Papst Franziskus hat das jetzt begonnene Heilige Jahr der Barmherzigkeit

Was bedeutet Barmherzigkeit? „Nicht lange überlegen, einfach handeln“

Papst Franziskus hat das jetzt begonnene Heilige Jahr der Barmherzigkeit gewidmet. Wir sprachen mit dem Theologen Wunibald Müller über die Bedeutung dieses Begriffs in der heutigen Zeit.

Herr Müller, was bedeutet für Sie Barmherzigkeit? 

Wunibald Müller: Für mich heißt das, mich eines anderen zu erbarmen, ohne lange nachzudenken, alles abzuwägen, aus einem fast instinkthaften Verhalten heraus.

Fällt Ihnen dazu eine Alltagssituation ein? 

Müller: Man sieht einen Gehbehinderten, der allein nicht zurecht kommt. Ich kann vorbeigehen oder ihn am Arm nehmen und dorthin bringen, wo er hin möchte. Nicht lange überlegen, einfach tun.

Wie hält man es mit dem Bettler, der sein Erbetteltes mutmaßlich anderen abliefern muss? 

Müller: Das kenne ich auch. Ich halte es mal so, mal so. Manchmal setze ich mich auch einen Moment dazu und spreche mit dem Bettler. So wird es zu einer menschlichen Begegnung.

Was unterscheidet Barmherzigkeit von Mitleid?

Müller: Mitleid ist die Voraussetzung. Ich leide mit einem Menschen und erbarme mich, trete in Aktion, tue etwas für ihn. Ganz entscheidend ist dabei, dass ich auf Augenhöhe bin, nicht von einem Thron herabsteige.

Wir leben in einem reichen Land, am Samstag kamen bei einer Spendengala im Fernsehen fast 19 Millionen Euro zusammen. Alles Barmherzige? 

Müller: Manche Spende hat sicher einen gewissen PR-Effekt. Aber viele Menschen sind bewegt und verzichten auch auf etwas, um helfen zu können.

Auch für Flüchtlinge wird viel gespendet - und sei es ein Winterpullover. Ist das allein schon barmherzig oder beruhigt man so nur sein Gewissen? Müsste man nicht jemanden aufnehmen, einfach mehr tun? 

Müller: Das hängt von der persönlichen Situaton ab. Etwas zu geben, kann natürlich Ausdruck von Barmherzigkeit sein. Jemanden aufzunehmen, ist sicher etwas Gutes. Man man kann sich damit aber auch überfordern. Das ist dann gut gemeint, stößt aber an die Grenzen der eigenen Möglichkeiten.

Sie befassen sich beruflich viel mit Konfliktthemen in der katholischen Kirche wie Zölibat und Homosexualität. Wie barmherzig ist Ihre Kirche denn da? 

Müller: Sie ist zumindest auf dem Weg, müsste aber auch die Konsequenzen ernster nehmen. Was hilft Geschiedenen eine Barmherzigkeit, die den Schritt nicht tut, sie auch zur Kommunion zuzulassen? Homosexuelle zu respetieren, ohne ihre Liebe als solche anzuerkennen, ist auch nicht barmherzig. Im Übrigen: Sie wollen auch keine Barmherzigkeit, die sie erst zu Sündern macht, sie wollen Anerkennung, sonst wenden sie sich ab.

Barmherzigkeit ist für das Pontifikat Franziskus das Leitmotiv, hoffen Sie auf Veränderung? 

Müller: Mit Papst Franziskus hat das Klima der Barmherzigkeit das Klima der Angst abgelöst. Um auch Taten folgen zu lassen, müsste aber auch die katholische Lehre auf den Prüfstand, müsste der Papst die Konsequenzen ziehen. Ob er es das wirklich tun wird, weiß ich nicht.

Zur Person

Wunibald Müller (65) ist katholischer Theologe, Psychotherapeut und Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei MünsterSchwarzach, einem Therapiezentrum für Priester mit psychischen Problemen. Müller ist verheiratet und zweifacher Vater, er lebt in Würzburg.

Rubriklistenbild: © dpa

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