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Ehefrauen klagen an: Russische Soldaten „haben keine Ahnung, was zu tun ist“

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Von: Tim Vincent Dicke

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Inmitten des Ukraine-Kriegs üben Frauen russischer Rekruten ungewöhnlich deutliche Kritik: „Sie wissen nicht, wie man kämpft. Sie können das nicht.“

Moskau – Die Berichte über chaotische Zustände innerhalb der russischen Armee reißen nicht ab. Seit Monaten gibt es immer wieder Beschwerden von Soldaten und Angehörigen: Die Ausrüstung sei schlecht, die Ausbildung teils kaum vorhanden. Nun legen zwei Ehefrauen von Rekruten nach – sie machen den Truppen von Oberbefehlshaber Wladimir Putin schwere Vorwürfe.

Die Washington Post konnte mit einer Transportarbeiterin aus St. Petersburg sprechen, deren Mann im Zuge der Teilmobilmachung in den Ukraine-Krieg geschickt wurde. Yana, wie sie von der US-amerikanischen Tageszeitung schlicht genannt wird, war eigenen Angaben zufolge zu Beginn der Invasion am 24. Februar eine glühende Befürworterin der sogenannten „militärischen Spezial-Operation“. Doch als ihr Lebenspartner eingezogen wurde, änderten sich ihre Ansichten fundamental.

News zum Ukraine-Krieg: Heftige Kritik an Russlands Führung

„Sie bekommen keine Befehle und haben keine Aufgaben“, sagte die Ehefrau des russischen Rekruten, um dann hinzuzufügen: „Ich habe gestern mit meinem Mann gesprochen und er sagte, sie haben keine Ahnung, was zu tun ist. Sie wurden einfach im Stich gelassen und haben jegliches Vertrauen, jeglichen Glauben an die Behörden verloren.“

Auch Irina Sokolowa klagte Russlands Militärführung an. Die 37-Jährige gab an, dass sie vor einem Monat mit ihrem Ehemann gesprochen habe, einem russischen Kämpfer, der für den Ukraine-Konflikt mobilisiert wurde. Ihr Mann habe sie schluchzend und komplett gebrochen aus einem Wald angerufen. „Sie lügen im Fernsehen“, habe er gesagt, erklärte Sokolowa gegenüber der Washington Post.

Russische Rekruten
Mehr als 300.000 Männer hat Russland eigenen Angaben zufolge im Zuge der Teilmobilmachung für den Ukraine-Krieg rekrutiert. (Archivbild) © Pavel Lisitsyn/imago

In Nachrichtensendungen des Staatsfernsehens wird fast ausschließlich über die Kampfhandlungen in der Ukraine berichtet, der Krieg zu einem Konflikt zwischen einem strahlenden Russland und dem „satanischen“ Westen stilisiert. Beiträge über die tatsächliche Situation an der Front gibt es dagegen kaum. Erst kürzlich hatte der als „Putins Stimme“ bekannte Protagonist Wladimir Solowjow Kritik an mangelhafter Ausrüstung zurückgewiesen. Wie im Teleshopping pries er Schutzwesten, Soldaten-Handschuhe, Knie- sowie Ellbogenschoner an und forderte die Soldaten auf, nicht so undankbar zu sein. – „für all‘ das zahlt Moskau“.

Russlands Rekruten in der Ukraine „wissen nicht, wie man kämpft“

Die Art der Berichterstattung habe Sokolowa und ihrem Ehemann ein komplett verzerrtes Bild des Kriegs gegen die Ukraine beschert, klagte sie an. „Natürlich hatte er keine Ahnung, wie schrecklich es dort sein würde“, so Sokolowa. „Wir sehen unsere staatlichen Fernsehsender und sie sagen, dass alles perfekt ist.“ Der Partner der 37-Jährigen sei am 22. September eingezogen worden, nur vier Tage später habe man ihn bereits in der Ukraine stationiert. Ohne militärische Ausbildung.

Russland habe die Zwangsrekruten direkt an die vorderste Linie der Front geschickt, „aber sie sind keine Militärs“, kritisierte Sokolowa. „Sie wissen nicht, wie man kämpft. Sie können das nicht“, sagte sie und gab an, dass ihr Mann starke Schmerzen aufgrund einer Bauchspeicheldrüsenentzündung habe. „Ich fühle, wie schrecklich es dort für ihn ist. Mein Herz wird zerrissen.“

Nach Angaben des Kreml ist die Teilmobilmachung mittlerweile abgeschlossen. 318.000 Männer habe Russland für den Ukraine-Krieg mobilisiert, gab Putin an. Die US-Kriegsfachleute des Institute for the Study of War (ISW) gehen jedoch davon aus, dass die Mobilisierungen verdeckt weitergehen. (tvd)

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