Familienunternehmen bestätigt Verhandlungen

Tegut stellt Weichen für Verkauf

Fulda/Kassel. Vieles spricht dafür, dass die Fuldaer Handelsgruppe Tegut bald einen neuen Besitzer hat. Inhaber Wolfgang Gutberlet (68) bestätigte gegenüber der Lebensmittelzeitung Verhandlungen mit der Schweizer Genossenschaft Migros Zürich, die einen Umsatz von umgerechnet 20,46 Milliarden Euro hat.

Seit geraumer Zeit sucht das Familienunternehmen einen Investor: Der Umsatz wächst nur marginal. Zuletzt lag er bei 1,16 Milliarden Euro. Handelsketten wie Rewe oder Edeka scheiden aufgrund ihrer Größe aus und weil sie sich den Markt mit Tegut teilen. Märkte müssten geschlossen werden. Hans-Richard Schneeweiß, Geschäftsführer der Edeka-Hessenring in Melsungen, winkt daher bei diesem Thema ab: „Kartellrechtlich ist dies nicht möglich.“ Was liegt näher, als sich im Freundeskreis nach einem Partner umzuhören. Naturkosthändler Alnatura aus dem südhessischen Bickenbach arbeitet mit dem Marktführer des Schweizer Einzelhandels Migros zusammen. Der Plan: In der Schweiz soll ein neues Konzept für Bio-Märkte eingeführt werden, die Migros betreiben will. Alnatura-Gründer Götz Rehn zählt zu den Geschäftsfreunden von Wolfgang Gutberlet. 1984 hat er in Fulda Alnatura gegründet.

Was nun den Ausschlag gegeben hat, die Suche nach einem Partner öffentlich zu machen, fällt ins Reich der Spekulation: Finanzielle Gründe? Oder wirkte ein Rosenkrieg und der folgende Familienzwist im Kreise der Inhaber als Beschleuniger? Der Einstieg Migros käme zu rechten Zeit. Spätestens als Tegut den Bau eines Logistikzentrums mit Kühllager an der A 7 bei Hünfeld im Dezember stoppte, sprachen Branchenkenner hinter vorgehaltener Hand von „angespannter Geschäftslage“. Auch sollen die Mittel gefehlt haben, um nach der Übernahme der 20 Tengelmann-Märkte im Rhein-Main-Gebiet, die Läden umzubauen, so die Lebensmittelzeitung. Die Investitionen in die zugekauften Flächen seien ausgesprochen dürftig ausgefallen. Thomas Gutberlet hatte dennoch unlängst in der Fuldaer Zeitung gesagt: „Wir haben kein Jahr für besonders gute Ergebnisse, und so nehmen wir in diesem Jahr auch Schließungen etwa von unrentablen Märkten vor. Aber Tegut befindet sich keineswegs in einer Krise.“ Frei von Nöten dürfte das Geschäft dennoch nicht sein. Im Fall einer Übernahme würde dies auf den Preis drücken. Wäre Tegut eine sorgenfreie Handelsgruppe, wären 20 bis 25 Cent pro Euro Umsatz realistisch – 232 bis 290 Millionen Euro. Geschlossen wurden in der Region Märkte in Hessisch-Lichtenau und Helsa. Gudensberg folgt 2013. „Wenn Märkte gut laufen und in die Jahre gekommen sind, werden sie auch regeneriert“, sagt Tegut-Sprecherin Andrea Rehnert. In Bad Hersfeld sei ein Markt umgebaut worden. Geschlossen würden nur Märkte, deren Mietvertrag ausläuft und bei denen sich gezeigt hat, dass sie nicht mehr wirtschaftlich seien.

Kommentar: Eine gute Wahl

Tegut und Migros – das wäre kein schlechtes Paar. Die anspruchsvollen Kunden der Fuldaer Handelsgruppe würden wahrscheinlich an den Eigenmarken der Züricher Genossenschaft Gefallen finden. Die Markenvielfalt würde vermutlich steigen. Sie spielt im Sortiment der Schweizer nur eine Nebenrolle. Ein Einstieg eines Großhändlers mit gut gefüllter Kasse hätte für Tegut zudem den Charme, dass das Konzept von Tegut in Teilen auch künftig Bestand haben könnte: Biolebensmittel neben Produkten auf Discounterniveau. Schon längere Zeit hat die Branche darüber spekuliert, dass Tegut einen Partner brauchen würde. Seit Jahren legt der Umsatz der Fuldaer Handelsgruppe nur gering zu, obwohl die Zahl der Märkte stetig steigt. Ob solch ein Geschäftsmodell profitabel ist, darüber lässt sich nur spekulieren. Wahrscheinlicher ist, dass in Fulda zuletzt von der Substanz gelebt wurde. Ein Sortiment mit hohem, aber auch teurem Bio-Anteil dürfte in Zeiten schlechter Konjunktur eher Ballast als Ertragstreiber sein. Zumal die Margen im deutschen Einzelhandel generell sehr gering sind. Migros hat mit Alnatura bereits einen Spezialisten für Bio-Märkte ins Boot geholt. Von einem Einstieg bei Tegut würde Migros trotzdem profitieren: Der Schweizer Markt wird für die Genossenschaft schon längst zu klein sein, Deutschland bietet da weit mehr Möglichkeiten.

Von Martina Wewetzer

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