Ein Urteil über Leben und Tod

Seit Jahren im Koma: Der Zustand des französischen Krankenpflegers Vincent Lambert sei „irreparabel“, lautet die Diagnose der Ärzte. Das 2013 entstandene Foto zeigt ihn mit seiner Mutter. Foto: dpa

Seit 2008 liegt der französische Krankenpfleger Vicent Lambert mit schwersten Kopfverletzungen im Koma. Dürfen die lebenserhaltenden Apparate abgeschaltet werden? Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte soll an diesem Freitag entscheiden.

Paris. Man kann schon im Vorfeld des Urteils ahnen, wie schwer sich die Richter des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg getan haben. Seit Monaten beschäftigt der Fall die französische Öffentlichkeit - wegen der persönlichen Umstände, aber auch wegen der politischen Frage, ob aktive Sterbehilfe gegen den Willen der Angehörigen durchgesetzt werden darf. An diesemFreitag will der Gerichtshof entscheiden.

Vincent Lambert, der heute 38-jährige Krankenpfleger, erlitt 2008 bei einem Verkehrsunfall schwerste Kopfverletzungen. Die Ärzte im Universitätskrankenhaus Reims retten zwar sein Leben, aber er ist seitdem querschnittsgelähmt und liegt im Koma. „Irreparabel“ lautet die Diagnose der Mediziner. Ein Urteil, das die Familie seither entzweit und die französische Öffentlichkeit spaltet. Denn während Lamberts Ehefrau Rachel und sechs seiner Geschwister im Laufe der Jahre zu dem Entschluss kamen, auf Anraten und mit Unterstützung der Ärzte die künstliche Ernährung einzustellen, kämpften die Eltern und zwei weitere Geschwister darum, ihn am Leben zu erhalten.

Das oberste französische Verwaltungsgericht entschied im Juni 2014, die lebensverlängernden Maßnahmen dürften eingestellt werden. Daraufhin wandten sich die Eltern an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte - er ist keine Einrichtung der EU, sondern des Europarates - und klagten. Das Abschalten der medizinischen Geräte bedeute einen Verstoß gegen Artikel 2 der Menschenrechtskonvention, die das Recht auf Leben garantiert. Außerdem seien die Bestimmungen des Artikels 3, in dem Folter und die unmenschliche oder erniedrigende Behandlung eines Menschen untersagt werden, verletzt.

„Die Behandlung muss nicht mit allen Mitteln fortsetzt werden“, heißt es im derzeit gültigen französischen Gesetz von 2005, das passive Sterbehilfe erlaubt, aktives Eingreifen oder Beihilfe zur Selbsttötung aber ausschließt. „Wenn sie unnütz oder unangemessen erscheint, darf sie beendet werden.“

Lamberts Ehefrau Rachel hat zur öffentlichen Diskussion beigetragen. In einem Buch mit dem Titel „Vincent: Weil ich ihn liebe, will ich ihn gehen lassen“ unterstreicht sie den Wunsch, ihren Mann „in Würde sterben zu lassen“. Dagegen argumentiert Viviane Lambert: „Ich bin seine Mutter, ich sehe dich die Reaktionen meines Sohnes“. Sie besteht darauf, regelmäßig Anzeichen von Bewusstsein erkennen, wenn sie am Bett ihres Sohnes stehe.

Die Entscheidung der Straßburger Richter dürfte allerdings keine Überraschung werden. Immer wieder hat sich der Menschenrechts-Gerichtshof mit Fällen von Sterbehilfe befasst. Dabei sprachen sich die Juristen mehrfach gegen das aktive Eingreifen aus. Doch der Fall Vincent Lambert liegt anders. Und so wird der EGMR ein weithin beachtetes Urteil fällen und sagen müssen, ob das Abschalten der lebenserhaltenden Maßnahmen als aktive oder passive Sterbehilfe zu verstehen ist - und ob das Wort der Ehefrau und des behandelnden Arztes mehr wiegt als der Wunsch der Eltern.

Von Detlef Drewes

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