Schwarzer Schuster wurde vor 50 Jahren umgebracht

An der Mauer des Schweigens: Reporter trägt Details über Ku-Klux-Klan-Mord zusammen

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Das Mordopfer von Ferriday: Frank Morris (mit Krawatte) mit Angestellten vor seinem Schuhladen.

In Ferriday, einem Dorf in Louisiana, hat der Ku-Klux-Klan vor fünfzig Jahren Frank Morris ermordet, einen schwarzen Schuster, der es gewagt hatte, weiße Kundinnen zu bedienen. Der Lokalreporter Stanley Nelson hat alles aufgeschrieben, was sich über Morris zusammentragen ließ.

Eine zerbröselnde Betonplatte, in deren Ritzen Gras wuchert. Gegenüber ein leerer China-Imbiss, Lee’s Pick & Pay, die Fenster weiß übermalt. Von einer Tankstelle weht schwacher Benzingestank herüber. „Hier muss Frank Morris gestanden haben“, sagt Stanley Nelson und läuft an den Rand der Betonplatte, ein paar Schritte auf die Ausfallstraße zu, Highway 425, die Magistrale von Ferriday. „Hier stand er nachts in der Tür seines Ladens. Und vor ihm diese zwei Typen, einer mit einer Schrotflinte, der andere mit einem Benzinkanister.“

Morris war in der Nacht des 10. Dezember 1964 aus dem Schlaf geschreckt, als er Glas splittern hörte. Einer der Männer hielt ihm das Gewehr vor die Brust, während der andere die Lache vergossenen Benzins anzündete. Als die Flammen loderten, versperrten sie ihrem Opfer den Weg ins Freie. Morris entkam durch die Hintertür, mit Verbrennungen dritten Grades schaffte er es noch bis zur Tankstelle, wo ihn eine Polizeistreife auflas und ins nächste Krankenhaus brachte. Vier Tage danach war er tot.

Als er über den Schuster Morris zu schreiben begann, hatte Ferriday die Sache längst vergessen, verdrängt wie eine peinliche Erinnerung. Im Februar vor sieben Jahren war das, da entschied das FBI, ungelöste Mordfälle aus den Sechzigern noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Verbrechen an Schwarzen, verübt vom Ku-Klux-Klan. 122 im amerikanischen Süden, 15 allein im Dreieck zwischen Ferriday, Clayton und Natchez, der alten Handelsstadt am Mississippi. Anfangs wurden sie unter den Teppich gekehrt, weil sie den Leuten tief in den Knochen steckten, die Angst vor den Männern mit ihren weißen Kapuzen und den brennenden Kreuzen. Später wollte das Dorf einfach nur seine Ruhe haben.

Bisweilen fühlte sich der Journalist, als hätte er in ein Wespennest gestochen. „Ich möchte bloß wissen, warum Sie das tun“, tadelte eine Leserin. „Um herauszufinden, warum damals so viele Menschen getötet wurden,“ antwortete er. „Hören Sie, das steht Ihnen nicht zu, Sie sind nur Reporter.“

Geschichten aus Ferriday: Reporter Stanley Nelson.

So oft er gegen eine Mauer des Schweigens prallte, es gab auch Leute, die reden wollten, manchmal freilich nur in der Abgeschiedenheit stiller Friedhöfe. Auch Kinder der Täter waren dabei. Etwa die Söhne Earcel Boyds, eines Anführers der Silver Dollar Group, die eine Terrorbande des Klans war, ein Geheimbund für sich. Wer ihr angehörte, trug eine silberne Dollarmünze in der Tasche, angeblich geprägt in seinem Geburtsjahr. Earcel Boyd also hortete auf dem Dachboden selbstgebastelte Bomben. Das Haus lag in der Nähe einer Luftwaffenbasis, und wann immer ein Düsenjet die Schallmauer durchbrach, sodass die Fensterscheiben zitterten, rannte Boyds Frau ins Freie. Sie fürchtete, die Vibrationen könnten die Bomben hochgehen lassen.

Darlene Morris-Newvill ist verbittert: „Ein lausiges Nest“, sagt sie. „Die Leute kümmern sich nicht, sie kümmern sich nur um sich selber.“ Darlene ist Frank Morris‘ Urenkelin, 40, dreifache Mutter, wortkarg, geradeheraus. Auch wenn ein Barack Obama im Weißen Haus sitze, in Ferriday spüre man nichts vom Wandel. „Den Weißen ist herzlich egal, was mit Papa Frank passierte. Ich schwöre es, es ist ihnen egal.“

Stanley Nelson hat dagegen vieles über Morris zusammengetragen: Dass er im Radio eine Sonntagssendung moderierte, Gospelmusik. Dass er Teenager, die sonst nirgends Arbeit fanden, in seine Werkstatt aufnahm. Dass er Kirchendiener der Mercy Seat Baptist Church war. Natürlich handeln Nelsons Geschichten vom Rassismus, aber das Wort meidet er wie eine gefährliche Klippe. Sonst gingen bei den Weißen, gerade auch bei Jüngeren, schnell die Jalousien herunter, „sie glaubten, man wollte sie anklagen für etwas, was sie nicht getan haben“. Diese Krampfstarre versuche er zu lösen, indem er über den Nachbarn Frank Morris schreibe, sagt Nelson. Über Morris, den Bürger von Ferriday.

Auf einem körnigen Schwarzweißfoto, aufgenommen in den 1950er Jahren, posiert Morris vor seinem Laden, mit Schürze, Schirmmütze und Krawatte, die Arme verschränkt. Der Boss, erkennbar der stolze Kleinunternehmer. Fuhr eine Lady mit heller Haut vor, ging er hinaus zu ihrem Wagen, damit sie nicht in den Laden musste, wo schwarze Männer die Schuhe besohlten; so waren damals die Regeln der Rassentrennung. Der Klan strickte daraus das Gerücht, Morris flirte mit weißen Frauen.

Brennende Kreuze, weiße Kapuzen: Ku-Klux- Klan-Mitglieder. Foto: dpa

Irgendwann kam es zum Streit mit Frank De Laughter, dem Vizesheriff im Concordia Parish, dem Landkreis, in dem Ferriday liegt. De Laughter wollte nicht für ein Paar Cowboystiefel bezahlen, das Morris für ihn bestellt hatte. Worauf Morris entgegnet haben soll, er wäre bald pleite, würde er kein Geld verlangen. Ein Schwarzer, der einem Weißen widersprach, verstieß im Ferriday des Jahres 1964 gegen die Ordnung. Im Falle De Laughters war es lebensgefährlich. Über 1,90 Meter groß, ein Kerl wie ein Kleiderschrank, hatte Big Frank eine sadistische Freude am Quälen. Im Knast boxte er Häftlinge zu Boden, nur um sie höhnisch zu fragen: Hab ich dir befohlen, zu Boden zu gehen?

De Laughter wollte Morris eine Lektion erteilen, ist sich Nelson sicher. Dazu heuerte er eine „Wrecking Crew“ an, ein „Abrisskommando“, wie der Klan seine Terrortrupps bezeichnete, Leute von außerhalb, die man in Ferriday nicht so leicht erkannte. Zwei Brandstifter namens Cooney Poissot und Leonard Spencer sollten Morris‘ Geschäft niederbrennen. Spencer ist im Mai 2013 einem Krebsleiden erlegen, Poissot war bereits 1992 gestorben.

Morris‘ nächste Verwandte erhielten kurz danach ein Schreiben des FBI. „Die Männer, die wahrscheinlich die Verantwortung am Tod Ihres Großvaters tragen, leben nicht mehr“, man stelle die Ermittlungen ein. Auf keinen Fall dürfe dies das letzte Wort sein, sagt Darlene Morris-Newvill. Ein Schlussstrich im Nebel, zwei Verdächtige, aber keine Gewissheit, damit heile die Wunde nicht. „Aber was kann ich tun?“

Hintergrund: Über 100 ungeklärte Mordfälle

Die Geschichten, die Reporter Nelson wie ein Hobbydetektiv ausgegraben hat, gehören zu den „Cold Cases“, ungelösten, gleichsam erkalteten Mordfällen. Hilfe bekommt er von Juraprofessoren und -studenten der Syracuse University, einer Hochschule im Bundesstaat New York. In den Semesterferien wühlen sie sich durch Berge vergilbter Akten, zwischendurch führen sie Papierkriege mit dem FBI und dem Justizministerium in Washington.

So heilt man keine Wunden: Darlene Morris-Newvill, die Urenkelin des Mordopfers.

Von den 122 neu aufgerollten Fällen wurden 102 mittlerweile für erledigt erklärt, ohne gelöst worden zu sein. 196 zusätzliche hat das „Cold Case Project“ der Uni Syracuse seither gemeldet. „Eines können wir wenigstens sein, nämlich das quietschende Rad am Wagen“, skizziert Janis McDonald, die Professorin, die die Recherchen leitet. Auch wenn mangels Beweisen kaum jemand auf der Anklagebank lande, Lärm schlagen, den Behörden auf den Nerv gehen, das müsse man allemal.

Verdächtige sterben, Zeitzeugen werden alt, Erinnerungen verblassen. Namen und Aussagen in den alten Vernehmungsprotokollen werden häufig geschwärzt, ehe die Bundespolizei Einsicht erlaubt. „Jeder Dritte im Ku-Klux-Klan war FBI-Informant“, erklärt Donald Washington den Grund. „Der Schutz von Informanten ist heilig, daran wird das FBI nicht rütteln.“ Washington, Afroamerikaner und politisch Republikaner, eine eher seltene Mischung, war der zuständige Staatsanwalt im ländlichen Louisiana, als die Detektive ein zweites Mal ermittelten. Er kannte die Akten, bevor die schwarzen Balken ihren Informationsgehalt auf ein Minimum reduzierten.

Aus dem Hintergrund führte er Lokalreporter Stanley Nelson auf die eine oder andere Spur.

Von Frank Herrmann

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