Behandlung von Privatpatienten bringt Ärzten 2,5-faches Honorar

Kassenpatienten warten länger als Privatpatienten

Blick in ein Arztwartezimmer - hier im brandenburgischen Briesen. Foto: dpa

Kassel/Berlin. Kassenpatienten in Hessen müssen deutlich länger auf Arzttermine warten als Privatpatienten. Das besagt eine Telefonerhebung der Grünen im Bundestag, die drei Wochen lang hessenweit 470 Facharztpraxen angerufen haben.

Immer zweimal - mit demselben Problem, aber einmal als gesetzlich Versicherter (GKV) und einmal als Privatpatient (PKV).

• Im Schnitt dieser Erhebung warteten Kassenpatienten 36 Tage auf den Arzttermin, Privatversicherte 16 Tage.

• Nordhessen lag leicht schlechter: 41 Tage warteten GKV-Patienten, 20 Tage privat Versicherte im Schnitt. Die Grünen haben in Kassel, Baunatal, Bad Hersfeld, Korbach, Melsungen und Fritzlar insgesamt 70 Praxen angerufen. Je 14 Terminwünsche gingen an Augen- und Hautärzte, je sieben an HNO-Ärzte, Kardiologen, Radiologen, Neurologen, Orthopäden und Internisten.

• Den extremsten Unterschied in der Region meldet der Telefontest der Grünen von einem Kasseler Hautarzt: 135 Tage sollte sich der Kassenpatient gedulden, elf Tage der Privatversicherte. „Spitzenreiter“ war hier ein Augenarzt aus Darmstadt: Der Kassenpatient sollte sich ein Jahr gedulden, der privat Versicherte 44 Tage.

• Bei Augenärzten fielen die Unterschiede besonders krass aus (33 Tage), besonders klein bei Kardiologen (drei Tage).

• Lichtblick für Kassenpatienten: Landesweit machte jede vierte Arztpraxis bei der Terminvergabe keinen oder kaum einen Unterschied zwischen GKV- und PKV-Patienten. Andererseits wollten 17 der 470 Testpraxen Kassenpatienten gar nicht nehmen.

Rund 85 Prozent der Bundesbürger sind gesetzlich versichert, gut jeder zehnte privat. Die Grünen wundern sich nicht über das Ergebnis ihrer Anrufaktion: „Für die Behandlung eines Privatpatienten bekommt ein Arzt im Schnitt das 2,5-fache Honorar.“ Die Bundestagsabgeordnete Nicole Maisch, Sprecherin für Verbraucherpolitik, gegenüber unserer Zeitung: „Wir wollen gesetzliche und private Krankenversicherung in einer Bürgerversicherung zusammenführen, hin zur echten Solidargemeinschaft, wo jeder entsprechend seiner Leistungsfähigkeit zahlt und jeder beim Arzt nach seinen Bedürfnissen behandelt wird.“

Interview mit Nicole Maisch

 

Ohne auf die Untersuchung im Detail einzugehen sagte Karl Matthias Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen: „Unterschiede, was die Qualität der ambulanten Medizin und Versorgung betrifft, gibt es nicht, Serviceunterschiede da und dort schon.“ Dabei rede man ausdrücklich nicht von Notfällen, so Roth. Die Serviceunterschiede ließen sich mit dem Kostendruck in den Praxen erklären. Ambulante Medizin sei seit Jahren unterfinanziert. Ärzte müssten die Behandlung von Kassenpatienten mit Privatpatienten quersubventionieren. Für diese werde meist ein Teil der Sprechstunden reserviert, was die rasche Terminvergabe erkläre, so der KV-Sprecher.

Service

• Bei Terminvereinbarungen mit Arztpraxen sollten Patienten mit akuten Beschwerden, mit Schmerzen oder Angst vor schwerer Krankheit dies klipp und klar benennen, sagt Daniela Hubloher von der Verbraucherberatung Hessen.

• Es gebe aus medizinischer Sicht Dinge, die warten könnten, andere aber nicht. Im Zweifel sollten Versicherte den Arzt selbst am Telefon verlangen.

• Etwa die Hälfte der in Hessen tätigen Krankenkassen biete ihren Versicherten zudem die Vermittlung von Fachärzten an. Hubloher: „Fragen Sie Ihre Kasse, fragen Sie auch Ihren Hausarzt, ob er vermitteln kann.“ Check der Stiftung Warentest: www.test.de/thema/gesetzliche-krankenkassen

Von Wolfgang Riek

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