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Überraschende Kritik im russischen Staats-TV: Experte spricht von „sadistischem Angriff“ Putins auf Ukraine

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Von: Karolin Schäfer

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Gleich zwei Talkshow-Gäste im russischen Staats-Fernsehen kritisieren Russlands Vorgehen im Ukraine-Krieg. Das verärgert die Propagandisten.

Moskau – 15 Jahre Haft drohen, wenn der Ukraine-Krieg als solcher bezeichnet wird. So bangen Journalist:innen, die sich in der Vergangenheit öffentlich kritisch über den Kreml äußerten, um Leib und Leben. Auch im russischen Staatsfernsehen, wo sonst nur Kreml-Propaganda übertragen wird, häufigen sich plötzlich kritischen Aussagen über den Feldzug Wladimir Putins.

Kritik übte kürzlich ein Diskussionsteilnehmer in einer russischen TV-Sendung. Debattiert wurde über Russlands jüngste Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur, die zu massiven Stromausfällen geführt hatten. Den Moderatoren zufolge seien die Angriffe „effektiv“. Soziologe Alexei Roschin hatte da eine ganz andere Meinung.

Im russischen Staats-Fernsehen häuft sich die Kritik an Kreml-Chef Wladimir Putin. (Archivbild)
Im russischen Staats-Fernsehen häuft sich die Kritik an Kreml-Chef Wladimir Putin. (Archivbild) © Komsomolskaya Pravda/imago

News zum Ukraine-Krieg: Soziologe spricht von „Krieg gegen Zivilisten“

„Ich weiß nicht, von was für einer gerechten Weltordnung wir reden können, wenn wir Kraftwerke und die Infrastruktur in der Ukraine zerstören“, sagte Roschin. „Das ist Grausamkeit und Sadismus, ein Krieg gegen Zivilisten. Das ist ein Krieg gegen das Volk.“

Prompt wurden der Soziologe von Moderator Andreij Norkin unterbrochen. Roschin sei eine Weile nicht mehr im russischen Fernsehen gewesen. Das zwinge den Moderator dazu, „alles zu erklären, was in unserem Studio in Ihrer Abwesenheit in den letzten drei, vier, fünf Jahren gesagt wurde.“

„Als Bürger bin ich verantwortlich, aber ich habe die Bombardierung der ukrainischen Kraftwerke nicht gebilligt“, entgegnete Roschin. Daraufhin mischte sich der zweite Moderator der Sendung, Ivan Trushkin, provokant ein: „Na, wenn Sie es nicht genehmigt haben, dann können wir ja alle nach Hause gehen.“

Ukraine-Krieg: Russland habe „territoriale Integrität einer souveränen Nation“ verletzt

„Nehmen wir an, wir würden uns den Rest Ihres Manifests anhören, haben Sie etwas Substanzielles beizutragen?“, fragte Norkin den Soziologen. Zu diesem Zeitpunkt kam Roschin kaum noch zu Wort und wurde ständig unterbrochen. „Er sei kein Experte“, sagte Kreml-Propagandist Bogdan Bezpalko. Es würde sich ohnehin niemand dafür interessieren, was Roschin sage, behauptete Moderator Norkin.

Bereits vor der hitzigen Diskussion hatte Politikwissenschaftler Aleksandr Sytin davon gesprochen, dass Russland „die territoriale Integrität einer souveränen Nation“ verletzt habe, als es Ende Februar in die Ukraine einmarschierte. Auf die Frage, ob die Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur Kiew zu Verhandlungen zwingen würde, fügte er hinzu: „Diese Grenzen einer souveränen Nation, die verletzt wurden, waren nicht die russischen Grenzen.“ Für Verhandlungsbereitschaft gebe es aber keine Anzeichen.

Eklat im russischen Staats-TV: Widerstand oder Kreml-Propaganda?

Daily Beast-Kolumnistin und Gründerin des Russian Media Monitors, Julia Davis, ist sich sicher, dass Roschin „nicht wieder eingeladen wird“. Zuvor hatte sie die Sendung ins Englische übersetzt und bei Twitter geteilt. Unklar bleibt, ob Roschin für seine Äußerungen weitere Konsequenzen befürchten muss.

Auch ob die öffentliche Kritik tatsächlich als Widerstand verstanden werden kann oder es sich doch um gezielt eingesetzte Kreml-Propaganda handelt, ist fraglich. Christian Mihr, Geschäftsführer der Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen, hält Kritik im russischen Staatsfernsehen für Einzelfälle. Sie sei vom Kreml gesteuert, nur um die Kritik dann wieder mit der üblichen Propaganda zu relativieren. „Das ist der Versuch, das aufzugreifen, das zuzulassen. Eine journalistische Unabhängigkeit, die einzieht, gibt es nicht“, so Mihr. (kas)

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