Truppe sucht Reservisten: „Tiefere Diskussion fehlt“

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Dienstpflicht zur Reservistenwerbung? Stabsfeldwebel Olaf Germershaus (links) unterweist am Schießplatz Landstetten (Bayern) Oberstleutnant Carsten Spiering mit der Pistole P 8.

München. Der Brigadegeneral Helmut Dotzler hat sich für ein soziales Pflichtjahr ausgesprochen, das auch bei der Bundeswehr absolviert werden könnte. „Das wäre sinnstiftend“, sagte der Kommandeur des Landeskommandos Bayern.

Vier Jahre nach Wegfall der Wehrpflicht sei es für die Bundeswehr schwierig geworden, Reservisten zu gewinnen. „Das Einstehen für unser Land - da sehe ich noch Nachholbedarf. Das Bewusstsein, dass unser Land wichtig und schön ist, dass es sich lohnt, dafür etwas zu tun und nicht nur für sich selber.“

Vor vier Jahren wurde die Wehrpflicht ausgesetzt. Ist das ein Problem für Sie?

Helmut Dotzler: Wir sind bei den Mannschaften heute hoch professionell - was man mit einer Grundwehrdienstdauer von sechs Monaten so nie hinbekommen würde. Was nicht so erfreulich ist: dass wir ein entscheidendes Element der Bindung in die Gesellschaft nicht mehr zur Verfügung haben. Wir kompensieren das über die Reserve und andere Netzwerke. Das Potenzial, um Reservisten zu gewinnen, ist nicht mehr so groß. Das schmerzt natürlich.

Welches Image hat die Bundeswehr aus Ihrer Sicht heute?

Dotzler: Die Bundeswehr hat grundsätzlich ein positives Image. Wir sind ein guter Arbeitgeber und werden nicht mehr wie vor Jahrzehnten als „potenzielle Mörder“ bezichtigt. Dass wir Flüchtlinge retten im Mittelmeer, finden die Leute gut. Stellenweise gibt es aber auch ein „freundliches Desinteresse“. Besonders wenn es um Tod und Verwundung geht, haben die Menschen oft einen Abwehrreflex: Truppe mit Waffen im Einsatz, zum Schutz von Leib und Leben - da ist unser Land noch offen für eine Entwicklung. Inwiefern? Dotzler: Ich habe das Gefühl, dass wir nicht über unsere Grenzen schauen, dass zu wenig über die Frage nachgedacht wird: Was ist uns unsere Sicherheit wert? Damit meine ich keine fähnchenschwingenden Patrioten auf den Straßen, aber unsere Geschichte sollte Orientierung für unsere weitere Entwicklung sein. Mir fehlt eine tiefere Diskussion, eine nachhaltigere Debatte über Sicherheit.

Braucht die Bundeswehr mehr Reservisten? Dotzler: Wir brauchen zahlenmäßig nicht mehr Reservisten, aber wir müssen das Potenzial besser ausschöpfen. Allein in Bayern haben wir 150 000 Reservisten. Etwa zehn Prozent von ihnen sind auf Dienstposten beordert, also fest eingeplant, der Rest gehört zur allgemeinen Reserve und kann im Notfall hinzugezogen werden. Wir müssen die Reserve noch attraktiver machen. Ich kann nicht sagen „Die Reserve ist wichtig“, nehme aber kein Geld in die Hand. Wo wir noch nachbessern können, ist das Bewusstsein, dass die Reserve durchaus in den aktiven Verbänden gleichwertig ist mit aktiven Soldaten. (dpa)

Zur Person

Helmut Dotzler (58) stammt aus Erlangen. Der Diplom-Betriebswirt studierte an der Bundeswehr-Uni in München. Dotzler ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Hintergrund: Allgemeine Dienstpflicht

• Mit Aussetzung der Wehrpflicht 2011 in Deutschland gab es auch keinen Zivildienst mehr. Die Bundesregierung führte damals den Bundesfreiwilligendienst als Ergänzung für die Freiwilligendienste Freiwilliges Soziales Jahr und Freiwilliges Ökologisches Jahr ein.

• Ein Pflichtjahr führten 1938 die Nazis ein. Es verpflichtete alle Frauen unter 25 Jahren zu einem Jahr Arbeit „in der Land- und Hauswirtschaft“.

• Mit Aussetzung der Wehrpflicht wurde eine allgemeine Dienstpflicht diskutiert: Sie hätte laut Juristen dem Grundgesetz widersprochen, auch Wohlfahrtsverbände wollten sie nicht. Gegen Überlegungen von Hessens Ex-CDU-Ministerpräsident Roland Koch hielt selbst die Unionsfraktion sie nur durch eine Notsituation - etwa zur Landesverteidigung - für gerechtfertigt. (wrk)

Von Bernward Loheide

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