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Ukraine-Krieg: Soldaten sollen sich aus Verzweiflung selbst erschießen

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Von: Sandra Kathe

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Wie viele Tausend russische Soldaten neben Tausenden Menschen aus der Ukraine bereits Opfer des Kriegs geworden sind, ist noch unklar.
Wie viele Tausend russische Soldaten neben Tausenden Menschen aus der Ukraine bereits Opfer des Kriegs geworden sind, ist noch unklar. © Sergei Supinsky/AFP

In Online-Videos berichten russische Kriegsgefangene in der Ukraine von den Schrecken an der Kriegsfront. Ein 20-Jähriger erinnert sich an tote und verletzte Kameraden.

Kiew – Im Februar hat sich der Ukraine-Konflikt zugespitzt, der Krieg tobt und neben schrecklichen Bildern von zerstörten Städten und Dörfern, Toten und Verletzten in der Ukraine werden auch immer wieder schockierende Berichte über die Lage junger russischer Soldaten laut, von denen sich bereits einige aus der Kriegsgefangenschaft öffentlich zu ihrer Sicht auf den Krieg geäußert haben.

So hatten in den vergangenen Wochen mehrere russische Soldaten von sinkender Moral bei ihrer Truppe berichtet und dies auch durch einen dramatischen Mangel an Verpflegung und Trinkwasser begründet. Andere erzählten davon, dass sie ohne Vorwarnung in den Krieg geschickt worden waren.

Russisches Militär im Ukraine-Krieg: Ein Kriegsgefangener in der Ukraine berichtet

Ähnliches berichtet auch der 20-Jährige Andrey U., der sich nach eigenen Angaben als Freiwilliger für das russische Militär gemeldet hatte, um seine Familie, insbesondere seine kranken Eltern in der verarmten Region Perm, unweit von Jekaterinburg in Zentralrussland, finanziell zu unterstützen: „Wir haben so viele Probleme in unserem Dorf. Wir verkaufen Gas überall hin, aber in unserem Dorf haben wir kein Gas. Und Elektrizität haben wir erst seit letztem Jahr“, erzählte der inzwischen Kriegsgefangene dem ukrainischen Journalisten Volodymyr Zolkin vor der Kamera.

Das Video des Gesprächs wurde auf Zolkins Youtube-Kanal veröffentlicht, ein Reportageteam der britischen Zeitung Daily Mail veröffentlichte Auszüge des Gesprächs in englischer Übersetzung. Die Richtigkeit der Angaben von Andrey U. kann zunächst nicht überprüft werden, ebenso wenig der Hinweis, der Zolkin dem Video-Interview voranstellt. Darin heißt es, alle Interviewpartner:innen hätten sich freiwillig geäußert und ihr Einverständnis zur Veröffentlichung gegeben.

Berichte von der Front im Ukraine-Krieg: „Alle waren panisch und wollten weg“

Besonders schockierend sind jedoch Andrey U.s Berichte von der Front, in denen er von verzweifelten Kameraden erzählt, die „mental nicht verarbeiten konnten, was dort vor sich ging“. Die einzigen Möglichkeiten nach Hause zu kommen, nenne man in Militärsprache „Cargo 300“ und „Cargo 200“, Codes für verletzt oder gefallen. „Alle waren panisch und wollten weg, aber es gab keinen Weg“, erzählt Andrey U. vor laufender Kamera von den anderen jungen Soldaten seiner Truppe: „Die einzige Option wegzukommen war als 300. Und einige Leute haben es nicht ertragen, die haben sich erschossen“, erinnert sich U. an zwei tote Kameraden, die „ganz normale Jungs, Gefreite aus dem 6.“ gewesen seien. Andere schossen sich laut den Erzählungen von U. in die Gliedmaßen, um verletzt nach Hause zu kommen.

Als Kriegsgefangener habe er schon die Möglichkeit gehabt, seine Familie in Russland zu kontaktieren, die trotz seiner Schilderungen weiterhin an die staatliche Kriegspropaganda glaubt. „Ich habe meiner Mutter gesagt, dass alles, was sie im Fernsehen gesehen hat, Lügen sind, aber sie hat mir nicht geglaubt“, erzählt U. Stattdessen habe sie ihn gefragt, ob er unter Hypnose stehe.

Seine Entscheidung, sich zum Militär zu melden, sieht U. heute als Fehler und ruft andere auf, es ihm nicht gleichzutun: „Kommt hier nicht her“, sagt er in dem Video: „Wir haben hier nichts zu tun. Wir bringen einfach nur Schmerzen... die Menschen hier, das sind gute Leute“. (ska)

Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen, damit solche Fälle mögliche Nachahmer nicht ermutigen. Eine Berichterstattung findet nur dann statt, wenn die Umstände eine besondere öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Wenn Sie oder eine Ihnen bekannte Person unter einer existentiellen Lebenskrise oder Depressionen leiden, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge unter der Nummer: 0800-1110111. Hilfe bei Depressionen und anderen psychischen Notfall-Situationen gibt es außerdem unter www.deutsche-depressionshilfe.de. Hilfe bietet auch der Krisendienst Frankfurt unter 069-611375. Weitere Infos finden Sie auf der Webseite www.bsf-frankfurt.de.

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