Schlacht rettete die Moral

Tannenberg: Paul von Hindenburg wurde an der Ostfront zum Helden

In Deckung: Kaiserliche Truppen in einem Schützengraben bei der Schlacht bei Tannenberg. Es handelt sich um eine Stellung bei den Masurischen Seen.

In der Schlacht bei Tannenberg vom 26. bis 30. August 1914 geht Paul von Hindenburgs Stern auf. Vor allem militärisch. Der Waffengang vor 100 Jahren kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges gilt bei Militärexperten als Meisterleistung des Bewegungskrieges, auch wenn taktische und logistische Fehler auf der russischen Seite mitentscheidend für die Niederlage der Russen waren.

Dass die Schlacht in Wahrheit im nahen Allenstein stattfand, ist heute kaum mehr als eine Fußnote der Geschichte. Doch die Reichswehr, die im Westen bald im Stellungskrieg stecken geblieben ist, braucht dringend einen Erfolg. Und so behauptet man kurzerhand, dass die Schlacht in Tannenberg stattgefunden habe. Eine historische Sühne: 500 Jahre zuvor hatte sich der Deutsche Orden zwischen Tannenberg und Grünfelde einer polnisch-litauischen Streitmacht ergeben müssen.

Erich Ludendorff (1865 - 1937) war Hindenburgs Generalstabschef.

All dies begünstigt die Geburt des Heldenmythos’ von Paul von Hindenburg als „Retter des Vaterlandes“. Auch deswegen bringt es der Mann mit dem auffallend gezwirbelten Schnauzbart 1925 mit Hilfe der Rechtsparteien bis ins Amt des Reichspräsidenten. 1933 ernennt er Hitler zum Reichskanzler.

Zwei Armeen des Zaren, die unmittelbar nach der Mobilmachung die deutsche Grenze überschreiten, haben in Ostpreußen zunächst leichtes Spiel. Von Osten nähert sich die Njemen-Armee der Stadt Gumbinnen, während die Narev-Armee von Süden auf die Weichsel zumarschiert, um Ostpreußen vom Reich abzuschneiden. Am 8. August 1914 dann unterliegen die Deutschen bei Gumbinnen: Ostpreußen scheint verloren.

Der deutsche Kommandeur der 8. und einzigen Armee im Osten, Maximilian von Prittwitz und Gaffron, will den Rückzug antreten. Er verfolgt den Plan, Ostpreußen aufzugeben und sich hinter der Weichsel neu zu formieren - das militärische Gebot der Stunde.

Doch das Große Hauptquartier lehnt ab - und beruft stattdessen Paul von Hindenburg (66), General im Ruhestand, als Kommandeur. Noch am 23. August reisen er und sein neuer Generalstabschef Erich Ludendorff ins Kampfgebiet.

Paul von Hindenburg (1847 - 1934) war der Kommandeur der Truppen. Fotos: epd/dpa

Ludendorff will die 191 000 Mann starken russischen Verbände weiträumig umfassen. Das Risiko der Operation ist beträchtlich, doch der Plan geht auf. Am 27. August greifen die deutschen Truppen von Norden, Westen und Südwesten an. Es gelingt ein überwältigender Sieg gegen die überlegene Narev-Armee, bei der nahe Allenstein, dem polnischen Olsztyn, 120 000 Russen getötet werden und Zehntausende in Gefangenschaft geraten.

Kämpfe gehen weiter

Auf deutscher Seite begeistert gefeiert, ist die Schlacht Auftakt eines mörderischen Kampfes im Osten, der erst 1917 im Friedensschluss von Brest-Litowsk endet. Nach wiederholten russischen Attacken und einem zweiten großen Gefecht im September 1914 bringt der Februar 1915 die Entscheidung: Hindenburgs Truppen befreien Ostpreußen endgültig. Doch zu einem hohen Preis: „Städte und Dörfer lagen in Trümmern. Die Ernte des Jahres 1914 war vernichtet“, schreibt der Historiker Andreas Kossert. Ab 1926/17 wird eine monumentale Gedenkstätte errichtet, welches deutsche Truppen 1945 sprengen, ehe es den herannahenden Russen in die Hände fällt. (epd)

Von Dirk Baas
 

 Geburtsstunde der deutschen Funkaufklärung

Mehr als 240 000 Soldaten standen sich im August 1914 bei der sogenannten Schlacht bei Tannenberg (Ostpreußen, heutiges Polen) gegenüber. Die deutschen Truppen schlugen die russischen Streitkräfte in die Flucht. Der überraschende Sieg ist erklärbar, wie der Oberstleutnant a. D. Konrad Guthardt (99) aus Kassel darlegt.

Zur Person 

Oberstleutnant a. D. Konrad Guthardt wurde im September 1914 in Singlis (Borken) geboren. Während des Zweiten Weltkriegs war er Funker bei der Wehrmacht. Nach 1945 war Guthardt bei der Bundeswehr und arbeitete als Lehrer. Der Vater zweier Kinder ist verwitwet. Mit seiner Lebensgefährtin lebt er in Kassel. Der 99-Jährige wandert bis heute gerne. (Hof)

„Bei der Schlacht bei Tannenberg hatte die deutsche Funkaufklärung ihre Geburtsstunde“, sagt Guthardt. Er hat 1986 ein Buch über Elektronische Kampfführung verfasst. Ein Kapitel widmete er der Tannenberger Schlacht. Im etwa 130 Kilometer entfernten Königsberg befand sich eine Großfunkstelle der kaiserlichen Truppen. Diese hatte die Funktion, den russischen Funkverkehr systematisch zu überwachen. Dabei kamen den Horchposten zwei unverschlüsselte Funksprüche zu Ohren. Darin enthalten: Marschrouten und Kräfteverteilung der im Osten befindlichen Njemen- und der im Süden stationierten Narew-Armee.

Die deutschen Befehlshaber um Paul von Hindenburg reagierten mit einer mutigen Operation. Sie zogen zwei Korps aus dem Norden ab und verstärkten damit die Truppen im Großraum Tannenberg. Die Russen wurden eingekesselt und geschlagen. „Wenn man weiß, was der Feind will“, erklärt Guthardt, „kann man ganz andere Maßnahmen treffen.“ Aus diesem Grund werde die Elektronische Kampfführung bis heute betrieben.

Das Ziel sei damals wie heute, „die elektronischen Ausstrahlungen des Gegners – etwa Funksprüche oder Radarsysteme – zu erfassen und für die eigene Truppenführung auszuwerten.“ (hof)

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