Uniklinik Marburg will ihren ambulanten Verbund ausbauen

Spitzenmedizin am Marburger Universitätsklinikum: Zur Einweihung des Ionenstrahl-Therapiezentrums kam im vergangenen Oktober sogar Hessens Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU). Neben ihm: Rita Engenhart-Cabillic, Ärztliche Direktorin der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie. Foto: dpa

Das Universitätsklinikum Marburg will seinen ambulanten Verbund ausbauen. Das geht aus einem internen Protokoll der Rhön-Klinikum AG hervor, dem Mehrheitseigner der Einrichtung.

Marburg. Die Rhön-Klinikum AG plant eine stärkere Konzentration auf die ambulante Versorgung in Marburg. „Die weitere Existenz von Marburg wird nur in der Schaffung ambulanter Strukturen mit dem Ziel, die ambulante Flächenversorgung weitgehend zu übernehmen oder mindestens zu steuern, gesehen“, schreibt das Deutsche Ärzteblatt. Die Fachzeitschrift beruft sich dabei auf ein internes Protokoll des Medizininnovations- und Qualitätsausschusses des Aufsichtsrats des privaten Krankenhausträgers.

Übersetzt bedeutet dies, dass sich das Universitätsklinikum Marburg durch den Ausbau der ambulanten Versorgungsstrukturen an die Spitze setze und mittels Versorgungszentren und telemedizinischer Verbundambulanzen neue Lösungen für das flache Land aufweise. Nach Auffassung des Aufsichtsratsvorsitzenden Eugen Münch könne dies mit „einem rigorosen Ausbau der Poliklinik- und der Medizinischen Versorgungszentren-Struktur mit Stiftungslehrstühlen geschehen“, so das Protokoll. Damit bekäme die Ambulanz als Poliklinik oder Versorgungszentrum einen neuen Stand. Laut Protokoll, so das Ärzteblatt, soll die Geschäftsführung ein Konzept erarbeiten.

Gestern war die Rhön-Klinikum AG um eine Versachlichung bemüht: Wie in anderen Krankenhäusern lasse sich in Marburg beobachten, dass eine zunehmende Verlagerung der ambulanten Versorgung „auf die Krankenhäuser stattfindet, ohne dass die ursprünglich hierfür geschaffenen Strukturen darauf optimal vorbereitet sind“, stellt Frank Steibli klar. Er ist Pressesprecher des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM). Die Bewältigung dieser Probleme bleibe in der Regel den Kliniken überlassen - mit Unterstützung durch Politik oder anderer „geeigneter Helfer“ sei im Allgemeinen weniger zu rechnen. Deshalb sehe sich das UKGM gefordert, Vorschläge zu entwickeln, so Steibli. Dabei gehe es auch darum, die Angebote gemeinsam mit Haus- und Fachärzten vor Ort zu steuern.

Eine weitere Triebfeder für diese Überlegungen dürfte sein, dass das Ergebnis des UKGM (siehe Hintergrund) im abgelaufenen Geschäftsjahr bei Minus 5,57 Millionen Euro lag. Im Jahr zuvor wurde noch noch ein Gewinn von fast zwei Millionen Euro ausgewiesen.

Verstehen kann Hans-Joachim Conrad die Überlegungen nicht: „Die Bäume wachsen in der ambulanten Flächenversorgung auch nicht in den Himmel.“ Conrad ist Geschäftsführer der Marburger Ärztegenossenschaft PriMa, der 268 Ärzte angehören.

Käme es zur Neuausrichtung, würde dies die Versorgung um Marburg empfindlich treffen. Scharf kritisierte der hessische Ärztekammerpräsident, Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, die Pläne, die „ambulante Flächenversorgung weitgehend zu übernehmen oder zumindest zu steuern“. Damit gefährde die Uniklinik die Kooperation der niedergelassenen Ärzte.

„Es braucht ein Gegenmodell“, sagt der Marburger Arzt Thomas Spies. Er ist stellvertretender Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion in Wiesbaden. Es brauche eine Stärkung des öffentlichen Einflusses und eine Kooperation mit den freiberuflichen Ärzten, ohne dass wirtschaftliche Interessen an erster Stelle stünden. Kurzum: „Eine gute Versorgung, aber kein gewinnorientiertes Monopol.

Stichwort: Universitätsklinikum Gießen-Marburg

Das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (kurz: UKGM) ist das drittgrößte in der Bundesrepublik Deutschland. An den zwei Standorten Gießen und Marburg werden jährlich nach eigenen Angaben 436.000 Patienten in 80 Kliniken versorgt: 342.000 von ihnen ambulant und 94.000 auf den Stationen.

9600 Mitarbeiter arbeiten an den beiden Standorten. Das UKGM schrieb bereits Geschichte, weil es das erste privatisierte Universitätsklinikum des Landes ist. 2006 wurden die Universitätskliniken Gießen und Marburg mit insgesamt 2230 Betten zu 95 Prozent von der Rhön-Klinikum AG übernommen. Das Land Hessen hat noch eine fünf-prozentige-Beteiligung am Universitätsklinikum.

Hintergrund: Rhön-Klinikum AG

Die Geschäftsentwicklung der Rhön-Klinikum AG ist im vergangenen Geschäftsjahr stark beeinflusst worden vom Verkauf von 43 Kliniken und Medizinischen Versorgungszentren an den Konkurrenten Fresenius. In den Häusern der Aktiengesellschaft sind im vergangenen Jahr bundesweit insgesamt rund 1,22 Millionen Patienten behandelt worden. Ebenso wie die Patientenzahl wurde auch die Geschäftsentwicklung durch den 2014 abgeschlossenen Verkauf der Kliniken und Zentren stark beeinflusst.

Der Umsatz beläuft sich vor diesem Hintergrund im abgelaufenen Geschäftsjahr auf 1,51 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) liegt durch den Erlös für die veräußerten Kliniken bei 1,41 Mrd. Euro. Der Konzerngewinn beträgt 1,23 Mrd. Euro.

An der Rhön-Klinikum AG hält der Medizintechnik- und Pharmahersteller B.Braun Melsungen einen Anteil von 18,01 Prozent, Asklepios 15,25 Prozent, das Gründer -Ehepaar Münch zusammen 11,27 Prozent. (mwe)

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