Fleischerverband sieht Lebensmittel entwertet

Tierfutter oft teurer als Wurst: Supermärkte locken mit Billigstangeboten

Kassel. In Supermärkten kosten manche Wurst- und Fleischsorten weniger als Premium-Tiernahrung. Der Handel begründet das mit Preissenkungen im Einkauf, die an Kunden weitergegeben werden. Metzger, Tierschützer und Teile der Politik sind empört.

Dem Agrarminister von Schleswig-Holstein, Robert Habeck, platzte der Kragen, „Über Fleischwaren einen Dumpingwettbewerb zu führen, ist schlicht eine Schweinerei“, schimpfte der Grüne. Anlass war eine Preissenkung des Discount-Marktführers Aldi bei Wurst und Fleisch zwischen 2,5 und zehn Prozent vor einem guten halben Jahr.

Die Rotstift-Aktionen von Aldi lassen die Preise im deutschen Lebensmittelhandel immer wieder auf breiter Front ins Rutschen geraten. Wettbewerber orientieren sich an den Einstiegspreisen des Discounters, Konkurrenten ziehen nach. Wurst wurde zum Teil so preiswert wie nie. Das treibt seltsame Blüten: Mittlerweile ist Premium-Tiernahrung oftmals teurer als Ware für den Menschen. Ein extremes Beispiel: Ein Kilo des teuersten Katzenfutters kostet 12,48 Euro, während es Jagdwurst bereits für 3,49 Euro gibt (siehe Preisvergleich).

Vieles wandert in den Müll

Eine Entwicklung, die auch der Deutsche Fleischer-Verband für bedenklich hält. „Durch extreme Billigangebote wird dieses wertvolle Lebensmittel entwertet“, erklärte Gero Jentzsch, Sprecher des Verbandes, gegenüber unserer Zeitung. Es werde die Erwartungshaltung geschürt, Fleisch und Wurst müssten immer billigst und massenweise verfügbar sein. Das führe zu mehr Verderb – viele Lebensmittel wanderten in den Müll, weil oftmals mehr angeboten werde als verkauft werden könne.

Billigstpreise für Fleisch und Wurst, so Jentzsch, seien Lockangebote, um die Kunden in den Laden zu ziehen. Einmal dort angekommen, kauften die meisten Kunden weitere Produkte, die keineswegs preiswert seien. Dies könne durchaus auch für Tiernahrung gelten. Jentzsch: „Wenn es um die vierbeinigen Lieblinge geht, ist oft das Teuerste gerade gut genug“.

Andere Kalkulation 

Weniger dramatisch sieht der Fachverband für den Lebensmittelhandel die Entwicklung. Ein Preisvergleich zwischen Wurst und Fleisch für den menschlichen Verzehr mit Tierfutter hält Sprecher Christian Böttcher für schwer. Ketten, die Lebensmittel in Eigenmarken produzierten, hätten andere Kostenkalkulationen als Markenhersteller. Fleisch für den Menschen werde in deutlich höheren Mengen produziert, deswegen könne es preiswerter angeboten werden. Im Übrigen hätten Fleischproduzenten bei ihren Angeboten nicht die Offerten von Tierfutterherstellern im Auge und umgekehrt. Böttcher räumte ein, dass es beim Kunden einen seltsamen Eindruck hinterlasse, wenn er im Markt niedrigere Preise für Wurst sehe als für Katzennahrung.

Von Peter Klebe

 

Das sagen Tierschützer

„Großes Leid in Ställen durch Billigpreise“ 

Der Deutsche Tierschutzbund kritisiert seit langem die Preispolitik. „Wer Fleisch zum Billigpreis anbietet, macht sich mitschuldig am Leid der Tiere in den Ställen“, erklärte Präsident Thomas Schröder. Das System der Intensivtierhaltung, die mit den Billigpreisen einhergehe, verhindere eine artgerechte Haltung und führe zu massiven Tierschutzproblemen wie Verhaltensstörungen, Verletzungen und Krankheiten. Ein hoher Anteil des Tierleids sei durch den Gesetzgeber gedeckt. Der Verbraucher müsse ein Mehr an Tierschutz durch einen höheren Preis honorieren. Seit langem fordert der Tierschutzbund Kennzeichnungen des Fleisches nach Haltungsformen. Billigfleisch werde oft mit falscher Werbeidylle angepriesen. (kle)

 

Service: Die Preise im Vergleich

Wurst und Fleisch für den menschlichen Verzehr kosten im Supermarkt zum Teil weniger als Premium-Tierfutter. Die Preisgestaltung ist aufgrund vieler Faktoren nur schwer zu vergleichen (siehe Hauptartikel). Hier einige Beispiele ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

• Wurst und Fleisch: Jagdwurst gibt es beim Discounter Aldi Nord für 3,49 Euro pro Kilo. Mettenden kosten 5,96 Euro pro Kilo. Beim Konkurrenten Lidl gibt es Bierwurst für 4,24 Euro pro Kilo, Minutensteaks für 5,98 Euro/Kilo. Bei Edeka bekommt man Bierschinken ab 3,95 Euro pro Kilo, bei Rewe Cervelatwurst für 5,45 Euro/Kilo.

• Hundefutter: Hundetrockenfutter von Chappi gibt es bereits für 1,25 Euro pro Kilo. Marengo Trockenfutter für den Hund kostet aber bereits 4,10 Euro/Kilo, Royal Canin Urinary 4,64 Euro pro Kilo. Vegegatrisches Hundefutter „Wafcol Complete“ kostet 6,30 Euro pro Kilo.

• Katzenfutter: Topic Katzenfutter gibt es schon für 2,50 Euro pro Kilo, Whiskas Katzenfutter mit Herz kostet 1,88 Euro pro Kilo. Whiskas Senior Huhn schlägt mit 2,85 Euro zu Buche. Doch auch hier gibt es Sprünge nach oben: „Gourmet Perle, Erlesene Streifenmit Huhn“ kosten 4,65 Euro pro Kilo, „Wahre Cat Liebe Junge Katze“ kostet 7,99 Euro pro Kilo, „Gimpet Shine Cat“ 8,33 Euro/Kilo. Zur teuersten Katzennahrung zählt Select Gold Adult Light Huhn für stolze 12,48 Euro pro Kilo. (kle)

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