Der wundersame Weihnachtsfrieden

Umstrittenes Werbevideo: Briten machen mit Weltkrieg Werbung für Schokolade

London. Den Weihnachtsfrieden an der deutschen Westfront 1914 hat es wirklich gegeben: Spontan stiegen britische und deutsche Soldaten aus den Schützengräben, als sie sich gegenseitig "Stille Nacht" singen hörten. Jetzt sorgt ein millionenfach geklicktes Werbevideo der britischen Supermarktkette Sainsbury´s für Diskussionen.

Die Szene beginnt mit dem Bild britischer Soldaten, die in der Kälte im Schützengraben ausharren. Artilleriefeuer ist zu hören, es ist Nacht, Schneeflocken fallen. Einer der Soldaten öffnet ein Paket aus der Heimat und neben einem Frauenfoto fällt auch ein Schokoriegel heraus.

Er lächelt, dann ertönt aus der Ferne das Weihnachtslied „Stille Nacht“, erst auf Deutsch, dann stimmen die Kameraden auf Englisch ein. Kurz darauf spielen Deutsche und Briten, die sich eben noch bekämpften, Fußball, lachen, feiern gemeinsam das Christfest.

Das historische Ereignis im Jahr 1914 ist als „Weihnachtsfrieden“ in die Geschichte eingegangen, als Augenzeugen zufolge an zahlreichen Abschnitten der Westfront Soldaten ohne Befehl für eine kurze Zeit die Waffen niederlegten, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Zahlreiche Tagebücher und auch Fotografien belegen das denkwürdige Ereignis. Großbritannien gedenkt in diesem Jahr, in dem sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal jährt, besonders der Opfer der „Urkatastrophe“ des ersten Weltkriegs. Insgesamt wurden damals rund 17 Millionen Menschen getötet.

Die Briten nennen ihn „Great War“, den Großen Krieg, der auf der Insel aufgrund der hohen Opferzahlen das bestimmende historische Ereignis des 20. Jahrhunderts darstellt. Und nun reiht sich auch noch dieses Video in den Erinnerungsreigen ein.

Eine Sache ist dabei anders: Es ist Werbung der britischen Supermarktkette Sainsbury’s. Während auf dem Schlachtfeld die verfeindeten Lager aufeinander zugehen, schenkt ein Deutscher namens Otto dem Briten Jim einen Keks. Jim übergibt ihm die anfangs gezeigte Schokolade. Am Ende des emotionsgeladenen Spots, das in Zusammenarbeit mit der Kriegsveteranen-Organisation „Royal British Legion“ entstanden ist, erscheinen die Worte „Weihnachten ist da, um zu teilen“, gefolgt von dem Logo von Sainsbury’s.

Berühmte Szene vom „Weihnachtsfrieden“ 1914: Ein Reichswehrsoldat eines sächsischen Regiments (mit Zigarette) an der Westfront ist umgeben von Soldaten der britischen Expeditionary Force. Den Männern ist ihr Staunen über die ungewöhnliche Situation in die Gesichter geschrieben.

Im Internet ist nun eine Diskussion darüber entbrannt, wie weit Werbung gehen darf. Während die einen den Kurzfilm als „bewegendes Denkmal“ bezeichnen, kritisiert der „Guardian“ die Ausbeutung des Ersten Weltkriegs für den kommerziellen Profit als „geschmacklos“. Doch das sei nicht einmal das Schlimmste, schreibt Ally Fogg. „Die Filmemacher haben hier etwas mit dem Ersten Weltkrieg getan, das vielleicht die gefährlichste und respektloseste Tat überhaupt ist: Sie haben ihn wunderschön gemacht.“

Der Regisseur Ringan Ledwidge wollte nach eigenen Angaben etwas schaffen, das Produkte und Werbung übersteigt. „Die Botschaft ist wundervoll“, findet er. Es sei ein starker Weg, jenen Menschen, die gekämpft haben, Respekt zu zollen und die Leute heute zum Nachdenken zu bewegen.

Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter scheiden sich die Geister über das sentimentale Video, das bereits millionenfach im Internet abgerufen wurde. „Die Sainsbury’s-Werbung sollte einen Preis gewinnen“, heißt es etwa von einem Briten. Dagegen schreibt ein anderer Nutzer, die Werbung „beutet schamlos einen Moment aufrichtiger Menschlichkeit während des Ersten Weltkriegs aus, nur um uns dazu zu bringen, mehr einzukaufen“. Die Werbevideos zu Weihnachten, mit denen Unternehmen sich jedes Jahr zu übertrumpfen versuchen, sind in Großbritannien ein großes Thema und werden stets mit Spannung erwartet.

Von Katrin Pribyl

Rubriklistenbild: © Foto: picture-alliance

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