Entscheidung wird heute ab 10.30 Uhr verkündet

Urteil im Wulff-Prozess: Kaum einer scheiterte so rasant

Im Nachhinein ist man ja immer schlauer, und im Nachhinein haftet der Geschichte des Christian Wulff etwas furchtbar Banales an. Es geht um Übernachtungen in Luxus-Hotels, um Glamour-Freunde und rauschende Feste - und mittendrin ein Mann, der nicht so richtig mithalten konnte, das aber unbedingt wollte.

Der darüber erst die Maßstäbe und dann alles andere verlor. Amt, Renomee, Freunde - und die Frau, von der er bis zuletzt sagte, dass er sie „abgöttisch“ liebe.

Wenn der frühere Bundespräsident heute in Hannover auf das Urteil in seinem Korruptionsverfahren wartet, dann steht dort ein 54 Jahre alter Mann, der verbissen darauf setzt, mit einem Freispruch sein ramponiertes Ansehen reparieren zu können. Der auch darum kämpft, dass nicht alles umsonst gewesen ist.

Christian Wulff hat sich über Jahrzehnte in der Politik nach oben gearbeitet. Fast ebenso lange haftete ihm das Image an, brav und langweilig zu sein. Ein korrekt gescheitelter Jurist, verheiratet mit der zurückhaltenden Studienfreundin Christiane. Drei Mal kämpft Wulff um das Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten, verliert zwei Mal gegen Gerhard Schröder (SPD). Anfang 2003 endlich setzt er sich gegen Sigmar Gabriel durch. Aus dem Schwiegermutterliebling Wulff wird der Regierungschef.

Dass sich sein Bild in der Öffentlichkeit gewandelt hat, verdankt er vor allem Olaf Glaeseker, seit 1999 Sprecher der CDU Niedersachsen und Strippenzieher. Glaeseker und Wulff bilden ein Spitzenteam, der eine cleverer Berater hinter den Kulissen, der andere präsent in der öffentlichen Rolle. Fast zwölf Jahre bleibt das so. Heute sehen sie sich nur noch vor Gericht.

Den großen Wandel in Wulffs Wesen machen einige Beobachter an der Frau fest, die er 2006 kennenlernt: Der Ministerpräsident verliebt sich in die 14 Jahre jüngere PR-Beraterin und alleinerziehende Mutter Bettina Körner, verlässt nach wenigen Wochen seine Ehefrau und gründet eine neue Familie. Er habe noch nie einen Mann erlebt, der wie Wulff seine Persönlichkeit mit Ende 40 noch einmal so umfassend verändere, sagt ein Mitarbeiter der Staatskanzlei in einer Doku über die Affäre Wulff.

In Hannover gelten Bettina und Christian als Glamour-Paar: Sie sind mittendrin bei den Top-Events, befreundet mit dem schillernden Finanzmanager Carsten Maschmeyer und dessen Lebensgefährtin, der Schauspielerin Veronica Ferres, umgeben von Wirtschaftsbossen und Künstlern wie den Scorpions und Heinz-Rudolf Kunze. Bettina und Christian stoßen auf dem Oktoberfest mit den Burdas an, sie düsen übers Wochenende nach Sylt, verbringen die Ferien in Florida und Italien. In der Ermittlungsakte listet der Staatsanwalt später auf, dass Wulffs Konto fünfstellig überzogen war. Die Hotelbesuche bezahlten Freunde, im Urlaub nutzte das Paar die Anwesen von Maschmeyer und anderen reichen Freunden. Die junge Familie lebt in Großburgwedel, dem Heimatort von Bettina, in einer Backstein-Villa. Die 500 000 Euro, die Wulff sich von einem befreundeten Unternehmer für das Haus leiht, stoßen die Lawine an.

Im Sommer 2010 wird Wulff zum Bundespräsidenten gewählt, die Krönung seiner Karriere. Aber Bellevue bringt dem Paar kein Glück. Bettina schreibt später, er habe sie in eine Rolle gedrängt, die sie eigentlich nicht gewollt habe. In der Kredit-Affäre agiert Wulff Ende 2011 ungeschickt, fast kleinkariert. Er entlässt Glaeseker, als dieser wegen Urlaubsreisen selbst unter Druck gerät. Der Anfang vom Ende. Wulff stürzt schließlich über eine Hotelrechung von 720 Euro, wegen der die Staatsanwaltschaft Hannover die Aufhebung der Immunität des Bundespräsidenten beantragt.

Am 17. Februar 2012 tritt Wulff vom höchsten Staatsamt zurück. Knapp elf Monate später gibt das einstige Glamour-Paar seine Trennung bekannt.

Hintergrund: Was von den Vorwürfen gegen Wulff übrigblieb

Im Prozess am Landgericht Hannover geht es seit November 2013 um die Frage, ob Wulff einen unrechtmäßigen Vorteil annahm, als der Filmfinancier David Groenewold 2008 einen Oktoberfestbesuch des damaligen Ministerpräsidenten mitfinanzierte. Insgesamt geht es um rund 720 Euro.

Um den Vorwurf der Vorteilsannahme ging es auch zu Beginn der Ermittlungen im Februar 2012. Dabei beschäftigten sich die Staatsanwälte etwa mit der Finanzierung von Hotelaufenthalten von Christian und Bettina Wulff auf Sylt.

Die Justiz hatte auch geprüft, ob sie Ermittlungen wegen der Flitterwochen der Wulffs einleiten sollte. Sie hatten im Ferienhaus eines deutschen Versicherungsmanagers in Italien Urlaub gemacht. Der Vorwurf wurde fallengelassen. Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte im Juni 2012 ein weiteres Ermittlungsverfahren eingestellt. Es ging um einen Bobby-Car, Leasing-Konditionen für einen Audi Q3 und Kleider-Sponsoring für Bettina Wulff. Es seien zwar Vorteile gewährt worden, die Firmen hätten aber vorrangig das Ziel verfolgt, die Wulffs als Werbeträger zu nutzen. (dpa)

Was machen eigentlich die Hauptakteure der Wulff-Affäre?

- Bettina Wulff (40) und Christian Wulff leben seit Januar 2013 getrennt. Sie wohnt mit den Söhnen Leander (10, aus einer vorherigen Beziehung) und Linus (5) in Großburgwedel. Das eheliche Haus wurde inzwischen verkauft. Bettina Wulff betreibt eine PR-Agentur und ist mit dem bayerischen Sportunternehmer Stefan Schaffehuber (54) liiert.

- Olaf Glaeseker (52) muss sich derzeit wegen des Vorwurfs der Bestechlichkeit vor dem Landgericht Hannover verantworten. Er soll einem Eventmanager Sponsoren vermittelt und dafür kostenlos Urlaub gemacht haben. Der Journalist war seit 1999 Sprecher der CDU Niedersachsen, wurde 2003 Wulffs Regierungssprecher und war 2010/11 Sprecher des Bundespräsidenten Wulff. Nach seinem Prozess will Glaeseker als Kommunikationsberater arbeiten.

- Lothar Hagebölling (61) leitete die Staatskanzlei in Hannover und wechselte 2010 als Chef des Bundespräsidialamtes nach Berlin. Seit März 2012 ist Hagebölling im Ruhestand. Der Jurist lehrt als Honorarprofessor an der TU Braunschweig.

- Die Reporter Martin Heidemanns (51) und Nikolaus Harbusch (39, beide Bild-Zeitung) brachten die Wulff-Affäre ins Rollen. Sie wurden für ihre Recherchen mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. (coe)

Tücke des Freispruchs

Die Verteidigung hat die Messlatte für das Urteil hochgehängt

Hannover. Eigentlich müsste allein der Gedanke an diesen Donnerstag bei Christian Wulff große Freude auslösen. 741 Tage nach dem schmerzhaften Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten darf er in seinem Korruptionsprozess auf einen Freispruch hoffen. Dieser gilt nach dem Verlauf des von Richter Frank Rosenow geführten Prozesses mehr als wahrscheinlich.

Doch Wulff wird möglicherweise auch dann nicht die erhoffte Ruhe finden. Denn nach dem Plädoyer von Oberstaatsanwalt Clemens Eimterbäumer scheint es fast zwingend, dass es zu einer Revision vor dem Bundesgerichtshof kommen wird. Wulff und seine Anwälte haben die Messlatte für den Freispruch hoch gehängt. Bei einem Freispruch dürfe nichts hängen bleiben, sagte sein Verteidiger Michael Nagel. Nur so könnten die Folgen des "diskreditierenden Verfahrens" mit der "auf falschen Fakten basierenden Klage" aufgefangen werden.

Angesichts dieses hohen Drucks erklärt sich, warum Wulffs zweiter Anwalt Bernd Müssig in seinem Plädoyer betonte, nach der Beweisaufnahme dränge sich der Freispruch nicht etwa aus dem Grundsatz "in dubio pro reo", also aus Mangel an Beweisen, auf. Das Verfahren hätte vielmehr nie eröffnet werden dürfen, da es an dem Oktoberfestwochenende 2008 gar keinen Vorteil für Wulff gegeben habe. Die Einladung zum Oktoberfest durch den Filmproduzenten David Groenewold sei sozialadäquat gewesen, also für den damaligen Ministerpräsidenten angemessen.

Dies sieht Eimterbäumer völlig anders. Erdrückende Beweise, belastende Zeugenaussagen, eine wegen Lücken und unauffindbaren Daten auf Verschleierung hinweisende Aktenführung wögen nach wie vor schwer, sagte der Oberstaatsanwalt. Jedoch habe das von Rosenow dem Prozess aufgezwungene Tempo eine "Entscheidungsreife" verhindert - sowohl für Wulff als auch gegen ihn. (dpa)

Von Tatjana Coerschulte

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