Senioren am Steuer 

Unterwegs bis ins hohe Alter: Unfälle sind keine Seltenheit

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Siegfried Brockmann

Bei Verkehrsunfällen starben im vergangenen Jahr 721 Senioren - über die Hälfte dieser Unfälle wurden von älteren Fahrern verursacht. 

Die Versicherer reagieren auf diese Entwicklung und verteuern für Senioren die Kfz-Policen. Auf dem Parkplatz eines Supermarktes in Kassel gibt eine Autofahrerin, kurz vor ihrem 80. Geburtstag, mit ihrem Wagen zu viel Gas. Sie prallt gegen das geparkte Auto einer 67-jährigen, die daneben steht. Die Frau wird zwischen den Fahrzeugen eingeklemmt, erliegt noch an der Unfallstelle ihren Verletzungen. Das Urteil des Amtsgerichts: ein sechsmonatiges Fahrverbot und eine Zahlung von 3000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung.

Die Zahl der Unfälle, die durch ältere Autofahrer verursacht werden, nehmen zu, das zeigt die Unfallstatistik des Statistischen Bundesamts. Der Grund: Motorik und Wahrnehmungsvermögen lassen im Alter nach, sagt Siegfried Brockmann, Unfallforscher beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Zudem sind Senioren heute mobiler denn je: Rund 13 Millionen Bundesbürger über 65 Jahre haben laut Kraftfahrt-Bundesamt eine Fahrerlaubnis. Das ist jeder Vierte der 54 Millionen Führerscheinbesitzer in Deutschland. „Ältere Verkehrsteilnehmer sind bis ins hohe Alter mehr und mehr daran interessiert, mobil zu bleiben“, sagt Brockmann.

Er empfiehlt eine sogenannte Rückmeldefahrt ab dem 65. Lebensjahr. Dabei würden verpflichtend die Fähigkeiten am Steuer von einem Fahrlehrer überprüft, ohne dass beim Nichtbestehen des Checks der Führerschein sofort entzogen würde. „Das Ergebnis bliebe unter vier Augen“, erklärt er. Der Senior erhalte vom Fahrlehrer eine Rückmeldung für sein künftiges Fahrverhalten - je nach Defiziten könnte dann eine Reduzierung der Fahrlängen oder der Rat stehen, das Autofahren sein zu lassen.

Brockmann geht davon aus, dass sich mehr Menschen an eine Empfehlung halten als an ein Verbot. „So muss man niemandem den wichtigen Führerschein abnehmen, der vielleicht noch in der Lage ist, kurze Strecken zu bewältigen“, erklärt Brockmann. So ließe sich das Unfallrisiko immens reduzieren.

Unfallhäufigkeit, Schadenshäufigkeit und -höhe nehmen ab dem 75. Lebensjahr zu, zitiert der GDV Fachstudien. Das nehmen Kfz-Versicherer zum Anlass, ihre Preise deutlich zu erhöhen. Zwar nennt der GDV keine konkreten Beträge, spricht aber von stark variierenden Werten je nach Anbieter.

Laut einer Modellrechnung des Verbraucherportals Verivox ist die Kfz-Haftpflichtversicherung für einen 80-Jährigen etwa doppelt so teuer wie für einen 50-Jährigen. Bei Angeboten mit Vollkasko ist der Zuschlag niedriger: Er liegt bei 72 Prozent.

Dabei greifen die Versicherer auf Daten des Statistischen Bundesamtes zurück. 2015 sind bis August 36 400 Senioren im Straßenverkehr verletzt worden, 721 starben. 55 Prozent dieser Unfälle wurden von Senioren, die mit dem Auto, dem Rad oder zu Fuß unterwegs waren, verursacht. Am häufigsten missachten Fahrer über 65 Jahren die Vorfahrt oder lösen Unfälle beim Abbiegen aus. Sie sind mit den Situationen überfordert und verlieren den Überblick. Chronische Krankheiten wie Grauer Star oder Diabetes schränken die Fahrtüchtigkeit ein. Wie bei einem 73-Jährigen aus Bad Wildungen: Mitte Dezember erlitt er während der Fahrt einen Zuckerschock, verlor das Bewusstsein, das Auto fuhr auf der Bundesstraße weiter und landete im Graben.

Hintergrund I:

Für und Wider lebenslanges Fahren

Das spricht dafür:

• Senioren verfügen über jahrelange Erfahrung, fahren weniger risikofreudig und sind an Kreuzungen ruhiger.

• Bei körperlichen Einschränkungen fahren Senioren weniger, verzichten auf längere Strecken und nehmen ausschließlich vertraute Routen.

• Vor allem im ländlichen Raum sind Senioren auf ein Auto angewiesen, um Freunde zu treffen, ihren Einkauf zu erledigen oder den Arzt aufzusuchen.

Das spricht dagegen:

• Körperliche Einschränkungen vermindern die Reaktionszeit und verschlechtern das Fahrverhalten.

• Schon das Anfangsstadium einer Demenz beeinflusst das Fahrverhalten.

• Senioren verursachen ähnlich viele Unfälle wie Fahranfänger. Der prozentual höhere Anteil der Unfälle mit Personenschaden liegt aber immer noch bei jungen Leuten zwischen 18 und 24 Jahren. 

Hintergrund II:

Dann wird es gfährlich

Der Hausarzt kann die Fahrtüchtigkeit beurteilen. Er kann das Seh- und Hörvermögen testen und er kennt ihre Medikamente - viele ältere Fahrer sind sich ihrer Probleme durchaus bewusst.

Sehvermögen

Drei Viertel der Menschen über 79 leiden unter verminderter Sehschärfe, bei den 60- bis 69-Jährigen ist es jeder Vierte.

Medikamente

Es gibt mehrere Arzneimittel, die die Fahrtüchtigkeit einschränken. Viele ältere Patienten bekommen Medikamente, die allein oder in Kombination müde machen, die Aufmerksamkeit beeinträchtigen, die Reaktionszeit verringern oder das Koordinationsvermögen reduzieren.

Demenz

Bereits im frühen Stadium haben Betroffene Probleme mit der Orientierung, der Aufmerksamkeit und dem Reaktionsvermögen. Das kann im Straßenverkehr gravierende Folgen haben.

Reflexe, Körper & Co.

Die Reaktionszeit lässt mit dem Alter nach, auch der Körper baut ab. Mit zunehmendem Alter nehmen die Beweglichkeit des Körpers und die Kraft ab. Dann fällt beispielsweise der Blick über die Schulter schwer. Hinzu kann auch eine Krankheit wie Arthrose kommen. 

Hintergrund III:

So handhaben es andere Länder

In Spanien müssen nach Informationen des NDR bereits 45-Jährige zum Gesundheitstest, der danach alle fünf Jahre wiederholt wird, ab dem 70. Lebensjahr sogar alle zwei Jahre. In Italien wird die Fahrerlaubnis ab 50 nur nach einer medizinischen Untersuchung und dann nur auf je fünf Jahre verlängert, ab dem 70. Lebensjahr auf je zwei Jahre. In der Tschechischen Republik müssen Fahrer ab 60 Jahren eine ärztliche Fahreignungsbestätigung mit sich führen. In den Niederlanden, in Norwegen und in Schweden ist die Arztuntersuchung ab 70 Jahren Pflicht. In Slowenien darf man ohne Gesundheits-Check bis zum 80. Lebensjahr hinterm Steuer sitzen, danach wird eine Verlängerung nur nach ärztlicher Untersuchung ausgestellt.

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