Interview: Börsenexperte Wolfgang Gerke sieht große Probleme, warnt aber vor Weltuntergangsstimmung

Börsenexperte: „Turbulente Zeiten stehen bevor“

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Schlechte Stimmung an der Börse

Die Börsenkurse sind im Sinkflug, die Politiker geben eine Erklärung nach der anderen ab. Wie ernst ist die Lage, und wer profitiert eigentlich von der Krise? Darüber sprachen wir mit dem anerkannten Börsenexperten Prof. Wolfgang Gerke.

Bis Freitagabend sind zwei Billionen Euro geradezu ausradiert worden, schreibt der Spiegel. Ist dieses Geld weg oder ist es nur woanders?

Wolfgang Gerke: Ein Teil des Geldes ist tatsächlich ausradiert worden, um in dem Bild zu bleiben. Wenn Unternehmen in der Rezession beispielsweise weniger Geld verdienen, sind sie weniger wert. So sieht es auch bei US-Immobilien aus. Im Ergebnis werden Werte vernichtet – ein Teil der erwähnten zwei Billionen.

Und wo ist der andere Teil?

Gerke: Der ist umverteilt worden, durch Spekulationen insbesondere bei Termingeschäften. Da setzen Profis wie Hedgefonds oder Investmentbanken hohe Summen gegeneinander – und am Ende gibt es einen Gewinner und einen Verlierer. Diese Geschäfte sind aber leider nicht immer verantwortungsvoll.

Trifft dann die Spekulanten die Schuld an der Misere?

Gerke: Nein. Sie versuchen nur, die Fehler anderer gewinnbringend auszunutzen. Die eigentlichen Schuldigen sind die, die Griechenland und andere Staaten heruntergewirtschaftet haben. Die es zugelassen haben, dass jahrzehntelang über die Verhältnisse gelebt wurde – ein historischer Fehler. Erst dadurch hat die Politik Zweifel daran gesät, ob ihre Anleihen noch so viel wert sind wie der Preis, zu dem sie ausgegeben wurden. Und deswegen ist es die Politik, die die Situation wieder lösen muss.

Welche Rolle spielen dabei die Vereinigten Staaten?

Gerke: Eine ganz entscheidende. Wir haben früher ein Computerspiel gespielt. Zwei Personen haben darin jeweils ein Auto gesteuert. Wer am dichtesten vor einer Klippe gebremst hat, hat gewonnen. Übertragen bedeutet das: Demokraten und Republikaner sind diese beiden Fahrer. Und im schlimmsten Fall kann es passieren, dass sie es aus reiner Parteitaktik darauf ankommen lassen und dann am Ende beide die Klippe hinunterstürzen – und wir alle mit.

Welche Lösung kann es in dieser Situation geben?

Gerke: Es gibt keinen Grund für eine Weltuntergangsstimmung. Nach wirtschaftlichen Einbrüchen gab es in der Vergangenheit auch immer wieder gute Phasen. Die Staaten müssen die Schulden jetzt verantwortungsvoll zurückfahren und weniger Geld verschwenden. Wir brauchen eine Rückbesinnung. Wir brauchen die breite Erkenntnis, dass Wohlstand auf Pump die Probleme in die Zukunft verlagert.

Und inwieweit betrifft die Krise den kleinen Mann?

Gerke: Der steht leider in der ersten Reihe, wenn es ums Ausbaden geht. Ich erwarte etwa, dass die Inflation in den nächsten Jahren deutlich ansteigen wird. Damit sind alle Sparer die Geschädigten: Die Bürger müssen sich auf turbulente Zeiten einstellen.

Wie kann man sich wappnen?

Gerke: Ich werde nicht versuchen, Anlageberatung zu betreiben. Aber tendenziell geht es in die Richtung: eine gute Streuung in Sachwerten wie in ein eigengenutztes Haus oder eine Wohnung. Letztlich kann sich der Einzelne aber nur begrenzt vor den Entwicklungen schützen.

Von Philipp David Pries

Zur Person

Prof. Dr. Wolfgang Gerke ist Experte für Bank- und Börsenwesen. Er ist Präsident des Bayerischen Finanzzentrums in München sowie Honorarprofessor an der European Business School EBS. Der 67-Jährige habilitierte sich an der Uni Frankfurt. Der gebürtige Cuxhavener ist nicht verheiratet und Vater von zwei Söhnen. (rpp)

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