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„Wirkung wäre mit Tschernobyl vergleichbar“: Polnische Journalistin sieht gezielte Putin-Taktik im Donbass

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Von: Aleksandra Fedorska

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Die polnische Journalistin Karolina Baca-Pogorzelska ist eine Kennerin der umkämpften Donbass-Region. Im IPPEN.MEDIA-Interview blickt sie auf die Lage vor Ort – und kritisiert den Westen.

Berlin – Im Donbass toben heftige Kämpfe. Nach ukrainischen Angaben soll Russland im Ukraine-Krieg gezielt Wohnviertel mit schwerer Artillerie beschießen. In der strategisch wichtigen Stadt Sjewjerodonezk haben russische Truppen das Zentrum erobert.

Die Journalistin Karolina Baca-Pogorzelska arbeitet für das polnische Magazin Wprost und kennt die Region. Über den Bergbau im Donbass hat sie ein Buch geschrieben. Für ihre journalistischen Arbeiten wurde Baca-Pogorzelska mehrfach ausgezeichnet und war 2020 für den Grand Press-Preis in Polen nominiert. Zuletzt recherchierte sie für die Wprost-Redaktion über sechs Wochen im Donbass. Im Interview mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA spricht sie über die angespannte Situation vor Ort und warnt vor dem Einsatz chemischer Waffen im Ukraine-Konflikt.

Rauchwolke über Sjewjerodonezk: Die ukrainische Stadt war zuletzt hart umkämpft zwischen russischen und ukrainischen Truppen.
Rauchwolke über Sjewjerodonezk: Die ukrainische Stadt war zuletzt hart umkämpft zwischen russischen und ukrainischen Truppen. © Aris Messinis/AFP

Sie sind gerade aus dem Donbass zurückgekommen. Das Gebiet kennen Sie aus Ihren Recherchen sehr gut. Jetzt ist der Donbass Schauplatz dramatischer Kämpfe. Bitte beschreiben Sie uns den Donbass und seine Bedeutung als Industrieregion.

Der Donbass ist eine vielfältige Region. Es gibt dort reiche Rohstoffvorkommen – nicht nur die Kohle im Donezker Becken, über die am meisten gesprochen wird. Die Gegend ist reich an Mineralien wie Salz. Für Investoren hat sich ein Engagement immer ausgezahlt. Der Donbass ist eine Region, die wichtig ist für die Entwicklung des ganzen Landes. Das war schon zu Sowjetzeiten so. Man kann also sagen: Der Donbass ist eine Goldmine. Das wissen auch die Russen.

Wie hat sich der Donbass in den letzten Jahren verändert?

Der Donbass wird seit Jahrzehnten ausgebeutet. Ein industrieller Verfall ist nicht zu übersehen, Subventionen kaschieren das nur. Noch immer sind Oligarchen vor Ort sehr präsent – etwa Rinat Achmetow, der reichste Mensch der Ukraine, dem die Asow-Stahlwerke gehören. Inzwischen wurden sie von den Russen zerstört. In Mariupol gibt es noch viele andere Werke, die Achmetow gehören. Spätestens das von prorussischen Separatisten im Jahr 2014 organisierte Referendum im Donbass hat gezeigt: Man kann hier schnell reich werden. Und genauso schnell alles wieder verlieren.

Durch die Kämpfe wurden große Teile der Infrastruktur zerstört. Droht der Region nun ein wirtschaftlicher Niedergang?

Die Wettbewerbsfähigkeit des Donbass leidet bereits seit der russischen Offensive im Jahr 2014. Es ist gut möglich, dass nun das endgültige Aus bevorsteht. Nehmen wir den Steinkohlebergbau: Die Minen befinden sich in den Händen der Separatisten, sie wurden ohne jegliche Sicherheitsmaßnahmen und Investitionen ausgebeutet. Vermutlich werden sie mit Wasser geflutet, wenn sie aufgegeben werden. Ein Weiterbetrieb ergibt finanziell wenig Sinn, das musste auch die Ukraine zugeben. So geht es dem gesamten Bergbau in der Region. Es mag patriotische Gründe geben, den ein oder anderen Standort weiterzubetreiben – wirtschaftlich spricht wenig dafür.

Die Folgen für die Umwelt wären verheerend. Gelangt beispielsweise Schwefelwasserstoff in großer Menge ins Asowsche Meer, hört dieses Gewässer auf zu existieren. Es wäre das ökologische Aus.

Karolina Baca-Pogorzelska

Und was ist mit der Chemieindustrie?

Auch hier ist die Produktivität rückläufig. Es fehlt schlicht an Investitionen. Dadurch kommt es immer wieder zu Zwischenfällen. Die Russen wissen natürlich, wo sich die entsprechenden Werke befinden und was sie produzieren. Das ist alles kein Geheimnis. Die Versuchung ihrerseits ist groß, diese Betriebe zu zerstören. Die Folgen für die Umwelt wären verheerend. Gelangt beispielsweise Schwefelwasserstoff in großer Menge ins Asowsche Meer, hört dieses Gewässer auf zu existieren. Es wäre das ökologische Aus.

Die Region leidet bereits heute unter einer jahrelangen Industrieproduktion, die wenig Rücksicht auf die Umwelt genommen hat.

Genau, die Böden sind schon heute weitestgehend verseucht. Es könnte noch schlimmer kommen. An Ackerbau in der Region wäre dann nicht mehr zu denken. Das Risiko einer chemischen Kontamination ist real. Vor ein paar Tagen wurde in Donezk eine Zisterne mit Salpetersäure getroffen, eine riesige Rauchwolke ist entstanden. Was bedeutet das für das Grundwasser, für die Trinkwasserversorgung? Wir wissen es nicht. Einige Flüsse in der Region fallen bereits jetzt durch ihre rötliche Färbung auf. Niemand hat untersucht, ob es sich dabei um eine chemische Verunreinigung handelt. Der Donbass ist vom Trinkwassermangel bedroht, das ist kein Science-Fiction-Szenario. Je heftiger die Kämpfe sind und je länger sie andauern, desto schwieriger wird es, die Folgen zu beseitigen – es könnte dann sogar ganz zu spät sein.

Über IPPEN.MEDIA:

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Ist Umweltzerstörung ein bewusstes Mittel der russischen Kriegsführung?

Definitiv ja. Die Russen wissen, dass ein Einsatz klassischer Chemiewaffen Vergeltungsmaßnahmen der Amerikaner nach sich ziehen würden. Würde Russland Massenvernichtungswaffen einsetzen, wäre eine rote Linie überschritten – das hat US-Präsident Joe Biden so gesagt und ich gehe davon aus, dass er sein Wort halten würde. Also geht Russland einen anderen Weg: Sie zerstören die Infrastruktur, greifen an sensiblen Punkten an – und machen die Region so unbewohnbar. Die Wirkung ist die gleiche wie beim Einsatz von Chemiewaffen. Vielleicht noch nicht sofort, aber es wird so kommen. Die Wirkung wäre mit Tschernobyl vergleichbar: Auch beim AKW-Unglück sind viele Menschen erst Tage, Wochen oder gar Jahre später gestorben. Krebs-Erkrankungen und eine kürzere Lebenserwartung drohen auch im Donbass. Dieser Krieg ist verheerend. Viel zu lange hat der Westen die Augen vor den Gefahren, die der Region drohen, verschlossen.

(Aleksandra Fedorska)

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