Kommentar zu Unwort des Jahres 2014 "Lügenpresse": Nicht schweigen

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat das Pegida-Schlagwort "Lügenpresse" zum Unwort des Jahres gewählt. Was der Begriff über Gesinnung und Methoden von Pegida enthüllt, kommentiert HNA-Redakteur Jörg S. Carl.

Sehr geehrte Pegida, Ihnen schreibt heute ein Vertreter der „Lügenpresse“. Er möchte Ihnen danken, dass Sie offensichtlich gemacht haben, was zwar bekannt war, aber höchst selten so alarmierend ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist: Es gibt einen massiven rechtsradikalen Bodensatz in Deutschland – der sich nun wieder traut, über Straßen und Plätze zu ziehen und den von den Veränderungen der Welt verunsicherten Bürger als vermeintlichen Gesinnungsgenossen einzusammeln.

Ob der Verunsicherte oder Unzufriedene das nun hören will oder nicht – er läuft den Falschen hinterher. Er läuft Leuten hinterher, die von „Asylindustrie“, „Volksverrätern“, „Überfremdung“ und eben „Lügenpresse“ (dem Unwort des Jahres) schwadronieren und damit Politiker, Medien und zugleich die offene, demokratische Gesellschaft diffamieren; die das Etikett „Wir sind das Volk“ missbrauchen; und die sich selbstentlarvend des Vokabulars der Nationalsozialisten bedienen.

Die offene Gesellschaft hält das aus, auch die „Lügenpresse“ hält das aus: Demonstriert, schreit Eure Wut, Frustration und Weltanschauung in die Montagnächte hinaus. Es gilt die Meinungsfreiheit. Aber wenn Ihr gegen Andersdenkende hetzt, einen Keil in die Gesellschaft treibt, weil Verschwörungstheorien so angenehm bequem sind, oder sogar zur Gewalt aufruft, dann treten wir dem entgegen.

Die Rufe „Lügenpresse, halt die Fresse“ oder „Lügenpresse auf die Fresse“, die in Dresden zu hören sind, sollen einschüchtern. Doch das wird nicht verfangen. Weil die Freiheit der Presse, die sich mit niemandem gemein macht, auch eine Verpflichtung ist: Nicht zu schweigen, wenn eine rechtsradikale Gruppe, die von Tausenden Bürgern bewusst oder unbewusst getragen wird und sich deshalb stark fühlt, es so will.

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