Verfeindete arabische Großfamilien

Tote im Kiez: Bushido und der Berliner Clan-Krieg

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Festnahme: Polizisten führen ein Clanmitglied nach einer Razzia gegen kriminelle Mitglieder arabischer Großfamilien in der Berliner Pohlstraße ab.

Seit Wochen tobt in Berlin ein heftiger Streit zwischen arabischen Großfamilien. Am Sonntag wurde das Clanmitglied Nidal R. am Tempelhofer Feld erschossen. Doch wo liegt der Grund für die Eskalation?

Im Zentrum des Streits stehen offenbar Unstimmigkeiten zwischen dem Rapper Bushido und seinem ehemaligen Geschäftspartner und Clanmitglied Arafat Abou-Chaker. Mit Letzterem hat sich Nidal R. erst kürzlich verbündet. Ob der Mord an Nidal R. tatsächlich im Zusammenhang mit dem Streit zwischen Arafat Abou-Chaker und Bushido steht, will die Polizei nicht bestätigen, allerdings auch nicht dementieren. Es werde in alle Richtungen ermittelt.

Der Hintergrund

Der Rapper Bushido ist noch vor einigen Jahren der erfolgreichste HipHop-Musiker in Deutschland. In dieser Zeit verbrüdert er sich mit Arafat Abou-Chaker. Plötzlich sind die beiden Männer öffentlich nur noch zusammen zu sehen. Arafat übernimmt Bushidos Management und eine leitende Position in Bushidos Label „Ersguterjunge“. Für Aufsehen sorgt damals, dass Bushido, der bürgerlich Anis Mohamed Youssef Ferchichi heißt, seinem Partner notariell eine Generalvollmacht ausstellen lässt, die Arafat ermächtigt, jede Rechtshandlung, welche er selbst vornehmen könnte und bei welcher Stellvertretung gesetzlich zugelassen ist, für ihn vorzunehmen.

Damals noch ziemlich beste Freunde: Bushido (links) mit Arafat Abou-Chaker. Die friedlichen Zeiten zwischen den beiden Männern sind vorbei. Foto: Jens Kalaene/dpa/pa

Die Partnerschaft

Bushido scheint in dieser Zeit sehr stolz auf seine Verbindungen zum Abou-Chaker-Clan zu sein. Öffentlich tritt er mit Clanmitgliedern auf. Bei dieser Zusammenarbeit soll es aber nicht bleiben. Bushido und Arafat kaufen sich gemeinsam Immobilien in Kleinmachnow am Zehlendorfer Damm.

Die Familie Abou-Chaker

Die Familie Abou-Chaker ist ein palästinensischstämmiger Familienkreis. Nach Schätzung der Polizei leben rund 200 bis 300 Familienmitglieder in Berlin. Zu den kriminellen Geschäftsfeldern eines großen Teils der Familie gehören vor allem Schutzgelderpressung, Raubüberfälle, Diebstähle, Waffenhandel, Drogenhandel und Zuhälterei. Kopf des Clans soll Arafats älterer Bruder Nasser sein, er gilt als eine der zentralen Figuren der Berliner Unterwelt, mehrere Straßenstrichs gehören zu seinem Einflussgebiet.

Die Herkunft

Die Eltern sind im UN-Camp Wavel geboren, einem berüchtigten palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon. Das Lager gilt als Keimzelle von Yassir Arafats damaliger Terrororganisation Fatah. Mitte der 70er-Jahre fliehen Said Abou-Chaker und dessen Frau Nazmie nach Deutschland, wie der Stern berichtet. Das Paar hat sechs Söhne, Nasser, Arafat, Yasser, Rommel, Mohammed und Ali. Dem Paar folgen Brüder und Cousins mit ihren Familien nach Deutschland. Einige leben von legaler Arbeit, andere von Hartz-IV, ein Teil von organisierter Kriminalität.

Der Streit

Anfang des Jahres platzt dann eine Bombe: Bushido und Arafat gehen künftig getrennte Wege. Zunächst deutet alles daraufhin, dass sich die geschäftlichen Wege zwar trennen, es aber keinen persönlichen Streit zwischen den beiden Männern gibt. Das soll sich jedoch ändern. Angeblich liegt der Polizei eine Anzeige gegen ein Abou-Chaker-Mitglied vor. Bushidos Familie soll Morddrohungen erhalten haben, schreibt die Bild-Zeitung. Dabei soll es zu konkreten Drohungen gekommen sein, Bushido oder dessen Familie werde etwas passieren. Angeblich werden sogar Leute engagiert, die ihnen noch vor Veröffentlichung von Bushidos neuem Album „Mythos“, das am 28. September erscheint, „etwas zukommen lassen“ sollen. 

Sorgt sich um ihre Familie: Anna-Maria Ferchichi.

Hintergrund ist ein Song auf dem Album mit dem Titel „Mephisto“. Der mehr als zehn Minuten lange Track handelt von Arafat Abou-Chaker. Bushidos Ehefrau Anna-Maria Ferchichi, die Schwester der Popsängerin Sarah Connor, wirft Arafat auf Instagram vor, ihrer Familie etwas antun zu wollen. Arafat, der auf seinem Instagram-Account überwiegend Koran-Suren postet, hat dort einen Vers veröffentlicht, in dem es um Heuchler und Lügner geht. Darin heißt es auch: „Möge Allah solche Menschen zur Wahrheit leiten oder sie und ihre Familie vernichten“. Dazu schreibt er: „Das passt zu dir... bald“. 

Arafat wiederum fordert für den Vorwurf 20.000 Euro Schmerzensgeld. Laut „Morgenpost“ hat Arafat vor wenigen Tagen kurzzeitig bei Instagram Ermittlungsunterlagen des LKA veröffentlicht. Darin sei zu lesen gewesen, dass bei der Polizei eine anonyme SMS mit einer Morddrohung gegen ihn eingegangen ist. Arafat Abou-Chaker habe daraufhin eine Gefährderansprache der Polizei bekommen.

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Die Eskalation

Doch Gerüchten zufolge will Bushido sich nicht allein auf den Schutz der Polizei verlassen. Er soll Freunde kontaktiert haben, die ihm zur Seite stehen könnten. Darunter der bekannte Clan-Führer Ashraf R., mit dem er demonstrativ ein Foto auf Instagram postet. Im April folgt dann ein mysteriöser Einbruchsversuch auf Arafats Anwesen in Kleinmachnow. Wie die Berliner Zeitung berichtet, soll eine Person versucht haben, in dessen Villa einzudringen. Im Juni folgen 15 Schüsse auf Arafats Lokal „Papa Ari“ in Neukölln. Arafat macht dafür öffentlich Ashraf R. verantwortlich. Die Polizei geht anschließend mit Großrazzien gegen die Clans vor.In der Folge beschlagnahmen sie 77 Immobilien der Familie R.

Serientipp: Die Serie „4 Blocks“ handelt vom Leben arabischer Großfamilien in Berlin und wurde wegen ihrer Authentizität hoch gelobt und mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Die erste Staffel ist auf DVD/Blu-ray erhältlich. Staffel 2 läuft ab 11. Oktober auf TNT-Serie.

Berliner Polizei: Haben Clans genau im Blick

Bei dem Mordopfer Nidal R. handelt es sich laut Thilo Cablitz, Sprecher der Berliner Polizei, um ein „äußerst negatives Beispiel für eine kriminelle Karriere. Seit Jahrzehnten beschäftigt Nidal R. die Polizei mit diversen Straftaten. Nidal R. hatte noch am vergangenen Freitag eine sogennannte „Gefährdetenansprache“ erhalten, wie Cablitz auf Anfrage unserer Zeitung bestätigt. 

Dabei habe man ihm deutlich gemacht, dass es im Clanmilieu Unruhen gebe und man seine Person im Visier habe. Das Landeskriminalamt (LKA) habe auch Bushido im Blick für den Fall, dass der Streit mit dem Abou-Chaker-Clan weiter eskaliere. Mehrere Medien berichteten, dass Arafat Abou-Chaker deshalb eine Gefährderansprache erhalten habe. 

Das will die Polizei nicht bestätigen. Drohungen gegenüber Bushidos Familie mit strafrechtlicher Relevanz will der Polizeisprecher ebenso nicht bestätigen. „Diese Menschen sind ja nicht dumm und wissen, wie man Drohungen so verpackt, dass sie zwar eindeutig als Drohung erkennbar sind, aber auch anders interpretiert werden könnten“, sagt Cablitz. 

Er verweist auf das im obigen Text genannte Beispiel mit der Koran-Sure. Die Drohungen nimmt man bei der Polizei aber ernst: „Das LKA ist in Alarmbereitschaft und ermittelt hoch sensibel“, so Cablitz. 

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