UMG-Vorstand kritisiert Politik

Corona-Lage in der Uniklinik Göttingen: „Belastung höher als in der Spitze der dritten Welle“

Corona-Intensivstation: Covid-19-Patienten werden unter hohem personellen Aufwand betreut. Hier ein Patient in Bauchlage, damit soll er entlastet werden. Prof. Onnen Mörer von der UMG kümmert sich um den Schwerkranken.
+
Corona-Intensivstation: Covid-19-Patienten werden unter hohem personellen Aufwand betreut. Hier ein Patient in Bauchlage, damit soll er entlastet werden. Prof. Onnen Mörer von der UMG kümmert sich um den Schwerkranken. (Archivfoto)

Die Maximalversorger laufen unter Volllast. Die Göttinger Universitätsmedizin (UMG) behandelt mehr als 90 Prozent der Corona-Patienten der Region.

Göttingen – Die Maximalversorger, wie die Göttinger Universitätsmedizin (UMG), laufen während der Corona-Pandemie unter Volllast. Die UMG behandelt mehr als 80 Prozent aller Intensivpatienten und mehr als 90 Prozent der Covid-19-Patienten der Region – und hilft anderen Ländern.

Über die Belastung, das Personal und verfehlte Politik sprachen wir mit UMG-Vorstand Krankenversorgung Prof. Lorenz Trümper.

Herr Trümper, nun reagiert die Politik in der vierten Welle...
Viel zu spät. Die Fehleranalyse selbst der Stiko trifft zu: Die Booster-Kampagne kommt zu spät. Die Stiko hat fachliche Entscheidungen zu spät getroffen und in der Pandemie kommunikativ sehr unklug agiert. Der neue Bundesgesundheitsminister und Bundeskanzler haben nun den aus unserer Sicht dringend benötigten wissenschaftlichen Beirat installiert, der nicht nur in der Pandemie benötigt wird.
Im Wahlkampf war wenig über Corona und ein ,neues‘ Gesundheitswesen zu hören. Ein Fehler?
Wir sollten und müssen nach der Pandemie tatsächlich darüber diskutieren, was sinnvoll, wertvoll und wichtig im Gesundheitswesen ist. Die Themen, die den Wahlkampf beherrscht haben, haben die Ernsthaftigkeit der Lage im Gesundheitswesen überhaupt nicht adressiert. Die Bundestagswahl hat vorher verhindert, dass alles, was notwendig gewesen wäre, getan wurde. Jetzt sitzen wir im Schlamassel. Ich zitiere gerne meinen Kollegen Michael Halleck aus Köln: ,Wir in den Hochleistungskliniken sind die Reparaturwerkstatt für eine verfehlte Politik‘. Das ist nicht das, was sich unsere Menschen hier an der UMG als Beruf gewünscht haben. Aber es fällt auf sie zurück, und sie nehmen diese Herausforderung an.
Aus Mitarbeiterkreisen ist zu hören: Viele sind müde, können nicht mehr...
Objektiv und auch gefühlt ist an der UMG die Belastung höher als in der Spitze der dritten Welle – und sie wird noch länger andauern. Die gefühlte und echte Belastung ist auch höher, weil es wie in „Ewig grüßt das Murmeltier“ läuft: Wir haben den vierten Durchlauf und nehmen alles wahr, wie schon einmal erlebt. Das führt zu einer echten Ermattung. Und es ist ein Auf und Ab: Wir dachten alle, dass es mit der Impfung besser werden würde. Dann wussten wir bereits im Herbst, dass eine neue Welle kommen wird – und nun die fünfte, die Omikron-Welle.
Warum landen viele Intensivpatienten in der UMG?
Zum einen ist es unsere Aufgabe als Supramaximalversorger und überregionales Beatmungszentrum gegen akutes Lungenversagen, alle Kraft für die schwer erkrankten Patienten aus der gesamten Region einzusetzen. Zum anderen bieten wir uns im ,Kleeblatt‘ gerade in der jetzigen Situation an, solange wir es schaffen und verantworten können. Ärgerlich sind aber Fehlsteuerungen der Politik, im Gesundheitswesen – auch die Vergütungsfehler um das Freihalten der Krankenhausbetten unter Zahlung einer Freihaltepauschale in der ersten Welle. Die Freihaltepauschalen, das weiß auch die Politik, haben zum Fehlanreiz geführt. Damit haben sich einige Kliniken – im Gegensatz zu Uni-Klinika – finanziell sehr gut gestellt, wie die 2020-Bilanzen zeigen. Die Behandlung von Covid-Patienten ist aufwendig, teuer und im DRG-Vergütungssystem nicht richtig abgebildet.
Welche Folgen hat all das?
Es ist effektiv weniger Personal da. Gründe dafür sind Arbeitszeitreduzierung – was ich sehr gut verstehen kann– Kündigung, sogar Abwanderung in andere Bereiche und Berufe. Der Krankenstand ist auch höher. Dennoch läuft es an der UMG mit einer stabilen Personaldecke noch ganz gut: 2020 haben wir 33 Pfleger aufgebaut, wir bräuchten aber mehr. Leider haben wir auch sechs Pflegende weniger, die nicht auf ,Intensiv‘ eingesetzt werden möchten.
Können also weniger Betten belegt werden?
Ja. Die Zahl der betriebenen Intensivbetten in Deutschland ist zwischen der ersten und vierten Welle gesunken. Die UMG hat prinzipiell genügend Intensivbetten; durch Personalverschiebungen haben wir etwas weniger als in der ersten Welle. Die UMG hat inklusive Kinder-Intensiv-Betten 110 – das sind aber 20 weniger. Hinzu kommen viele Covid-Patienten, für die wir, wenn sie beatmet werden müssen, mehr Pflegende als auf Normal-Intensiv-Station benötigen. 15 Covid-Betten brauchen so viel Personal wie 20 normale Intensivbetten. Folglich fehlen uns nun normale Intensivbetten. Das ist eine Verknappung der Ressourcen, die vor allem auch Patienten trifft, die noch an Covid-19 leiden.
Gehen so Behandlungsmöglichkeiten verloren?
80 Prozent der Intensivstationen in Deutschland melden sich betriebseingeschränkt. Das ist eine sehr komplexe Situation, die in bestimmten Regionen drastisch ist, so in Dresden, wo die Uni-Klinik sechs normale und zwei Intensiv-Stationen vollständig auf Corona umgestellt hat. Sie können sogar keine Krebspatienten mehr aufnehmen. Das ist das, was passiert.
Das führt zu Patienten-Verlegungen bundesweit – auch zur Triage?
Das böse T-Wort Triage wird de facto durch die Verknappungssituation zunächst unbewusst aktiviert. Wenn der Notarztwagen keinen Platz findet, wo ein Patient hinkann, dann wird nach Ressource triagiert – und nicht nach Erfolgsaussicht. Ich muss, kann und soll als Arzt aber nur nach der Chance auf Überleben allokieren, wenn die Ressourcen knapp sind. In dieser Situation befinden sich aktuell leider viele Kliniken in Deutschland, obwohl wir ein sehr leistungsfähiges Gesundheitswesen haben, im Vergleich zu vielen Ländern.
Muss das Gesundheitssystem verändert werden?
Ja. Wir sollten und müssen nach der Pandemie tatsächlich darüber diskutieren, was sinnvoll, wertvoll und wichtig ist, im Gesundheitswesen. Alle in den Uni-Kliniken tragen die Hoffnung, dass diese Krise wirklich dazu führt, dass dringend notwendige strukturelle Veränderungen durchgesetzt werden. Wenn wir nicht wollen, dass es eine zufällige Ressource Notarztwagen, freies Bett oder wirtschaftliche Entscheidung gegen ,Behandlungsfälle‘ in Kliniken gibt, dann muss der Staat ein Verteilungskonzept mit medizinischer Steuerung überlegen. Wir brauchen ein faires Verteilungssystem. Laut Enquetekommission soll Niedersachsen in acht Regionen eingeteilt werden, mit je einem Maximalversorger, der soll und muss der Koordinator sein. Dies brauchen wir dauerhaft als Mechanismus im Gesundheitssystem, das weiter und immer wieder an personelle Grenzen stoßen wird.
Das wird privatwirtschaftlichen Kliniken nicht gefallen, oder?
Der politische Wunsch, das zu ändern, stößt nicht auf Gegenlieben, weil es auch bedeutet, dass das eine oder andere Krankenhaus nicht zu halten sein wird. Dazu gehört auch, dass sich Krankenhäuser in die Karten schauen lassen, vielleicht sogar die Belegung und Kapazitäten, aber auch die Fallauswahl, extern bewerten oder steuern lassen müssen. Damit können diese ihre Kapazitäten nicht mehr nur nach ökonomischen Zielen ausrichten. Das kann natürlich Geschäftsmodelle einzelner Kliniken gefährden.
War die Privatisierung ein Fehler?
Sie hat zu einer Verschiebung von Behandlungsfällen und Finanzströmen geführt. Im Nachteil sind Kliniken wie wir. Die Ökonomie entscheidet in vielen Krankenhäusern: Warum finden Sie denn bei manchen privaten Klinken keine Kindermedizin? Weil diese immer Verlust macht, wie die Geburtshilfe. Die Gesellschaft muss aber dafür sorgen, dass die Kindermedizin finanziert wird. Wir haben an der UMG ein Zentrum für seltene Erkrankungen, eines der wenigen in Deutschland, für die Kinder- und Jugendmedizin angeboten wird, auch in der Neuropädiatrie. Das bringt kein Geld. Es ist aber toll, dass wir hier Kinder von der Geburt bis zum Erwachsenwerden betreuen, egal, welche Probleme sie haben. Es gibt noch andere Beispiele, die sich einfach nicht rechnen, die wir aber vorhalten – Kliniken, hinter denen Investoren stehen, aber eben nicht. Das ist ein gesellschaftliches Problem, für das wir in der Öffentlichkeit um Aufmerksamkeit werben müssen. (Thomas Kopietz)
Prof. Dr. Lorenz Trümper: Vorstand Krankenversorgung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG)

Zur Person: Prof. Dr. Lorenz Trümper

Prof. Dr. Lorenz Trümper (63) ist seit Mai 2020 Vorstand Krankenversorgung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und war zuvor Direktor der UMG-Klinik für Hämotologie/Medizinische Onkologie. Der Rheinländer studierte in Aachen, Freiburg, Dublin und Karlsruhe. Trümper ist verheiratet, hat fünf Kinder. Er lebt in Göttingen. (tko)

Aufgrund der aktuellen Corona-Lage verschieben zahlreiche Städte und Gemeinden im Landkreis Göttingen ihre Neujahrsempfänge. Erneut kam es zu Aktionen von Corona-Gegnern in Göttingen, Hann. Münden, Duderstadt und Herzberg. Das berichtet die Polizei.

Mit dem Göttingen-Newsletter der HNA nichts aus der Region verpassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.