„Man stigmatisiert unnötig“

Interview: Verena Bentele über Wege, Behinderte an Wahlen teilhaben zu lassen

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Fordert uneingeschränktes Wahlrecht für Menschen mit Behinderung: Behinderten-Beauftragte Verena Bentele.

Behinderte haben in Deutschland noch kein uneingeschränktes Wahlrecht. Auch bei der Europawahl am 25. Mai werden etwa 10.000 Menschen mit Behinderung von der Stimmabgabe ausgeschlossen. Die Behinderten-Beauftragte Verena Bentele möchte das ändern.

Frau Bentele, sehen Sie keine Gefahr in den Folgen, Menschen mit psychischer Erkrankung oder geistiger Behinderung das uneingeschränkte Wahlrecht zu geben? 

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Verena Bentele: Nein. Dieses Recht ist seit 2009 in der UN-Behindertenrechtskonvention (Artikel 29) festgeschrieben und damit ein Grundrecht, das diesen Menschen zusteht. Ich finde es problematisch eine Grenze des Verständnisses festzulegen. Ist denn jeder andere Mensch, der keine attestierte Behinderung hat, in der Lage, eine inhaltlich und sachlich begründete Wahlentscheidung zu treffen? Und wie unabhängig sind die Entscheidungen nicht behinderter Menschen wirklich?

Warum hat Deutschland im Gegensatz zu England oder Spanien Probleme, dieses Recht in die Tat umzusetzen? 

Zur Person: 

Verena Monika Bentele (32) wurde in Lindau am Bodensee  geboren. Die von Geburt an blinde Bentele wuchs auf dem Bio-Bauernhof ihrer Eltern auf. Sie studierte Literatur, Sprachwissenschaften und Pädagogik in München. 1995 gelangte Bentele in den nationalen Nachwuchskader für Skilanglauf und Biathlon, 1996 folgte die WM-Teilnahme. Sie ist vierfache Weltmeisterin und zwölffache Paralympics-Siegerin. Im Januar wurde sie von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles zur Behindertenbeauftragten der Bundesregierung berufen. Bentele lebt in München und Berlin. In ihrer Freizeit spielt Sport noch immer eine wichtige Rolle. (sur)

Bentele: Das Hauptproblem ist die Unterstellung, dass Menschen mit Behinderung keine unabhängigen Entscheidungen treffen könnten. Man stigmatisiert sie damit unnötig. Anstatt Menschen mit Behinderung zu unterstellen, sie könnten ihre Wahlentscheidungnicht überblicken, sollte man überlegen, wie notwendige Informationen besser aufbereitet und präsentiert werden können.

Wie könnte eine behindertengerechte Information ihrer Meinung nach denn künftig aussehen? 

Bentele: Der Zugang zur Information muss dem Handicap entsprechend aufbereitet werden. Die Überlegung muss sein: Wie versetze ich den Menschen in die Lage, eine Entscheidung zu treffen. Der große Wahlzettel ist dann eben nicht für alle die Lösung. Informationen könnten in hörbarer Form, in Bildern oder in leichter Sprache dargestellt oder vorgelesen werden.

Wird eine derart vereinfachte Darstellung der Sache noch gerecht? 

Bentele: Ja. Denn jeder Mensch sollte sich entsprechend seiner Möglichkeiten an unserem politischen System beteiligen können. Personen und Programme bildhaft darzustellen und über Assoziationen oder mit Gefühlen zu arbeiten, verringert nicht den Wahrheitsgehalt der Information, die durch diese Person transportiert wird. Ganz im Gegenteil kann damit eine Vorstellung vom Verhalten der Person in Situationen gewonnen werden.

Wo sehen Sie die größten Felder mangelnder Gleichstellung? 

Bentele: Zum Beispiel beim Recht auf freie Schulwahl. Stichwort Barrierefreiheit. Oft bedarf es einer einfachen, praktischen Lösung, um Inklusion leben zu können. Gerade bei Neubauten sollte das im Vordergrund stehen.

An Arbeitsplätzen ist die Situation komplizierter. 

Bentele: Ja, meinen sprechenden Computer allen zuzumuten, das wäre keine passende Lösung.

Von Diana Surina

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