Atomkraftwerkes Fukushima sinkt in Erdboden

Nuklearexperte: „Tepco genießt nur wenig Vertrauen“

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Der ehemalige japanische Botschafter Mitsuhei Murata und Umweltorganisationen berichten, dass Block 4 des Atomkraftwerkes Fukushima in den Erdboden einsinkt, da dieser aufgeweicht sei.

Schuld soll das Kühlwasser für die Brennelemente sein. Wir sprachen mit dem Ingenieur für Nukleartechnik Gerhard Schmidt.

Ist ein Aufweichen und dadurch bedingtes Einsinken des Gebäudes möglich?

Gerhard Schmidt: Ich sehe derzeit keinen Hinweis darauf, dass Wasser aus dem Kühlbecken der Brennelemente austritt. Das dort zum Kühlen hineingepumpte Wasser wird an anderer Stelle wieder abgeführt und entweicht nicht in den Keller des Gebäudes. Ein Absinken des Gebäudes durch eine zusätzliche Wasserlast ist dann vorstellbar, wenn Grundwasser in die Kellerräume eindringt, was bei allen Gebäuden nicht ausgeschlossen ist. Die Kellerräume aller Reaktorblöcke sind undicht, bei Block 4 stammt das Wasser im Keller allerdings aus Block 3.

Es ist die Rede davon, dass der Block 4 bereits um 80 Zentimeter eingesunken sein soll. Droht eine neue Katastrophe?

Schmidt: Ein Einsinken von 80 Zentimetern könnte kein AKW-Betreiber verheimlichen. Es gibt derzeit keinen Beleg für diese Behauptung. Tepco selbst spricht in seinen Überprüfungsberichten lediglich von einem Absinken von 4,6 Zentimetern an einem von insgesamt 100 Messpunkten von Block 4. Dies führt der Betreiber auf die zusätzliche Last aus dem neu aufgesetzten Deckel zurück. Die Begründung für die beobachtete Setzung halte ich für plausibel.

Wozu wurde ein Deckel auf Block 4 aufgesetzt?

Schmidt: Ab diesem Jahr sollen die Brennstoffe aus dem Kühlbecken entnommen werden, das darf nicht unter freiem Himmel geschehen. Werden zum Beispiel Elemente bei der Entnahme beschädigt, käme es zu einem Radioaktivitätsausstoß. Ist das Gebäude verschlossen, dann ist dieser unbedenklich, da er nicht ungefiltert in die Umwelt entweichen kann.

Wie vertrauenswürdig sind die Angaben des AKW-Betreibers Tepco?

Schmidt: Tepco hat in der Vergangenheit massive Fälschungen einräumen müssen und genießt daher in der Öffentlichkeit nur wenig Vertrauen. Wer die nun veröffentlichten Messergebnisse des Betreibers anzweifelt, muss allerdings gute Argumente haben. Es ist schwer, Tepco etwas anderes nachzuweisen, es sei denn, die neu aufgestellten Aufsichtsbehörden haben definitiv andere Messergebnisse und kommen ihrer Informationspflicht gegenüber der Öffentlichkeit auch nach.

Ist ein Absinken des Gebäudes überhaupt gefährlich?

Schmidt: Ein Absinken ist solange nicht beunruhigend, solange es gleichmäßig geschieht und wir nicht von mehreren Metern Senkung sprechen. Besonders fatal wären ungleichmäßige Gebäudeabsenkungen. Bei extremer Neigung von etwa einem Meter würde der Brennelementepool an einer Ecke nicht mehr genug Wasser führen.

Ungleiche Absenkungen können beim Lagerbecken auch zu Rissen und massivem Wasserverlust führen. Die Brennelemente würden sich erhitzen, ihre Metallhülle zerstören und anschließend Cäsium freisetzen. Dann hätten wir eine neue Katastrophe. Deshalb ist es so wichtig, die Brennstäbe möglichst rasch aus dem unsicheren Lagerbecken zu entnehmen und in Behälter zu verpacken.

Hat Tepco für solche Fälle einen Notfallplan?

Schmidt: Ja sicher. Aber meiner Einschätzung nach wäre Tepco bei einem massiven Wasserverlust aus dem Becken nicht in der Lage, die Brennelemente schnell genug herauszunehmen und in Trockenlagerbehälter zu setzen. Die Trockenlagerbehälter müssten erst herangeschafft werden, und die Verpackung dauert bei sorgfältiger Vorbereitung ihre Zeit. Sollte das gesamte Wasser im Becken verloren gehen und nicht nachgespeist werden können, würde es sogar zu einer noch größeren Katastrophe führen, als vor zwei Jahren. (flq)

Zur Person:

Gerhard Schmidt (62) hat in Darmstadt Chemische Technologie an der Fachhochschule studiert. Beim Öko-Institut mit Hauptsitz in Freiburg arbeitet er als Ingenieur im Bereich Nukleartechnik und Anlagensicherheit. Gerhard Schmidt ist ledig und lebt in Darmstadt.

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