Katastrophen-AKW in Fukushima: 300 Tonnen radioaktiv belastetes Wasser fließen täglich ins Meer

Tepco kämpft gegen Strahlenflut

Lagertanks in der Erde (vorn) und darüber (hinten): Die Regierung von Japans Premier Shinzo Abe (kleines Bild) spricht in Fukushima wieder von Notstand. Fotos: dpa

Fukushima. „Radioaktiv belastetes Wasser fließt ins Meer, und wir können es nicht verhindern“: Diesem Eingeständnis von Masayuki Ono, dem Chef des Katastrophen-Atomkraftwerks Fukushima, folgten am Mittwoch Zahlen.

Vermutlich gehe das schon zwei Jahre so; 300 Tonnen verstrahlte Brühe, so Japans Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe, schwappen täglich in die Pazifikbucht, an der im März 2011 der GAU aus Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze Fukushima zur Langzeit-Risikoruine machte.

Tokio spricht von Notstand. Und will sich nun stärker ins Krisenmanagement des AKW-Betreibers Tepco einschalten - auf Kosten der Steuerzahler. Beim finanziell klammen Tepco-Konzern, so Shinji Kinjo, Chef der Atombehörde, sei das Bewusstsein für die Krise nur gering ausgeprägt. Verharmlosung, Vertuschung und Lügen vor der Tsunami-Katastrophe und danach hatte der Atomkomzern schon 2012 in einem 32-Seiten-Papier eingeräumt.

Riesige Tanklager

Dezeit wissen Aufräumtrupps zwischen einem riesigen Feld von gelegentlich lecken Tanks und Containern und unteriridischen Reservoirs bald nicht mehr, wohin mit den strahlenden Fluten: Hunderte Tonnen Kühlwasser sammeln sich unter den geborstenen Reaktoren jeden Tag, hunderte Tonnen hochradioaktives Grundwasser sickern dazu.

Gegen wachsenden Grundwasseranstieg soll nach innen ein unterirdischer Wall aus gefrorenem Boden die Atomruine abschirmen: Kühlmittel in 1,4 Kilometer langen Rohren sollen dazu den Untergrund vereisen. Richtung Meer soll das Abpumpen eines Brunnens den Grundwasserfluss bremsen. Das hat nach Angaben der japanischen Zeitung Mainichi Shimbun die Atombehörde angeordnet, nachdem Tepco versucht hatte, den Boden als Barriere zur Bucht hin chemisch auszuhärten. Vergeblich: Das Wasser fließt einfach drumherum.

Ungeachtet der prekären Lage in Fukushima hat Japans Regierung Atomausstiegspläne des ersten Schocks längst beerdigt: Zwei der 50 heruntergefahrenen Atommeiler gingen schon 2012 wieder ans Netz, weitere könnten 2014 folgen, hieß es jetzt. Parallel sollen aber auch Wind- und Solarenergie ausgebaut werden. Vor der Katastrophe erzeugte das Land ein Drittel seiner Elektrizität mit Atomkraft.

Hintergrund

Als Held gefeiert, an Krebs gestorben

• Masao Yoshida, Ex-Chef des AKW Fukushima, starb am 9. Juli an Speiseröhrenkrebs. Japans Presse feierte ihn als Helden, als bekannt wurde, dass Yoshida sich nach der Havarie Anweisungen von Tepco widersetzt hatte, um den Meiler zu kühlen. Mit Fukushima habe Yoshidas Krebs nichts zu tun, so Tepco.

• Nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zum zweiten Jahrestag der Katastrophe ist das Krebsrisiko in den verstrahlten Gebieten Japans nur leicht erhöht. Hingegen geht die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW von 22 000 bis 66 000 Krebsfällen als Folge von Fukushima aus. www.ippnw.de

Atommüll in schwarzen Säcken

• 315 000 Menschen lebten im März 2013, zwei Jahre nach der Katastrophe, noch in provisorischen Unterkünften, verteilt über alle Provinzen Japans, schreibt „Der Spiegel“ unter Berufung auf die Wiederaufbaubehörde.

• Am Rand der 20-Kilometer-Sperrzone durften Bewohner zurückkehren: Sie müssen aber selbst dafür sorgen, ihre Häuser und Gärten zu dekontaminieren. Das geht so: Häuser mit Papiertüchern abwischen, Gräser und Blätter aufsammeln und die Erde - wo es geht - fünf Zentimeter tief abragen. Das Ganze wandert in schwarze Säcke, die sich zu Tausenden als kleine Atommüllhalden in der ganzen Region stapeln, auf Feldern, Höfen und an Straßenrändern. (dpa)

Von Wolfgang Riek

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