Vor 70 Jahren

Die „Gustloff“ riss Tausende in den Tod: "Mit erforenen Kindern im Arm"

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Sie war der Stolz der deutschen „Kraft-durch-Freude-Flotte“: die Wilhelm Gustloff, 208 Meter lang, Verdrängung: 25 484-Bruttoregister-Tonnen. Unser undatiertes Archibild zeigt die Gustloff auf hoher See. 1937 als Kreuzfahrtschiff in Dienst gestellt, diente sie seit November 1940 als Wohnschiff für die 2. U-Boot-Lehrdivision in Gotenhafen bei Danzig. Am 30. Januar 1945 sank sie nach einem Torpedotreffer durch das sowjetische U-Boot S 13.

Kassel. Die Torpedierung der Wilhelm Gustloff am 30. Januar 1945 vor der pommerschen Küste führte zu dem wohl opferreichsten Untergang eines einzelnen Schiffes – 9300 Menschen starben.

Januar 1945, Deutschland liegt am Boden, kämpft aber weiter. An der Ost- front rückt die Rote Armee vor. 2,5 Millionen Menschen sehen sich zwischen russischer Front und Ostsee eingekesselt, Flüchtlinge und Soldaten drängen sich um die letzten Fluchtwege – die führen über See.

In Gotenhafen (Gdynia) bei Danzig liegt die Wilhelm Gustloff. Einst für 1500 Passagiere konzipiert, die hier „Kraft durch Freude“ tanken sollten, ist sie jetzt, am 30. Januar 1945, die letzte Hoffnung für viele, der erwarteten Rache der Sowjetsoldaten zu entgehen. Bis zu 10.600 Menschen, die Zahl konnte nie ermittelt werden, drängen sich auf allen Decks der Gustloff, als das Schiff gegen 13.10 Uhr mit nur leichtem Begleitschutz ablegt.

Minengefahr, U-Bootgefahr, Fliegergefahr, Überladungsgefahr – die vier Kapitäne an Bord sind sich nicht einig. Der Tiefwasserweg wird genommen und die Positionslichter wegen eines angeblich nahenden Minensuchgeschwaders eingeschaltet. Nach Kiel soll es gehen, auch um zahlreiche U-Boot-Soldaten von dort aus noch in den Krieg schicken zu können. Draußen herrschen minus 20 Grad, es ist einer der härtesten Winter seit langem.

Der Kommandant des russischen U-Boots S 13, Alexander Iwanowitsch Marinesko, sichtet die Gustloff gegen 21 Uhr aus etwa 700 Metern Entfernung. Vieles spricht dafür, dass er nicht weiß, was genau er da vor sich hat. Im Logbuch der S 13 wird von der Sichtung eines „Kreuzers“ berichtet. Kein Wunder: Die Gustloff hat einen grauen Tarnanstrich, wird durch ein Kriegsschiff begleitet.

Und sie ist mit Flugabwehrgeschützen bewaffnet. 21.16 Uhr: Drei Torpedos treffen die Gustloff, einer tötet schon beim Auftreffen schlafende Marinehelferinnen im leergepumpten Schwimmbad des einstigen Kreuzfahrers. An Bord breitet sich Panik aus. Rettungsboote lassen sich wegen vereister Halterungen nicht zu Wasser lassen. Es sind sowieso viel zu wenige Boote. Nach einer Stunde sinkt das Schiff. Herbeieilende Schiffe retten 1252 Menschen, unter ihnen die vier Kapitäne der Gustloff. Zuvor, nur wenige Minuten nach den Torpedotreffern, passierte der schwere Kreuzer Admiral Hipper die angeschossene Gustloff.

Die Begründung des Kommandanten der Hipper, man habe sich gegen eine Bergung der Schiffbrüchigen entschieden, weil man Torpedolaufbahnen gesehen habe, wurde von Experten angezweifelt.

Zeitzeugenzitate:

• „Jahrelang hatten die Deutschen fürchterlich in der Sowjetunion gewütet. All die Jahre von 1941 bis 1945 war der russische Soldat mit dem Hass dem Faschismus gegenüber erzogen worden. Töte den Deutschen! Töte den Deutschen!, hieß es auf einem Plakat. Natürlich war das alles im Bewusstsein jedes sowjetischen Soldaten eingeprägt.“ Varfolomej Korobuschin (1945 sowjetischer Soldat)

• „Es sprach sich herum, was an der Grenze passiert ist, was die Russen machen, wenn sie nach Deutschland hereinkommen, und da gab es dann kein Halten mehr. Der eine oder andere hat vielleicht gesagt, es hat keinen Zweck und ist geblieben, aber wer irgendwie konnte, der hat sich auf die Beine gemacht. Und das im Winter bei Eis und Schnee.“ Rudi Powilleit (1945 als Hitlerjunge im Einsatz am Haff)

• „Als die Flüchtlinge in Gotenhafen ankamen, spielten sich schreckliche Szenen ab. Da waren junge Mütter, die hatten ihre erfrorenen Kinder im Arm und wollten sie nicht hergeben zur Bestattung.“ Waltraud Grüter (Marinehelferin)

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