Tödliche Spritzen aus Langeweile?

Verdacht auf unfassbar große Mordserie in Klinikum

Klinikum in Delmenhorst: Hier soll ein ehemaliger Krankenpfleger über Jahre Patienten getötet haben. Die Behörden untersuchen zurzeit den Tod von 174 Patienten, die während seiner Arbeitszeiten starben. Fotos: dpa

Delmenhorst. Im Klinikum Delmenhorst soll ein ehemaliger Krankenpfleger über Jahre Patienten getötet haben. Die Behörden untersuchen zurzeit den Tod von 174 Patienten.

Als die Mutter von Kathrin Lohmann auf der Intensivstation des Klinikums in Delmenhorst stirbt, hat die 36-Jährige gleich ein merkwürdiges Gefühl im Bauch. „Es passte alles nicht zusammen.“ Ihrer Mutter ging es schon deutlich besser – und dann war sie plötzlich tot.

Doch Lohmann ist vor Trauer wie gelähmt, tut nichts. Erst als sie Jahre später in der Zeitung von einem Prozess gegen einen Krankenpfleger liest, der auf genau dieser Station einen Patienten umbringen wollte, wird sie hellhörig und bringt damit einen Fall ins Rollen, der sich als eine der größten Mordserien in Deutschland erweisen könnte.

Der frühere Krankenpfleger muss sich seit September wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs vor dem Landgericht Oldenburg verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 37-Jährigen vor, Patienten eine Überdosis eines Herzmedikaments gespritzt zu haben, um sie danach wiederbeleben zu können. Später soll sein Motiv auch Langeweile gewesen sein. Ferner untersuchen eine Sonderkommission der Polizei und die Staatsanwaltschaft zurzeit allein in Delmenhorst den Tod von 174 Patienten, die von 2003 bis 2005 während der Schichten des Krankenpflegers starben.

Denn der Mann, der in einem ersten Prozess 2008 wegen Mordversuchs zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt worden war, hatte im Gefängnis behauptet, er habe nach 50 Morden nicht mehr gezählt.

Neben dem Klinikum Delmenhorst wollen die Ermittler auch Todesfälle an den vorherigen Arbeitsstätten des Krankenpflegers in Oldenburg und Wilhelmshaven überprüfen sowie bei den Rettungssanitätern, für die er fuhr.

Todesrate verdoppelt

Ob alle Morde nach so langer Zeit noch nachweisbar sind, ist fraglich. Dass es viele sein können, dafür sprechen die Fakten: Die Todesrate auf der Intensivstation in Delmenhorst verdoppelte sich von 2003 bis 2005 beinahe. Der Verbrauch des Herzmedikaments stieg in der Zeit sprunghaft. „Niemand traut einem Kollegen zu, dass er Patienten nicht helfen, sondern töten will“, sagt der Rechtsanwalt der Klinik, Erich Joester. Die erhöhte Todesrate habe man auch auf die neue Tumorabteilung zurückgeführt.

Dass etwas mit dem Krankenpfleger nicht stimmt, war auch schon am Klinikum in Oldenburg aufgefallen. Erst versetzte man ihn, dann forderte man ihn zur Kündigung auf und stellte ein gutes Arbeitszeugnis aus. Nebenklage-Anwältin Gaby Lübben spricht deshalb von einer Mitverantwortung. „Sie haben das Problem abgeschoben.“

Chronologie: Ähnliche Fälle

Mord und Totschlag gibt es auch in Krankenhäusern. Die Motive der Täter, zumeist Serientäter, bleiben oft im Dunkeln. Wir dokumentieren einige Fälle aus den vergangenen 25 Jahren:

2014: Am Münchner Universitätsklinikum wird Ende Juli eine Hebamme verhaftet, die viermal versucht haben soll, Frauen bei Kaiserschnittgeburten mit blutverdünnenden Mitteln zu töten.

2010: Wegen Mordes, Mordversuchs und Körperverletzung verurteilt das Landgericht Dresden eine Krankenschwester zu lebenslanger Haft. Die 33-Jährige tötete mehrere Menschen mit zu hoch dosiertem Insulin.

2007: Wegen fünffachen Mordes an schwer kranken Patienten mithilfe von Medikamenten wird eine ehemalige Krankenschwester der Berliner Charité zu lebenslanger Haft verurteilt.

2006: Der „Todespfleger“ von Sonthofen muss lebenslang ins Gefängnis. Das Gericht legte ihm zur Last, 28 meist alte und zum Teil schwer kranke Klinikpatienten zu Tode gespritzt zu haben.

1993: Ein Krankenpfleger wird wegen Totschlags in zehn Fällen zu 15 Jahren Haft verurteilt. Er hatte nach Überzeugung des Gerichts in Gütersloh Patienten im Alter zwischen 69 und 92 Jahren getötet.

1989: Eine als „Todesengel“ von Wuppertal bekannt gewordene Krankenschwester wird wegen mehrfachen Totschlags zu elf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht erkennt Mitleid als Motiv an.

Das sagt ein Psychiater dazu

Mordserien an Krankenhäusern bleiben lange unerkannt, obwohl es Warnzeichen gibt. Es gebe ein bewusstes Weggucken, sagt der Psychiatrie-Professor Karl H. Beine von der privaten Universität Witten/Herdecke. Er hat weltweit 36 Mordserien untersucht und viele Parallelen festgestellt. „Man traut sich nicht, seinen Kollegen zu denunzieren. Vorgesetzte reagieren bei Beschwerden nicht oder nicht adäquat.“ Außerdem seien Krankenhäuser und Heime ein idealer Tatort, weil der Tod dort Alltag sei.

Um vorzubeugen, müssten Kliniken sich erst einmal eingestehen, dass es solche Serien gibt. Es müsse anonyme Meldesysteme für Auffälligkeiten und verbesserte Leichenschauen geben. In keinem der Fälle sei die Serie bei der Leichenschau aufgedeckt worden – trotz zum Teil großflächiger Einstiche oder Hämatome. (dpa)

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