US-Wahl

Wahlkampf-Experte Julius van de Laar: „Trump hat das Thema gesetzt“

Ein Anhänger von US-Präsident Donald Trump und eine Unterstützerin der „Black Lives Matter“-Bewegung treffen bei einer Demonstration in der US-Stadt Kenosha aufeinander.
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Aufeinandertreffen in Kenosha: Ein Anhänger von US-Präsident Donald Trump und eine Unterstützerin der „Black Lives Matter“-Bewegung. Nach den Schüssen auf einen schwarzen Familienvater bei einem Polizeieinsatz kommt es in der US-Stadt zu Ausschreitungen bei Protesten.

Schüsse auf einen schwarzen Familienvater bei einem Polizeieinsatz haben zu Ausschreitungen in der US-Stadt Kenosha geführt. Die Proteste im Land werden zum Wahlkampfthema.

Washington – Bis am 3. November in den USA der Präsident gewählt wird, kann im Rennen um das Weiße Haus jeder Tag eine Wendung bringen. Welche Strategie verfolgt Amtsinhaber Donald Trump (74), der in Umfragen hinter Joe Biden (77) liegt? Und wie kann der Kandidat der Demokraten reagieren? Darüber sprachen wir mit dem Kampagnenberater Julius van de Laar, der Barack Obama in den Wahlkämpfen 2008 und 2012 unterstützte.

Herr van de Laar, was sagt Ihr Bauchgefühl – wer gewinnt die Wahl?
Mein Bauchgefühl? Es ist mein Verstand, der mir sagt: Halte dich von dem Prognosegeschäft fern! Dennoch ist abzusehen, dass das Rennen im Herbst noch deutlich enger wird. Donald Trump hat beim Parteitag der Republikaner einen Ton getroffen, der den Wahlkampf neu definiert und ihm entscheidende Vorteile bringen könnte.
Sie meinen seine „Law and Order“-Strategie?
Absolut. Er hat das Thema gesetzt, über das er sprechen will: Recht und Ordnung.
Das zeigt sich bei Trumps Umgang mit den Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus, an deren Rande es zu Ausschreitungen und sogar Toten kommt. Wie kann Biden reagieren?
Jeder Wahlkampf ist ein Kampf um die Deutungshoheit. Joe Biden muss zwei Dinge betonen: Er muss deutlich machen, dass er als Präsident gegen das Plündern und Chaos in den Straßen hart durchgreifen wird und sich nicht von Trump in Debatten verstricken lässt, die dem Amtsinhaber in die Hände spielen. Wenn Trump nach Recht und Ordnung ruft und vor Anarchie unter einem demokratischen Präsidenten warnt, muss Biden klarmachen, dass es Trumps USA sind. Trump versucht, sich als Herausforderer darzustellen, der das Chaos beseitigen will – doch er ist Präsident.
Lässt sich Trumps Strategie auch abseits seiner Reden beobachten?
Wenn man genau wissen will, was die Botschaft einer Kampagne ist, muss man schauen, wofür das Geld ausgegeben wird. Im August waren das bei der Trump-Kampagne vor allem Anzeigen und TV-Spots mit den Themen Recht und Ordnung, die Gefahr durch die Antifa oder die vermeintliche Absicht Bidens, der Polizei die Mittel zu streichen.
Können die Unruhen zum Problem für Biden werden?
Davon abgesehen, dass das Thema von Trumps Umgang mit Corona ablenkt, hat Biden natürlich eine offene Flanke: Einerseits darf er die schwarzen Wähler nicht verlieren, die ihn zum Kandidaten der Demokraten gemacht haben und ohne deren Unterstützung er das Weiße Haus nicht erreichen kann. Andererseits muss er aufpassen, dass er nicht die amerikanische Mittelschicht abschreckt, die Angst um ihre Vororte und Geschäfte hat. Deshalb macht er nun deutlich, dass die Plünderer zur Verantwortung gezogen werden müssen.
Wie wirkt Trumps Kampagne auf Sie?
Jede Kampagne ist immer nur so gut wie der Kandidat selbst. Trump bündelt alles in einer Person: Kandidat, Chefstratege, Pressesprecher, Social-Media-Redakteur und Generalsekretär für die Attacken. Auch denke ich, dass es nur wenige Menschen gibt, die so ein Verständnis von Vermarktung und Themensetzung haben. Wenn Trump twittert, lässt jeder Journalist den Stift fallen und schreibt über das, was der Präsident vorgibt. Manchmal hat man aber auch das Gefühl, Trump wirft eine Portion Spaghetti an die Wand und schaut, welche Nudel hängen bleibt.
Nach wie vor würden mehr als 40 Prozent für ihn stimmen.
Abgesehen von seinen Fans sind das vor allem zwei Gruppen. Die einen sagen, dass sie sich eher die Hand abhacken würden, als einen Demokraten zu wählen – einen Sozialisten. Die anderen sind genervt von den Tweets und den ständigen Entgleisungen, sind sich aber sicher, dass die Welt da draußen gefährlich ist und es jemanden braucht, der bereit ist, hart durchzugreifen. Sie glauben, dass Trump die USA am besten wirtschaftlich absichern und vor ausländischen Mächten schützen kann. Das war auch die Botschaft seiner Tochter Ivanka auf dem Parteitag: Nicht jeder mag ihn, aber er ist effektiv. Ein sehr kluger Schachzug.
Immer wieder heißt es, die Republikaner hofften auf die TV-Debatten zwischen dem Präsidenten und seinem Herausforderer. Ist die Hoffnung berechtigt?
Der Amtsinhaber hat immer Nachteile in einer TV-Debatte. Als Präsident ist man es nicht gewohnt, dass einem jemand widerspricht oder ins Wort fällt. Plötzlich steht da auf der Bühne einer neben dir, der dir auflistet, wo du überall versagt hast. Trump ist aber am besten, wenn er einen Konflikt erzeugen kann. Dagegen muss Biden erst ankommen.
Was würden Sie Biden für diese Debatten raten?
Ich würde versuchen, nicht auf die Vorwürfe von Trump einzugehen, sondern sie als Stimmungsmache zu entlarven. Wenn Trump vor der Antifa warnt, würde ich erklären, dass dahinter ein Manöver steckt, mit dem er von seinem Corona-Missmanagement ablenken will. Und wenn Trumps Botschaft die ist, dass er für den einfachen Amerikaner kämpfe, würde ich zehn Beispiele parat haben, die beweisen, dass es ihm vor allem um sich selbst gehe: um seine Casinos, seine Hotels und sein Ansehen.
Und wie sollte Trump sich verhalten?
Trump sollte aufhören, Biden als senil darzustellen. Er senkt damit die Erwartungen an seinen Gegner – wenn Biden es unfallfrei ins TV-Studio schafft, könnte das quasi schon als Erfolg gewertet werden. Inhaltlich ist aus meiner Sicht der effektivste Angriffspunkt gegen Biden nicht, dass er linksradikal sei.  Was Trump betonen sollte, ist, dass Biden seit fast 50 Jahren zum Washingtoner Klüngel gehöre. Er sei die Verkörperung des Establishments. Dann könnte er die Frage an die Amerikaner stellen, ob sie wirklich glaubten, dass Biden in der Lage sei, in diesem kritischen Moment der US-Geschichte das Weiße Haus zu übernehmen.

Von Maximilian Beer

Zur Person

Julius van de Laar (38) ist Kampagnen- und Strategieberater. 2008 und 2012 unterstützte er Barack Obama in den Wahlkämpfen um die US-Präsidentschaft, 2012 leitete er den Bereich Wählermobilisierung im US-Bundesstaat Ohio. Seitdem war der Politik- und Kommunikationswissenschaftler auch in Bundestagswahlkämpfen als externer Berater tätig. Er wurde in Heidelberg geboren und lebt in Berlin.

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