„Lehrerbedarf verschärft sich weiter“

Vor dem Start ins neue Schuljahr: Verbandspräsident Meidinger über Probleme der Schulen

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Personalnot: Viele Schulen kommen ohne Seiteneinsteiger nicht aus. 

Nächste Woche beginnt in einigen Ländern das neue Schuljahr. Auch in Hessen und Niedersachsen. Es gibt viele Baustellen, an denen Bildungspolitiker arbeiten müssen.

Über die gravierendsten Probleme sprachen wir mit dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger.

Was ist das drängendste Problem vor dem neuen Schuljahr?

Mit Sicherheit ist der sich nochmals verschärfende Lehrermangel die größte Herausforderung. Nach den ersten Rückmeldungen wird sich der Lehrermangel im nächsten Schuljahr insbesondere an Grund- und Förderschulen nochmals verschärfen. 

Erst in zwei oder drei Jahren wird wegen der steigenden Zahl an Absolventen eine leichte Besserung eintreten. Wir gehen davon aus, dass an fast jeder zweiten Schule in Deutschland eine Lehrerstelle nicht besetzt werden kann.

Die Länder behelfen sich mit Aushilfskräften. Sind die ausreichend qualifiziert?

Die Summe der unterrichtenden Personen, die weder über eine spezifische Lehrerausbildung noch über ein Pädagogikstudium verfügen, wird nochmals auf geschätzt mehr als 40.000 wachsen. 

Allein in Berlin sind zwei Drittel aller neueingestellten Lehrkräfte gar keine ausgebildeten Lehrer. Ich habe nichts gegen Quereinsteiger, wenn sie zuvor ausreichend pädagogisch nachqualifiziert werden. Ein ein- oder zweiwöchiger Crashkurs, wie in manchen Bundesländern praktiziert, reicht dazu aber bei Weitem nicht aus.

Wie schaffen wir langfristig Abhilfe?

Kurzfristig werden wir uns leider in einer Reihe von Ländern nur mit Notmaßnahmen über Wasser halten können, mittelfristig brauchen wir ein Konzept, um Lehrermangel dauerhaft zu bekämpfen.

Ich habe schon öfters vorgeschlagen, in Zeiten eines Überangebots von Lehramtsabsolventen über Bedarf einzustellen, um in Phasen des Mangels auf eine ausreichende Reserve zurückgreifen zu können.

Was halten Sie von Carsten Linnemanns Vorschulgebotsvorschlag?

Linnemann hat den Finger zurecht auf eine offene Wunde des deutschen Bildungssystems gelegt. Wir haben es bis heute nicht geschafft, einen großen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund vorschulisch sprachlich so zu fördern, dass sie in der ersten Klasse vom Sprachverständnis her dem Unterricht folgen können.

Dazu kommt, dass in vielen Grundschulklassen der Zuwanderungsanteil so hoch ist, dass dort auch keine sprachfördernde intensive Kommunikation mit deutschen Schülern stattfinden kann. Die Kritik an Linnemann gerade aus den Reihen von Kultusministern ist auch deshalb verwunderlich, weil in einer Reihe von Ländern vorschulische Sprachfördermaßnahmen einschließlich der dazu notwendigen Sprachstandstests in den letzten Jahren stark zurückgefahren worden sind. Eigentlich müssten die alle ein schlechtes Gewissen haben.

Hans-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands.

Und Rückstellung von der Einschulung?

Das kann sicher nur Ultima Ratio sein und macht auch nur dann Sinn, wenn dieses Rückstellungsjahr intensiv für das Erlernen der deutschen Sprache genutzt wird. Grundsätzlich muss es uns allen doch darum gehen, dass Kinder aus Zuwanderungsfamilien im deutschen Schulwesen Erfolg haben.

Wer jetzt behauptet, das laufe alles prima bei unseren nichtdeutschen Erstklässlern, der hat von der Realität keine Ahnung. Dass die Dropout-Quote, also die Quote von Schulabgängern ohne Schulabschluss, in Deutschland aktuell wieder steigt, hat meiner festen Überzeugung nach auch mit dieser mangelnden sprachlichen Frühförderung von Kindern mit Migrationshintergrund zu tun.

Fördert die Politik mittlerweile genügend die Inklusion an Schulen?

In einigen Bundesländern hat man die Ansprüche an Inklusion ursprünglich zu hoch angesetzt. Das Versprechen, jedem Kind mit jedweder Behinderung an jeder Schule optimale Förderung zukommen zu lassen, war von Anfang an nicht erfüllbar. Was wir jetzt erleben, ist häufig eine große Enttäuschung bei Eltern und Kindern, die von Förderschulen in Regelschulen gewechselt haben, dass sie sich dort in meist deutlich größeren Lerngruppen bei gleichzeitig geringerer Betreuung durch spezifisch qualifizierte Förderlehrkräfte wiederfinden.

Wenn man Kindern mit Förderbedarf an Regelschulen gute Förderbedingungen bieten will, braucht man ein Zweilehrerprinzip. Eine Lehrkraft arbeitet mit der Gesamtgruppe, die andere wechselweise in Kleingruppen mit Inklusionskindern. Davon sind wir aber angesichts des aktuellen Lehrermangels, ganz abgesehen von den fehlenden Finanzmitteln, meilenweit entfernt. Wir sollten unser Schulsystem und damit unsere Kinder beim Inklusionsprozess nicht überfordern. Es wäre übrigens schon viel gewonnen, wenn alle Schulen in Deutschland barrierefrei wären. Selbst dieses Ziel befindet sich noch in weiter Ferne.

Die Mehrheit der Bürger wünscht ein bundesweites Zentralabitur. Teilen Sie diese Ansicht?

Die Unfähigkeit der Bundesländer, ein in ganz Deutschland vergleichbares Abitur auf den Weg zu bringen, hat ganz entscheidend dazu beigetragen, dass die Mehrheit der Bundesbürger wenig Vertrauen in den Bildungsföderalismus mehr hat. Sogar das Bundesverfassungsgericht hat diese mangelnde Vergleichbarkeit in seinem Medizinerurteil jüngst kritisiert.

Wenn wir in Deutschland das Abitur als entscheidende Hochschulzugangsberechtigung erhalten wollen, kommen wir um mehr Einheitlichkeit beim Abitur nicht herum. Das gilt sowohl für die Leistungen, die ins Abitur eingebracht werden, als auch für das Abitur selbst.

Ich bin Anhänger gleicher Abiprüfungsteile in den Kernfächern, also Mathematik, Deutsch und Fremdsprache. Wenn die Länder das weiter blockieren, werden Hochschuleingangsprüfungen anstelle des Abiturs treten, was die schulischen Leistungen zuvor massiv entwerten und letztlich zu noch mehr Ungerechtigkeit führen würde.

Bleibt bei dem Wirbel um Digitalisierung bei uns der Blick bislang zu sehr verengt auf Anschaffung und Bereitstellung?

In der Tat ist es notwendig, bei der Digitalisierung der Schulen nicht nur auf die Technik zu starren. Die Technik muss der Pädagogik untergeordnet sein beziehungsweise ihr folgen. Deshalb begrüße ich es, dass aktuell an zahlreichen Schulen in Deutschland Medienkonzepte erarbeitet werden, in denen fachspezifisch und fachübergreifend aufgelistet wird, welche Medienkompetenzen in welchen Klassenstufen zu vermitteln sind. Und natürlich brauchen wir auch eine Fortbildungsoffensive für Lehrkräfte.

Es gibt aber auch eine tröstliche Nachricht für Schulen, die noch nicht auf dem neuesten Digitalisierungsstand sind. Nach allen Studien, die wir kennen, kann auch analoger Unterricht zu großen Lernerfolgen führen. Oder anders herum: Schlechter Unterricht wird durch Digitalisierung nicht besser!

Zur Person: Heinz-Peter Meidinger

Heinz-Peter Meidinger (64), ist seit Juli 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL). Der DL ist Dachverband, in dem 165 000 Lehrer aus vier Bundesverbänden organisiert sind. Zuvor war Meidinger, der ein Gymnasium leitet, Vorsitzender des Philologenverbands. Der gebürtige Regensburger ist verheiratet und hat eine Tochter.

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