Analyse zur Halbzeit

Vier Gründe, warum Joachim Gauck ein guter Bundespräsident ist

In der Macht des Wortes liegt die Chance jedes Bundespräsidenten: Joachim Gauck (74) hat sie genutzt. Foto: dpa

Wenn es bei einer Amtszeit bleibt, dann hat Joachim Gauck in diesen Tagen die Hälfte seiner fünf Jahre als Bundespräsident erreicht. Gauck ist ein gutes Staatsoberhaupt, meint unser Redakteur Wolfgang Blieffert, und nennt seine Gründe:

Heute ist Gauck in Kassel. Seine Rede vor dem Bundessozialgericht übertragen wir hier live per Video

1. Joachim Gauck hat dem Amt des Bundespräsidenten die Würde wiedergegeben. Nach dem beleidigten Abgang Horst Köhlers 2010 sowie der quälenden Affäre um Christian Wulff und dessen Rücktritt 2012 drohte das Amt des Staatsoberhauptes dauerhaft Schaden zu nehmen.

Aber Gauck hat mit der ihm eigenen Mischung aus Freundlichkeit, Offenheit und Ernst dem Amt neue Reputation verschafft. Die Deutschen mögen dieses Staatsoberhaupt, seine Zustimmungswerte liegen in Umfragen bei 70 Prozent.

2. Joachim Gauck ist der erste Ostdeutsche im Amt des Bundespräsidenten – das war nach über 20 Jahren deutscher Einheit auch einmal nötig. Und es ist dieser schwierigen Nation gut bekommen. Denn Gauck hat seine bitteren Erfahrungen aus den Zeiten der SED-Diktatur mit ins hohe Amt genommen. Er betont stets die hohe Bedeutung der Freiheit, die die Ostdeutschen jahrzehntelang vermissen mussten, und deren Wert viele Westdeutsche gar nicht mehr zu schätzen wissen.

So kann Gauck heute problemlos sagen: „Dies ist ein gutes Deutschland, das beste, das wir jemals hatten.“ Daraus spricht kein Nationalismus, sondern eine gesunde, selbstbewusste Portion aufgeklärter Patriotismus.

3. Joachim Gauck hat aber auch erkannt, das dieses neue Deutschland sich nicht bequem und selbstgefällig in die Hängematte legen darf, sondern dass es sich neuen Herausforderungen stellen muss. Gauck mahnt die Deutschen und deren Politiker, sich ihrer Verantwortung in der Welt bewusst zu werden. „Die Geschichte lehrt uns“, hat er vor wenigen Tagen bei der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag des Überfalls auf Polen gesagt, „dass territoriale Zugeständnisse den Appetit von Aggressoren oft nur vergrößern.“ Das war in erfreulicher Klarheit auf Wladimir Putin gemünzt.

Dass er sich mit solchen – für einen Bundespräsidenten ungewohnt klaren – Positionierungen Kritik zuziehen würde, wird Gauck klargewesen sein. Zumal Begriffe wie „Nato-Nagelbomben-Repräsentant“ und „widerlicher Kriegshetzer“ letztlich nur zeigen, dass der freiheitsliebende Bürger Gauck bis heute ins Feindraster von SED-Nachfolgern passt.

4. Joachim Gauck beschränkt seine Mahnung zu mehr deutscher Verantwortung in der Weltpolitik aber keinesfalls auf militärisches Engagement. Dem gelernten Pfarrer liegt auch das Schicksal von Flüchtlingen und Asylbewerbern erkennbar am Herzen. So forderte er die europäischen Partner kürzlich auf, Zuständigkeiten nicht zwischen den einzelnenen Ländern hin- und herzuschieben. Deutschland und auch Europa täten zwar viel, so Gauck. „Aber nicht so viel, wie es uns selbst manchmal scheint.“ Wer wollte dem widersprechen?

Von Wolfgang Blieffert

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