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„No to war“: Wie sich ein russischer Pazifist im Wald dem Ukraine-Krieg entzieht

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Von: Alexander Eser-Ruperti

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Der Ukraine-Krieg kennt auch unter Russlands Bevölkerung fast nur Verlierer. Ein Kriegsgegner entzieht sich der Einberufung durch Flucht in die Wälder – alleine.

Moskau – Der Ukraine-Krieg fordert zahllose Opfer, auf allen Seiten. Viele Russen versuchen sich dem zu entziehen, denn sie wollen kein Teil eines mörderischen Angriffskriegs sein, dessen Preis auch sie bezahlen sollen. Zu ihnen gehört ein Mann mit dem Decknamen Adam Kalinin, ein entschiedener Kriegsgegner. Anders als viele andere hat er seine Heimat nicht verlassen – zumindest nicht über die Landesgrenze: Kalinins Flucht führte ihn in die einsamen Wälder Russlands, bei Temperaturen bisweilen weit unter null. Was bleibt, ist seine Hoffnung auf Frieden.

Der Ukraine-Krieg, Russland und ein Kriegsgegner, der keine Statistik werden möchte

Bekanntermaßen stellt der Ukraine-Krieg Russlands Streitkräfte längst vor schwere Aufgaben: Die Kampfhandlungen laufen nicht wie zu Kriegsbeginn erwartet, militärische Fortschritte stellen sich nur langsam ein und die Verluste sind hoch. Der Teilmobilmachung im September war trotz massiver Repressionsgefahr mit Protesten begegnet worden, denn es gibt viele, die kein Teil des Angriffskriegs auf die Ukraine sein wollen, berichtet merkur.de. Die Folge: Viele Männer verließen das Land, andere tauchten innerhalb Russlands unter. Zu ihnen gehört auch ein russischer Kriegsgegner, den die BBC „Adam Kalinin“ nennt, ein Deckname, zum Schutze seiner Identität.

Schnee
Verschneite Bäume: In Russland entzieht sich ein Mann durch Flucht in den Wald seiner Einberufung. (Symbolbild) © Philipp von Ditfurth/dpa/Symbolbild

Kalinin selbst arbeitet laut dem BBC-Bericht im IT-Bereich, womit er eigentlich vom Wehrdienst befreit wäre, doch es gibt Berichte über Fälle, in denen auch das nicht vor der Einberufung geschützt hat. Auch er hat bereits Erfahrungen mit der Repression gegenüber Kriegsgegnern gemacht: Kalinin hatte ein „No to war“ Plakat an seinem Haus aufgehängt und dafür eine Geldstrafe und zwei Wochen Haft kassiert.

Er sagt: „Wir haben einen totalitären Staat, der so mächtig geworden ist. In den letzten sechs Monaten wurden in einem unglaublichen Tempo Gesetze erlassen. Wenn sich jetzt jemand gegen den Krieg ausspricht, wird er vom Staat verfolgt.“ Die einzige Option für Kalinin: Flucht.

Flucht vor Putins Ukraine-Krieg – letzter Ausweg Einöde

Doch Kalinins Flucht unterscheidet sich von der so vieler anderer, die seit dem Beginn von Wladimir Putins Ukraine-Krieg Russland verlassen haben. Der Unterschied: Der Mann in seinen Dreißigern hat die Landesgrenze nie überschritten, sondern flüchtete sich in die Einsamkeit der russischen Wälder. Dort lebt er laut Berichten der BBC seit nunmehr fast vier Monaten. Warum er das Land nicht verlassen habe, wollten die britischen Journalisten von ihm wissen. Das habe drei Gründe, so Kalinin: Freunde, finanzielle Engpässe und das Unbehagen, das Bekannte aufzugeben. Er erklärt: „Auch hier ist es nicht gerade gemütlich, aber trotzdem wäre es psychologisch gesehen wirklich schwer, hier wegzugehen.“

Von gemütlich kann wahrhaftig keine Rede sein, zumal die Temperaturen an Kalinins neuem Wohnort in den kalten Monaten bis zu minus elf Grad Celsius erreicht haben. Denen trotzt der junge Mann in einem Zelt, wie es oft beim Eisfischen verwendet wird. Lebensmittel erhält er von seiner Frau, Strom durch Solarenergie und Internet über eine Antenne. Auch in der Einsamkeit führt für ihn kein Weg vorbei, an der Lohnarbeit, denn noch immer arbeitet er, wenn möglich, acht Stunden täglich. Einzige Ausnahme: Kurze Tage, an denen die ausbleibende Sonne zu wenig Elektrizität generiert. In diesem Fall macht Kalinin die „Fehlstunden“ am Wochenende gut.

Krieg in der Ukraine aktuell: Auch Kalinins Fall lässt sich nicht romantisieren

Kalinin erklärt der BBC zum Krieg in der Ukraine aktuell, „wenn sie körperlich nicht in der Lage sind, mich an den Händen zu nehmen und zum Einberufungsbüro zu führen“ sei dies „eine 99%ige Verteidigung gegen Mobilisierung oder andere Schikanen“. Auch wenn er selbst sagt, es ginge vielen schlechter als ihm, wird eines unmissverständlich deutlich: Seine Flucht lässt keinen Raum für Romantisierung, denn es ist die Flucht vor einem Krieg, der nur Verlierer kennt. Und so gehört auch Kalinin zu den vielen Russen, die nicht am Krieg teilhaben wollen, doch über die nur selten gesprochen wird.

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