SPD-Politiker fordern Ausschluss aus der Partei

Schon ein Bestseller - aber voller Fehler: So wird Sarrazins neues Buch aufgenommen

+
Thilo Sarrazins neues Buch "Feindliche Übernahme" schlägt bereits am Erscheinungstag hohe Wellen.

Schon am ersten Tag landet "Feindliche Übernahme", das neue Buch von SPD-Politiker Thilo Sarrazin, auf Platz eins der Amazon-Bestseller-Liste. Zehn Fakten zu dem höchst umstrittenen Werk.

Es schnellt gleich auf Platz eins der Amazon-Bestseller-Liste, Medien entdecken darin zahlreiche Defizite sowie Sachfehler und die SPD erwägt erneut einen Parteiausschluss des Politikers. Wir haben zehn Fakten zu "Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht" von Thilo Sarrazin zusammengetragen.

1. „Feindliche Übernahme“ landet sofort auf Platz eins der Amazon-Bestseller-Liste

Am 30. August erscheint „Feindliche Übernahme“ und damit genau acht Jahre, nachdem Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ veröffentlicht hat. Sein erstes Buch hat hohe Wellen geschlagen und für heftige Kontroversen gesorgt, nun steht sein zweites Buch schon am Morgen des Erscheinungstages auf Platz eins der Amazon-Bestsellerliste, die auf Bestellungen basiert und stündlich aktualisiert wird.

2. Das neue Buch ist noch schärfer als „Deutschland schafft sich ab“

„Feindliche Übernahme“ hat nur ein Thema: den Islam. Und den geht Sarrazin noch heftiger an als in seinem ersten Buch. Auf fast 500 Seiten beschreibt der frühere Berliner Finanzsenator die Religion als rückständig und wissensfeindlich, Muslime hätten große Integrationsdefizite, ihre Länder seien schwach in „der Schaffung von Wohlstand“, in der „Bildung ihrer Menschen“ und in Wissenschaft und Technik. Durch die Einwanderung drohten in Deutschland Gewalt und Kopftücher überall – eine Invasion der Muslime quasi, der dringend entgegengewirkt werden müsse.

3. Sarrazin hat den Koran gelesen

Sarrazin wolle „nicht von Behauptungen und Einschätzungen aus zweiter Hand leben“. Daher habe er den Koran „von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen“, schreibt er. Sein Ergebnis: Der Koran sei aggressiv, ungeordnet, emotional, wenig abstrakt und sehr schlicht. Etwas Positives kann er ihm nicht abgewinnen. Aus seiner Rezeption des Korans (in deutscher Übersetzung – mit dem Übersetzer hat er allerdings nicht gesprochen) leitet er pauschal Thesen über Muslime ab. Der Islam sei gewalttätig, würde das Individuum unterdrücken und eine „geistige Steppe im Leben der Völker“ verursachen.

4. Sarrazin nimmt den Koran wörtlich

Dabei nimmt er den Koran wörtlich – wie ein Islamist, so schreibt es der Tagesspiegel: „Er sucht sich jene Elemente heraus, die seinem Zweck dienen.“ Auf Historisierung und Kontextualisierung des Korans verzichtet er. Es gebe auch Muslime, die das tun, merkt die Süddeutsche an: „Allerdings nicht sehr viele. Sie tragen meist lange Bärte und gelegentlich einen Sprengstoffgürtel.“

5. Im Buch wirft Sarrazin Muslimen vor, die Welt beherrschen zu wollen

Eine der Kernthesen des Buches ist, wie es Heinz Buschkowsky (SPD) bei einer Pressekonferenz zusammenfasste: Die Geburtenrate der Muslime sei das eigentliche Problem und die eigentliche Bedrohung für die westliche Welt. Dadurch, dass Muslime mehr Kinder kriegen würden als Deutsche, und aufgrund des Zuzugs von Migranten würden Muslime in zwei oder drei Generationen die Mehrheit in Deutschland stellen. In einem Streitgespräch mit der Zeitschrift Stern sagte Sarrazin: "Sie können dann die Gesetze ändern, Deutschland und Europa so gestalten, wie sie es haben wollen.“ Er wirft den Muslimen vor, nach Weltherrschaft zu streben – wegen eines „mentalen Profils, das leider sehr stabil ist.“

6. Der Autor plädiert dafür, den Zuzug von Migranten zu verhindern.

Um zu verhindern, dass Europa demografisch durch den Islam überwältigt werde, müsse dem Zuzug entgegengewirkt werden, schlussfolgert Sarrazin. Einige seiner Vorschläge: Es müsse an Schulen ein generelles Kopftuchverbot gelten, Migranten müssten bis zu 30 Tage in Transitzonen bleiben, hier müssten DNA- und Iris-Scans für alle verpflichtend sein und abgelehnte Asylbewerber müssten auch dann in ihre Herkunftsländer zurückgeführt werden, wenn diese Länder die Rücknahme ablehnten – „notfalls unter militärischem Schutz.“

7. Medien weisen auf zahlreiche Sachfehler und Defizite im Buch hin

Unter anderem die Süddeutsche kritisiert zahlreiche Defizite des Buches: „Offenbarungszusammenhänge? Einordnung zumindest in die mekkanische und medinensische Phase, die den Propheten Mohammed vom Staatsgründer Mohammed trennt? Basiskenntnisse über die Arabische Halbinsel in der Spätantike? Das hat Sarrazin nicht nötig“, heißt es hier. Darüber hinaus sieht die Zeitung sachliche Fehler „auf fast jeder Seite“ im Werk des Politikers: So verwechsele Sarrazin Blasphemie (Verhöhnung von Glaubensinhalten) und Apostasie (die Abwendung von einer Religionszugehörigkeit), er behaupte, Muslimen sei die Heirat mit Ungläubigen verboten und muslimische Frauen könnten sich nicht scheiden lassen – beides sei falsch. Genitalverstümmelungen und Sklaverei seien nicht wie von Sarrazin dargestellt exklusiv muslimische Verbrechen und das Christentum habe sich nicht wie behauptet im Römischen Reich völlig gewaltfrei entwickelt.

Bei einer Pressekonferenz hat Thilo Sarrazin sein neues Buch vorgestellt.

Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung moniert zahlreiche Fehler: Jahreszahlen seien falsch, beispielsweise die zur Eroberung von Bagdad durch die Mongolen, geografische Daten stimmen nicht – so ist der Sudan kein Teil des Maghreb, wie Sarrazin schreibt –, und Namen und Vornamen würden regelmäßig falsch geschrieben. Angeblich haben Problemstaaten in Afrika und Asien gemeinsam, dass die Menschen dort überwiegend Muslime seien. Die FAZ stellt klar: „63 Prozent der Einwohner von Subsahara-Afrika sind jedoch Christen; ihre Staaten gehören zu den ärmsten der Welt.“ Als „völlig absurd“ bezeichnet die Zeitung zudem die Behauptung, der Islam biete „keinen Anreiz zur Wissbegier.“ „Weiß Sarrazin denn nichts von der kreativen Periode der arabischen Wissenschaften, die 800 Jahre gedauert hat?“

8. Das Buch wird von Medien scharf kritisiert

In zahlreichen Zeitschriften und Zeitungen wird "Feindliche Übernahme" scharf kritisiert. Unter anderem heißt es in den Rezensionen:

"Das Buch besteht seitenlang aus Tabellen, Auflistungen und Zitaten. Es ist die gut sortierte Daten- und Materialsammlung eines Besessenen." Der Tagesspiegel

"Sein Buch ist in diesem Sinne zutiefst destruktiv; es kann nur Vertrauen zerstören." Ntv

"Die neue Kampfschrift von Thilo Sarrazin ist absurd, oberflächlich und voller Fehler. Mit ihr offenbart er vor allem eines: bestürzende Unkenntnis." Frankfurter Allgemeine Zeitung

"I mmer wieder vermengt Sarrazin bei seiner Argumentation die Ebenen. Er wechselt von der Präsentation oder Analyse vermeintlicher Fakten zu anekdotischen Interpretationen oder Meinung. Immer wieder wird dabei deutlich, worum es Sarrazin geht: Den Islam als Bedrohung zu stigmatisieren." T-online

"Unabhängig von politischen Bewertungen fallen in dem umfangreichen Text mit zahllosen Zitaten und Quellenangaben immer wieder Verallgemeinerungen, Übertreibungen und Unstimmigkeiten auf." Focus

"Man muss davon ausgehen, dass neben Rassisten und Rechten auch Menschen dieses Buch kaufen werden, die ehrliche Fragen an den Islam haben, die manches nicht verstehen, vielleicht fürchten und hier die schlechtesten aller Antworten finden." Süddeutsche

9. Sein früherer Verlag Random House wollte "Feindliche Übernahme" nicht veröffentlichen

Gegen seinen früheren Verlag Random House ist Sarrazin vor Gericht gezogen: Nachdem bei der dva, die zu Random House gehört, „Deutschland schafft sich ab“ veröffentlicht worden war, wollte der Verlag auch das zweite Werk des Politikers herausbringen. Nach Manuskriptabgabe überlegte er es sich aber anders. Im Magazin Zeit begründete Verleger Thomas Rathnow das mit einer schwachen Argumentation Sarrazins. Der Politiker entwerfe vom Islam ein Bild, das „einer Geißel der Menschheit gleichkommt“. Er selbst sehe die Gefahr, dass "antimuslimische Ressentiments verstärkt werden".

Sarrazin wirft dem Verlag Rufschädigung vor und verlangt 800.000 Euro Schadenersatz. Im Prozess hat nun Rainer Dresen, der Chefjustitiar des Verlags, zugegeben, eine Falschaussage getätigt zu haben: Dass Sarrazin, wie zunächst angegeben, eine Prüfung des Werks durch einen Gutachter abgelehnt habe, sei nicht richtig.

10. SPD-Politiker argumentieren für einen Parteiausschluss des Autors

Noch immer ist Sarrazin Mitglied der Partei SPD. Nach Erscheinen des Buchs fordert Juso-Chef Kevin Kühnert in der Rhein-Neckar-Zeitung von Donnerstag, den Politiker rauszuwerfen. Mit den Grundwerten der SPD habe der Autor schon lange nichts mehr zu tun. Gegenüber dem Focus sagte auch SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil: "Inhaltlich hat sich Sarrazin schon lange von der SPD verabschiedet“ und warf ihm Rechtspopulismus vor. Thüringens SPD-Landeschef Wolfgang Tiefensee bescheinigte Sarrazin sogar rechtsradikales Gedankengut und fordert ihn auf, die Partei zu verlassen.

Der Parteiausschluss ist bereits mehrmals diskutiert worden – und wieder verworfen. Zuletzt im Jahr 2011: Damals hatten die Bundes-SPD und weitere Antragssteller einen Rückzieher gemacht, da Sarrazin versichert hatte, sich nun an die Grundsätze der Partei halten zu wollen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.