„Mehr Überholverbote“

Unfallforscher alarmiert: Vor allem junge Fahrer riskieren auf Landstraßen zu viel

Lebensgefährliche Situation auf der B 83 bei Kassel: Mit überhöhter Geschwindigkeit überholt der Audi auf der Sperrfläche – aufgenommen wurde er dabei per Video von Zivilpolizisten der Kasseler Verkehrsinspektion. Unser Foto zeigt einen Ausschnitt. Foto: Polizei/nh

Münster/Kassel. Überholunfälle auf Landstraßen haben im vergangenen Jahr 171 Menschen das Leben gekostet. Oft sind es junge Männer, die das Risiko beim Überholen unterschätzen. Unfallversicherer fordern deshalb mehr Sicherheitskampagnen und vor allem mehr Überholverbote.

Für Siegfried Brockmann spielen sie Russisch Roulette: Meist junge Männer, die trotz schlechter Sicht, gefährlicher Kurven oder sogar Überholverbot aufs Gaspedal treten, um am Vordermann vorbeizukommen. Brockmann hat die Überholunfälle auf zweispurigen Landstraßen für die Unfallforschung der Versicherer (UdV) untersucht.

Das Problem

• Ein Viertel der Unfälle bei Überholvorgängen hätte gar nicht passieren dürfen, da am Unfallort Überholverbot bestand.

• In anderen Fällen scheinen Autofahrer zu glauben, was nicht verboten ist, kann man getrost tun: „Wenn es kein Verbotsschild und keine durchgezogene Linie gibt, heißt das noch lange nicht, dass Überholen dort gefahrlos möglich ist“, warnt Brockmann.

Die Lösung 

• Mehr Überholverbote und Tempolimits, vor allem dort, wo Überholen aufgrund der objektiven Gegebenheiten nicht möglich ist. Brockmann geht davon aus, dass dann auf 70 Prozent des Landstraßennetzes Überholverbot gelte. Der Gesetzgeber wolle allerdings vermeiden, dass es zu einem Schilderwald auf den Landstraßen komme.

Ursachen 

• Unerfahrenheit, Selbstüberschätzung, Imponiergehabe gerade bei jungen Männern: „Das Selbstbewusstsein wird sozusagen mit dem Gaspedal geregelt“, so der Verkehrspsychologe Peter Kiegeland.

• Überschätzt wird von vielen Fahrern der Zeitvorteil. Laut Untersuchungen des Deutschen Verkehrssicherheitsrats gewinnt man durch aggressives Überholen auf einer 20-Kilometer-Strecke nicht mehr als eineinhalb Minuten.

Empfehlungen

• Stärkere Überwachung von Überholverboten

• Weiterentwicklung von Überholassistenten im Auto

• Ausbau der Landstraßen mit Überholfahrstreifen.

Von Petra Wettlaufer-Pohl und Matthias Benirschke

Hintergrund:

171 Tote bei Überholunfällen

•Sieben Prozent aller Landstraßenunfälle sind Überholunfälle.

•Bei diesen Unfällen starben im vergangenen Jahr 171 Menschen, 1901 Personen wurden schwer verletzt.

•85 Prozent der Verursacher von Überholunfällen sind Männer.

•46 Prozent der Verursacher dieser Unfälle sind jünger als 30 Jahre.

•74 Prozent dieser Unfälle ereignen sich auf Strecken ohne Überholverbote und Tempolimits.

•Bei 70 Prozent der Unfälle waren die Sichtweiten nicht ausreichend für sicheres Überholen. Quelle: www.udv.de

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