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Halbnackte Shootings reichen Putin nicht mehr

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Von: Tobias Utz

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Putin benötigt Erfolge im Ukraine-Krieg, um politisch zu überleben. Neue PR-Manöver zeigen alte Muster.

Moskau – Wladimir Putin rechtfertigt nun seit mehr als neun Monaten die Invasion in der Ukraine. Sein Narrativ ist stets durch Heldentum gekennzeichnet, vielfach ist von einer „Befreiung“ die Rede. Grundlage seines Auftretens war bislang ein stabiles politisches Umfeld. Dies scheint bereits seit geraumer Zeit zu bröckeln. Neben möglichen Nachfolgern, die sich offenbar im Kreml positionieren, steigt der innenpolitische Druck. Insbesondere die Verluste der russischen Armee lassen sich nicht rund um die Uhr verschweigen.

Der Kreml greift deshalb wohl auf alte Methoden zurück: Putin öffentlich als sportlich, vital und erhaben zu positionieren. Im Jahr 2017 schwamm der Präsident beispielsweise in einem Camouflage-Taucheranzug durch einen See in der sibirischen Region Tuwa. Während einer Pause am Steg ließ er sich ablichten. In selbiger Gegend ritt Putin bereits im Jahr 2009 oberkörperfrei auf einem Pferd durch die Berge. Seine wortwörtliche Schlagfertigkeit wollte Putin offenbar im Jahr 2019 beweisen. Damals nahm er an einem Judo-Training in Sotschi teil. Auf seinem Gegner kniend wurde er schließlich fotografiert.

Wladimir Putin erntet Spott statt Beifall

Als Beispiel der jüngeren Vergangenheit dient Putins Auftritt auf der Krim-Brücke. Der Präsident fuhr in einem Auto über die bombenbeschädigte Brücke, um sich ein Bild der Lage vor Ort zu machen. Die Wirkung des PR-Events entfaltete erst Stunden später im Internet seine Wirkung, als Aktivistinnen und Aktivisten aufdeckten, dass Putin in einem Mercedes deutscher Bauart fuhr. Putin hatte zuvor noch für Lada, eine russische Automarke geworben. Der Hersteller gilt als schwer gebeutelt, insbesondere durch westliche Sanktionen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte im Nachgang, dass bei Putins Besuch zufällig nur der Mercedes zur Verfügung stand und nicht dessen eigentliche Lieblingsmarke.

Wladimir Putin
Region Tuwa, im südlichen Teil von Sibiren: Wladimir Putin reitet oben ohne auf einem Pferd. (Archivfoto) © imago stock & people / Imago Images

Ähnlich erging es Putins Kreml-PR als der Präsident kürzlich eine Rede mit Sektglas in der Hand hielt. Anlässlich einer Ehrung von Soldaten äußerte sich der 70-Jährige zu Russlands Bombardierungen im Ukraine-Konflikt. Angesichts wirrer Aussagen hieß es im Nachgang, Putin sei betrunken gewesen. Wirtschaftswissenschaftler Anders Åslund, der Putins Vorgänger Boris Jelzin als Osteuropa-Experte beraten hatte, erklärte auf Twitter, dass „alle Russen sehen werden, dass er betrunken und schwach“ sei. Journalist Euan MacDonald, der für das Nachrichtenportal New Voice of Ukraine berichtet, behauptete ebenfalls, dass Putin „offensichtlich betrunken“ gewesen sei.

Die russische Journalistin Olga Bychkova beurteilt die verzweifelten PR-Aktionen Moskaus insbesondere anhand der abgesagten Jahrespressekonferenz: „Dass der Kreml Putins große Pressekonferenz absagt, ist ein Zeichen: Sie erkennen, wie hoffnungslos ihre Lage ist – das ist eine Sackgasse, sein Plan ist in der Ukraine gescheitert“, sagte sie dem Nachrichtenportal Daily Beast. „Sie halten immer noch zu ihm, denn ohne Putin sind sie am Ende; aber jetzt sind sie nicht einmal mehr in der Lage, ein Drehbuch zu schreiben, sich Fragen und Antworten für ihn auszudenken“, so Bychkova in ihrer Einschätzung.

Putins Beliebtheitswerte kaum verifizierbar

Das Nachrichtenportal Moscow Times berichtete kürzlich mit Verweis auf Kreml-Daten, dass die Bevölkerung der Ukraine-Invasion immer skeptischer gegenüberstehe. Insbesondere in der Altersgruppe zwischen 18 und 45 Jahren wachse der Unmut ob Putins „Spezialoperation“.

Umfragen des russischen Thinktanks Levadu zufolge unterstützen derzeit rund 79 Prozent der Bevölkerung den Einsatz im Ukraine-Krieg. Dennoch fordern demnach immer mehr Menschen diplomatische Lösungen im Konflikt: „Die Unterstützung für die russischen Streitkräfte bleibt hoch. Gleichzeitig wünscht sich etwa die Hälfte der Befragten die Aufnahme von Friedensverhandlungen“, stellen die Fachleute in einer Analyse fest. In staatlichen Medien, vor allem der Nachrichtenagentur Tass, heißt es derweil, dass Putin immer beliebter werde.

Hinweis der Redaktion

Teile der Informationen stammen von Kriegsparteien im Ukraine-Konflikt: Diese sind nicht auf unabhängige Weise verifizierbar.

(tu)

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