Funde in Muttermilch – Baumärkte listen Mittel aus

Unkrautkiller Glyphosat unter Verdacht: „Wahrscheinlich krebserregend“

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Muttermilch, die erste Nahrung für den Nachwuchs: Eine junge Frau stillt ihr Baby.

Die EU-Zulassung für den Unkrautvernichter Glyphosat läuft Ende 2015 aus. Federführend bei der Verlängerung sind deutsche Behörden. Die sehen sich vor neuen Vorwürfen gegen die Acker-Chemikalie - von Grünen und der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Rewe preschte schon im Mai vor. Bis Ende September soll es in den 350 Toom-Baumärkten der Gruppe keine glyphosathaltigen Spritzmittel mehr geben: „Kunden erhalten Möglichkeiten, Schadinsekten, Pilzbefall und Krankheiten ohne chemische Mittel im Zaum zu halten.“ Nach Protest-Mails einer Nabu-Aktion zogen im Juni Bauhaus, Globus Baumarkt, Obi und Hornbach nach. Sie hätten „völligen oder weitreichenden Verzicht auf das Totalherbizid zugesagt“, so die Naturschützer: „Ein Verkauf an Privatpersonen für Haus- und Kleingärten ist nicht mehr zu verantworten.“

Zufall oder nicht - der Rückzug der Bau- und Gartenmärkte fällt in eine Zeit, in der Glyphosat wieder Schlagzeilen macht: Der Unkrautkiller aus der Gruppe der Phosphonate wurde in Muttermilch gefunden - mit Werten, die höher sind als die in Trinkwasser zulässigen, meldeten die Grünen Ende Juni und warnten vor Gesundheitsrisiken. Als Kronzeugin wurde die Toxikologin Irene Witte zitiert: Die Umweltwissenschaftlerin, vormals Professorin an der Uni Oldenburg, sagt selbst, aus einer Studie mit 16 Proben könne man keine endgültigen Schlüsse ziehen. Sie seien aber ein erster Hinweis. Untersuchungen, so Witte, sollten dringend ausgeweitet werden.

Schleunigst schalteten sich das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Nationale Stillkommission ein: Mütter sollten sich nicht verunsichern lassen, „Muttermilch ist die natürliche und damit beste Nahrung für Säuglinge“. Ob die verwendete Methode überhaupt für Glyphosat-Tests in Milch tauge, sei zweifelhaft. Selbst wenn - die hier berechnete Glyphosataufnahme eines Neugeborenen liege „um einen Faktor von mehr als 4000 niedriger als der gesundheitlich als unbedenklich abgeleitete Richtwert“. Kein Grund zur Besorgnis, beteuern BfR und Stillkommission. Mit immer modernerer Labortechnik finde sich heute „fast jede Substanz auch in der Muttermilch“. Das sage noch nichts über Risiken.

Warten auf weitere Daten 

Was auch Experten irritiert: Gegen andere Urteile des BfR und weltweit stufte die IARC, Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation WHO, Glyphosat im März als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Konter des BfR: „Wissenschaftlich schlecht nachvollziehbar, offenbar nur mit wenigen Studien belegt.“ Man brauche mehr Daten. Die will die IARC noch im Juli liefern. Bis Herbst möchte das BfR dann Klarheit schaffen. Die WHO hat eine Task Force installiert, die in dieselbe Richtung arbeitet. Der US-Konzern Monsato, dem Glyphosat Milliardenumsätze beschert, will eine eigene Expertenriege einschalten. Es geht um Gesundheit - und um viel Geld.

„Niemand soll jetzt aufhören zu stillen“, sagte auch Bärbel Höhn, Vorsitzende des Bundestags-Umweltausschusses. Die Bundesregierung müsse aber „Glyphosat aus dem Verkehr ziehen, bis die Frage der krebsauslösenden Wirkung geklärt ist“.

Hintergrund

• In Niedersachsen fordert die Verbraucherzentrale das sofortige Verbot von Glyphosat in Privatgärten, auf öffentlichem Grün und in der Landwirtschaft.

• Im Mai hatte die Verbraucherministerkonferenz unter Vorsitz des niedersächsischen Ministers Christian Meyer (Grüne) den Bund aufgefordert, „die Abgabe von Glyphosat an und die Anwendung durch Privatpersonen zu verbieten“. Meyer: „Ein wahrscheinlich krebserregender Stoff hat weder auf Garagenauffahrten, auf Spielplätzen noch in Kleingärten etwas zu suchen.“

• In Hessen hat Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) den Pflanzenschutzdienst des Landes verpflichtet, verstärkt über Alternativen zu Glyphosat zu informieren, thermische und mechanische Methoden etwa. Wo rechtlich möglich, will Hinz Glyphosat nicht mehr zulassen.

• Ob die EU den Zeitplan zur geplanten Verlängerung der Glyphosat-Zulassung Ende 2015 angesichts der Debatte einhalten kann, gilt als fraglich.

Weltweit verkauft

• Der US-Konzern Monsanto patentierte Glyphosat Anfang der 1970er und brachte den Wirkstoff unter dem Namen Roundup auf den Markt. Auch zum Schutz seiner Gentechnik-Pflanzen, die dagegen resistent gemacht wurden - das Thema sorgte in den 1990ern für Riesenärger rund um ein Monsanto-Versuchsfeld nahe Iba (Kreis Hersfeld-Rotenburg). Roundup ist das meistverkaufte Breitbandherbizid weltweit. Andere Konzerne zogen nach.

• In Deutschland enthält laut Umweltbundesamt (UBA) jede vierte Tonne Pflanzenschutzmittel Glyphosat. Zu viel, so das UBA.

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