49 Tote in Lugansk

Ukraine: Separatisten schießen Flugzeug ab

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Ein Flugzeug von diesem Typ soll beim Anflug auf einen Flughafen der Großstadt Lugansk abgeschossen worden sein.

Lugansk - In ihrem „Anti-Terror-Kampf“ erleidet die ukrainische Armee einen schweren Rückschlag. Aufständische schießen eine Militärmaschine ab, viele Soldaten sterben.

In der Ostukraine haben prorussische Aufständische beim Abschuss eines Militärflugzeugs alle 49 Soldaten an Bord getötet. Die Separatisten griffen die Transportmaschine vom Typ Iljuschin IL-76 beim nächtlichen Landemanöver auf den Flughafen der Großstadt Lugansk mit Raketen an, wie Armeesprecher Wladislaw Selesnjow am Samstag sagte. Der Angriff sorgte weltweit für Bestürzung. Am Abend kam es vor der russischen Botschaft in Kiew zu Ausschreitungen. Demonstranten warfen Moskau vor, die Verantwortung für die Gewalt in der Ostukraine zu tragen.

Amateurvideos zeigten brennende Trümmer des fast 50 Meter langen Flugzeugs. Die Separatisten in Lugansk bekannten sich zu dem Abschuss. Es ist der schwerste Schlag für die ukrainische Armee seit Beginn ihrer „Anti-Terror-Offensive“ gegen Aufständische Mitte April.

Kanzlerin Angela Merkel rief in einem Telefonat den russischen Präsidenten Wladimir Putin - auch als Reaktion auf den jüngsten Flugzeug-Abschuss - zu einer schärferen Kontrolle der Grenze auf. Russland müsse den Zustrom von Waffen und Kämpfern in die Ukraine wirksam eindämmen, sagte Merkel nach Angaben eines Berliner Regierungssprechers. An dem Gespräch sei auch Frankreichs Präsident François Hollande beteiligt gewesen. Merkel habe sich bestürzt über den Abschuss gezeigt und auf die Dringlichkeit eines Waffenstillstands hingewiesen, hieß es in Berlin.

Der neue ukrainische Präsident Petro Poroschenko drohte den Separatisten mit Vergeltung. Der Abschuss sei ein „zynischer terroristischer Akt, der unbedingt bestraft werden wird“. Die Täter würden eine „angemessene Antwort“ erhalten. Poroschenko erklärte diesen Sonntag zum Tag der Trauer.

Nach den Worten von Ex-Verteidigungsminister Anatoli Grizenko waren 40 Fallschirmjäger einer Luftlandebrigade aus Dnjepropetrowsk sowie 9 Mann Besatzung an Bord. Das Flugzeug sei in etwa 700 Metern Höhe von Geschossen aus dem Raketenwerfer „Igla“ (Nadel) getroffen worden.

Grizenko warf Putin vor, die militanten Gruppen in der Ostukraine weiter aufzustacheln. „Dies ist kein Konflikt zwischen Bürgern, sondern ein Krieg Putins gegen die Ukraine“, meinte er.

In Washington sagte die Sprecherin der US-Außenministeriums, Marie Harf, es gebe „überzeugende Beweise“, dass sich die Separatisten schwere Waffen und andere Ausrüstung aus Russland beschafft haben, darunter Panzer. Letztere seien „irgendwie aus russischen Lagerhäusern“ geholt worden. Berichte, nach denen es sich um gestohlene ukrainische Panzer handele, träfen nicht zu, sagte die Sprecherin. Auch Präsident Poroschenko hatte sich zuletzt bei einem Telefonat mit Putin über das angebliche Eindringen russischer Panzer auf ukrainisches Staatsgebiet beschwert. Moskau weist dies zurück.

US-Außenminister John Kerry zeigte sich in einem Telefonat mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow „stark besorgt“ über die Möglichkeiten ukrainischer Separatisten, an schwere Waffen zu gelangen. Kerry habe Moskau erneut dazu aufgerufen, die Unterstützung für die Aufständischen einzustellen und zur Beruhigung der Lage beizutragen, sagte ein hochrangiger US-Außenbeamter am Samstag.

Die Nato hat nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ („FAS“) einen Einsatz russischer Panzer in der Südostukraine mit Fotos dokumentiert. Ein Sprecher des Verteidigungsbündnisses wollte die Echtheit des Materials am Samstag auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa weder bestätigen noch dementieren. Die Aufnahmen deuten der Zeitung zufolge darauf hin, dass am 11. Juni drei russische T-64 Panzer über die Grenze in die Ukraine transportiert und dort in zwei Städten gesehen wurden.

In der Ukraine gehen Regierungstruppen seit Monaten gegen Aufständische in Lugansk und Umgebung vor, die dort eine nicht anerkannte „Volksrepublik“ ausgerufen haben. Erst am Vortag hatten Sicherheitskräfte das Zentrum der Hafenstadt Mariupol zurückerobert.

Dort griffen Aufständische am Samstag eine Kolonne des Grenzschutzes mit Granatwerfern an. Bei dem Beschuss seien drei Soldaten getötet und vier verletzt worden, teilten die Behörden mit. Im Raum Donezk starb bei einem Luftangriff der Sicherheitskräfte mindestens ein Separatist, sechs wurden verletzt. Die Aufständischen hätten das Feuer erwidert und einen Kampfjet vom Typ Suchoi Su-25 abgeschossen, hieß es. Der Pilot habe sich per Schleudersitz retten können.

In Lugansk sagte der Militärexperte Dmitri Tymtschuk, zuletzt seien dort drei Transportflugzeuge problemlos gelandet. Allerdings hätten Separatisten in den vergangenen Tagen um den Flughafen herum Stellung bezogen. „Sie belagern das Areal mit MG-Nestern“, sagte Tymtschuk.

Unter den von Aufständischen in der Ostukraine entführten OSZE-Beobachtern befindet sich der „Bild“-Zeitung zufolge auch eine Deutsche. Die 44-Jährige sei bereits am 29. Mai in Lugansk als Geisel genommen worden. Sie habe für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) die Lage in der Region beobachtet. Das Auswärtige Amt wollte sich am Samstag auf Anfrage nicht äußern.

Die Separatisten wollen die Region von der Ukraine abspalten. Sie lehnen den prowestlichen Kurs der Regierung in Kiew ab und streben einen Beitritt zu Russland an - nach dem Vorbild der Halbinsel Krim.

dpa

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