Ärztin Monika Hauser über die Folgen

Vergewaltigungen im Krieg - „Trauma wird weitergegeben“

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„Das Problem ist, dass die Scham sich nicht auf die Täter bezieht“: Eine bosnische Muslimin, die das Massaker von Srebrenica 1995 überlebt hat, bei einer Demonstration in Sarajevo 2007.

Massenvergewaltigungen sind ein Kriegsverbrechen, aber sexualisierte Gewalt und deren Spätfolgen gibt es auch im friedlichen Deutschland, sagt Monika Hauser, die Gründerin der Frauenhilfsorganisation medica mondiale, im Interview mit unserer Zeitung.

Warum Deutschland sich ein Armutszeugnis ausstellt, kann man von der 56jährigen Ärztin am Dienstag, 9. Juni, auch in Kassel selbst erfahren (siehe am Ende des Interviews). Mit Monika Hauser sprach HNA-Redakteurin Tatjana Coerschulte.

Seit über 20 Jahren unterstützen Sie mit medica mondiale vergewaltigte Frauen in Kriegsgebieten. Welcher Aspekt Ihrer Arbeit ist für Menschen in Friedensgebieten wie Deutschland am schwierigsten nachzuvollziehen?

Dr. Monika Hauser: Darauf gibt es keine einheitliche Antwort. Wir sprechen nicht nur von Gewaltakten an Frauen in Afghanistan oder im Kongo, sondern bauen eine Brücke nach Europa. Deutschland ist ein Nachkriegsland, und die meisten der knapp zwei Millionen im Zweiten Weltkrieg vergewaltigen deutschen Frauen konnten bis heute nicht darüber sprechen, von Therapiemöglichkeiten ganz zu schweigen. Das ist nach wie vor ein Trauma, das die Frauen an ihre Kinder - an uns - weitergegeben haben. Die andere Ebene ist, dass wir sexualisierte Gewalt auch im Westen haben. Patriarchalische Strukturen gibt es auch bei uns.

In den Kriegsgebieten, in denen medica mondiale arbeitet, herrschen oft Denkweisen, in denen der Wert einer Frau an ihrer körperlichen Unversehrtheit und in Abhängigkeit von einem Mann bemessen wird. Das kann man doch nicht mit den Verhältnissen bei uns vergleichen.

Vortrags-Tipp

Auf Einladung der Kasseler Soroptimisten-Clubs, einer Vereinigung von Frauen in verantwortlichen Positionen im Berufsleben, spricht Monika Hauser am Dienstag, 9. Juni, über ihre Arbeit. Ihr Vortrag "Nicht aufhören anzufangen" beginnt um 20 Uhr im Haus der Kirche, Wilhelmshöher Allee 330, 34121 Kassel. Eintritt frei.

Hauser: Natürlich kann man das nicht eins zu eins vergleichen, aber: Wir wissen, dass es eine hohe Zahl an sexualisierter Gewalt im friedlichen Deutschland gibt, aber letztlich nur eine einstellige Zahl von Vergewaltigungen zur Verurteilung kommt. Es ist auch in Deutschland für vergewaltigte Mädchen und Frauen sehr schwierig, darüber zu sprechen, weil ihnen nicht geglaubt wird. Im Zuge der Kachelmann-Debatte hat ein pensionierter Richter in einer Talkshow geäußert, er würde seiner Tochter, falls ihr so etwas passierte, raten, nicht zur Polizei zu gehen. Dabei sind Vergewaltigungen eigentlich ein Männerproblem.

Das müssen Sie näher erläutern. 

Hauser: Es müsste medica mondiale und Frauenberatungsstellen nicht geben, wenn Männer nicht vergewaltigen würden. Das Problem ist, dass die Scham sich nicht auf die Täter bezieht, sondern auf die Frauen zurückfällt. Die alten deutschen Frauen konnten 70 Jahre nicht darüber sprechen. Warum nicht? Das ist doch ein Armutszeugnis für die deutsche Nachkriegsgesellschaft.

Was können wir gegen diesen ignoranten Umgang mit dem Thema Kriegsvergewaltigungen tun? 

Hauser: Man kann auf die Realität hier und heute schauen. Man kann in seiner eigenen Familiengeschichte forschen. Man kann sich über die Situation der Flüchtlinge informieren, die heute hierher kommen. Mir fehlen da die Menschlichkeit und Solidarität. Mit welcher Unmenschlichkeit gehen wir an das Thema heran, wenn wir heute sagen, Europa muss abgeschottet werden? Was erwarten wir, was mit unseren hohen Rüstungsexporten passiert? Was ist mit uns los, dass wir diese Zusammenhänge nicht sehen?

Wenn man diese Überlegungen anstellt: Was ändert das an den Verhältnissen? 

Hauser: Wir haben es in der Hand, ob wir eine Gesellschaft bauen, die von Empathie und Mitmenschlichkeit geprägt ist, oder eine reine Ellenbogen-Gesellschaft, die von Gewinnmaximierung geprägt ist. Das liegt an jedem Einzelnen. medica mondiale ist auch eine Erfolgsgeschichte. Ich habe mich damals als Einzelne aufgemacht und gesagt, ich ignoriere das nicht weiter und ich akzeptiere auch nicht, was den bosnischen Frauen passiert.

Medica mondiale kümmert sich auch um Spätfolgen von Vergewaltigungen. Welche sind das? 

Hauser: Posttraumatische Belastungsstörungen betreffen auch viele alte Frauen in Deutschland. Die Spätfolgen können chronische Schmerzzustände ohne klare Ursache, Krebserkrankungen und schwere Depressionen mit Selbstmordgedanken sein. Es können auch Flashbacks sein, also anfallsartige Erinnerungen. Diesen Zusammenhang müssen auch Hausärztinnen und Altenpflegerinnen sehen.

Sie helfen den Frauen in den Kriegsgebieten auch, sich materiell eine Basis zu schaffen. Warum gehört dieser Aspekt zu Ihrer Hilfe dazu? 

Hauser: Eine traumatisierte, verwitwete Frau, die ausgegrenzt wird, hat keine Überlebenschance in diesen hochpatriarchalischen Gesellschaften. Deshalb gründen wir zum Beispiel Landwirtschaftsprojekte. Sonst bleibt vielen nur die Prostitution, um zu überleben. Auf diesem Weg werden auch Soldaten von Friedensmissionen und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen ein Teil des Problems.

Wieso? 

Hauser: Wir wissen, dass die Männer Teil eines sich selbst erhaltenden Problems werden. Sie können für ein paar Dollar in Liberia, in Haiti, im Kongo eine 15-Jährige kaufen. Und da kann man fragen, warum diese oft verheirateten Männer, die aus hochentwickelten Gesellschaften kommen, nichts dabei finden, in Liberia eine 15-Jährige für Sex zu bezahlen? Auch das ist eine sexualisierte Gewalt, welche die Friedensbildung erheblich stört.

Wie gehen Sie persönlich damit um, so oft mit Gewalt und Leid konfrontiert zu sein? 

Hauser: Alle Mitarbeiterinnen von medica mondiale, auch die vor Ort in den Projekten, reflektieren immer wieder ihre Motivation. Auch ich habe lernen müssen, für mich zu sorgen. Durch Supervision und einen achtsamen Umgang miteinander lernen wir, unsere Batterien zu stärken und aufzuladen.

Zur Person

Dr. Monika Hauser (56) ist Frauenärztin und Gründerin der Hilfsorganisation medica mondiale, die kriegstraumatisierte Frauen unterstützt. Sie wurde in der Schweiz geboren, studierte Medizin in Innsbruck und Bologna. Aufgerüttelt durch Berichte über Massenvergewaltigungen im Balkan-Krieg reiste Hauser 1992 ins Kriegsgebiet und baute in Bosnien das Therapiezentrum Medica Zenica für Frauen auf. Das führte zur Gründung des Vereins medica mondiale, der inzwischen weltweit tätig ist. Für ihren Einsatz erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den als Alternativen Nobelpreis bekannten Right Livelihood Award und den Staatspreis des Landes NRW. Sie ist verheiratet, Mutter eines 19-jährigen Sohnes und lebt mit ihrer Familie bei Köln. www.medicamondiale.org <http://www.medicamondiale.org>

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