentiert sich sehr selbstsicher. Das wirkt zum Teil etwas stur und kompromisslos, aber eben auch stark und ihrer Linie treu bleibend - von der sie der Meinung ist, dass sie alternativlos sei.

22:35 Uhr: Merkel: "Ich bin sehr optimistisch, dass uns der europäische Weg gelingt. Eindeutig lohnt es sich, für diesen Weg zu arbeiten."

Und: "Ich glaube, dass ich Deutschland diene, wenn ich es anders mache, als meine Kritiker es fordern"

22:33 Uhr: Merkel: "Wir dürfen uns nicht nur um uns selbst drehen, sondern müssen uns alle um uns gemeinsam kümmern."

22:23 Uhr: Dieses Europa muss einen gemeinsamen Weg finden, sagt Merkel - und sieht Europa jetzt auf einem guten Weg. Will konfrontiert Merkel daraufhin mit einer Karte der Balkanroute - die quasi eine neue Außengrenze darstelle.

22:19 Uhr: Kriegen Sie jetzt die Quittung, damals im September die anderen europäischen Staaten nicht eingebunden zu haben? Merkel verneint: "Das kann man auch als humanitären Imperativ bezeichnen!" Sie macht vor allem Ungarn für die chaotischen Zustände damals verantwortlich.

22:16 Uhr: Merkel: "Ich habe die Grenzen nicht geöffnet, sie waren auf. Ich habe sie nicht zugemacht!"

Zwei Meinungen auf Twitter:

22:14 Uhr: Beifall beim Thema Obergrenze: Merkel will nichts mehr versprechen, was nur drei Wochen hält und dann revidiert werden muss. Das würde die Enttäuschung in die Politik nur noch viel größer werden lassen.

22:12 Uhr: Auf Twitter lässt sich die Diskussion zur Sendung kaum mehr nachvollziehen. Pro Sekunde rauschen Dutzende Tweets mit dem Hashtag #annewill durch das Netz - mehr Merkel-kritische als Merkel-freundliche.

22:11 Uhr: Wir arbeiten daran, die Zahl der Flüchtlinge, die zu uns kommen, spürbar zu reduzieren, sagt Merkel. Eine genaue Zahl könne sie aber nicht sagen. "Warum krampfen Sie da so rum?", fragt Will.

22:09 Uhr: Anne Will macht bisher eine gute Figur im Talk. Sie unterbricht, fragt nach, ist kritisch.

22:07 Uhr: Merkel wirkt nicht so, als ob sie sich in die Enge gedrängt fühlt. Sie verstehe die Sorgen in der Bevölkerung, fordert aber immer wieder mehr Zeit. Merkel bleibt bei ihrer Agenda.

21:58 Uhr: Ich habe Verständnis für die Ungeduld der Menschen, aber wir brauchen etwas Zeit. Bis dahin muss man sich aber gegenüber den Flüchtlingen benehmen, Angriffe sind nicht zu rechtfertigen, betont Merkel. "Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass der Weg, den ich eingeschlagen habe, der richtige ist. Natürlich muss man jetzt etwas justieren."

21:56 Uhr: "Ich glaube, wer auf Deutschland schaut, muss auf Europa und darüber hinaus schauen." sagt Merkel. 

21:50 Uhr:

"Wir schaffen das - war das zu naiv?", fragt Anne Will. Nein, sagt Merkel. Gerade denen, die noch helfen, besonders aktiv sind und deren Arbeit mittlerweile etwas untergeht in den Medien, dankt sie besonders. Aber die Zuversicht scheint ihr etwas zu fehlen. Argumente tun es jedenfalls. Merkel bleibt vage.

21.48 Uhr: Angela Merkel sieht eine Polarisierung der Gesellschaft, sagt sie. Es werden Szenen aus Clausnitz eingespielt. Die Bilder seien abstoßend und schrecklich.

21.45 Uhr: "Wann steuern Sie um, Frau Merkel?" Das sei die einzige Frage, die die Kanzlerin vor der Sendung kannte, betont Anne Will gleich zu Beginn des Talks.

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