Künstler Artur Klose hat die beiden Länder bereist und berichtet

Ukraine-Russland-Konflikt: „Diesen Frieden gibt’s nur im TV“

Der im heute polnischen Krappitz geborene Künstler Artur Klose hat Russland und die Ukraine bereist. Wir sprachen mit Klose, der heute in Nordhessen lebt, über seine Erfahrungen.

Herr Klose, Sie kennen die deutsche Berichterstattung über den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland. Was wussten Sie bis zu Ihrer Ukrainereise noch nicht?

Artur Klose: Ich habe dort mit ukrainischen Soldaten gesprochen. Die sagen: Diesen Frieden, den Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier dort vermittelt haben soll, den gibt es nur im deutschen TV. In Wirklichkeit wird jeden Tag weiter geschossen und gestorben.

Worüber ärgern sich die Soldaten am meisten? 

Klose: Mir hat einer gesagt: Der größte Feind des ukrainischen Volkes sitzt nicht in Moskau, sondern in Kiew.

Warum das?

Klose: Die Soldaten einer Einheit, deren Nummer ich kenne, haben mir gesagt, dass sie mit Stahlhelmen von 1943 ausgestattet wurden. Die neueste Ausrüstung werde von hohen Beamten und Offizieren gestohlen und privat verkauft. Die Familien und Freunde von Soldaten müssen von Zwischenhändlern das moderne Material für ihre Angehörigen selbst kaufen, Helme, schusssichere Westen, Nacht-sichtgeräte, Ausrüstung. Auch Essen und Kleidung liefern Familien, Freunde und Freiwillige an die Front. Der Konflikt werde auf diese Weise künstlich verlängert, weil er gut fürs Geschäft sei.

Gut fürs Geschäft, aber nicht gut für die Stimmung?

Klose: Ja. Aktuell melden sich Ukrainer nur deswegen zum Militärdienst, um an Waffen zu gelangen, die sie später gegen die eigene Regierung richten wollen. Über die westliche Unterstützung an die Ukraine hat man mir gesagt: Das wird mehr Millionäre in der Ukraine machen, aber nichts wird davon besser.

Sie haben auch Russland bereist. Wie sehen die Russen den Konflikt und besonders die deutsche Rolle darin?

Klose: Viele Russen sagen: Wir Deutschen sollen sie in Ruhe lassen. Sie sehen ihr Land als Opfer einer Aggression, die von den USA ausgeht, aber gleich danach auch von Deutschland. Viele glauben tatsächlich, dass Deutschland einen Angriffskrieg auf Russland vorbereitet.

Aber die Krim wurde von Russland annektiert, nicht von einem anderen Staat. 

Klose: Das ist für viele Russen eine Selbstverständlichkeit gewesen, eine Art Ordnungsmaßnahme. Sie behaupten, dass sie auf der Krim nur den Amerikanern zuvorgekommen sind, die dort angeblich Raketen stationieren wollten.

Haben Sie darüber mit Russen diskutiert, auch über den vom russischen Präsidenten ja später selbst eingeräumten Truppeneinsatz auf ukrainischem Boden?

Klose: Ja klar, aber so eine Diskussion wird schnell ungemütlich. Wer die Wahrheit über den russischen Militäreinsatz in der Ukraine sagt, dem wird schnell entgegnet, dass man Russland beleidige, und das werde nicht geduldet. Viele Russen leben völlig abgeschottet in ihrer eigenen Welt. Krieg und Waffengewalt spielen eine große Rolle. Schon Schüler und Kinder werden militärisch erzogen. Es ist ein Land im Stress: Viele reden begeistert von Krieg und militärischer Stärke Russlands. Gleichzeitig begegnet man aber überall Armut und Korruption.

Herr Klose, Sie werden als Künstler und Botschafter deutscher Kultur von regierungsnahen und von oppositionellen Russen eingeladen, aber auch von Polen, Ukrainern und Georgiern. Wie sehen Sie als in Polen geborener Deutscher Ihre Rolle zwischen Ost und West? 

Klose: Ich glaube, dass ich in der Tat eine Art Botschafter geworden bin. Sie glauben gar nicht, wie riesig das Interesse an Deutschland und deutscher Kultur in diesen Ländern ist. Merkwürdigerweise ist das Interesse von östlicher Seite an deutscher Kultur größer als umgekehrt. Ich würde mir mehr Unterstützung von deutscher Seite wünschen. Ich werde oft gefragt, warum Deutschland kein Interesse hat, mehr Werbung für seine Kultur zu machen.

Artur Klose (44) ist ein Künstler und Kurator, der 1971 in Krappitz, Polen, als Angehöriger der deutschen Minderheit geboren wurde. Der verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder, der erst ab 1991 in Deutschland deutsch lernte, studierte in Kassel Visuelle Kommunikation und Trickfilm. Heute lebt der Ausstellungsmacher und Autor mehrere Bücher im nordhessischen Hombressen. Artur Klose im Internet.

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