Der vergessene Holocaust

Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma wird eingeweiht

Einen Steinwurf vom Berliner Reichstag entfernt: Das Mahnmal für die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma. Foto: dapd

Berlin. Manche finden die Komposition etwas schlicht, andere gar kitschig. Auf einer Lichtung im Tiergarten südlich des Reichstags ist mitten auf der Wiese ein Wasserbecken mit rund 12 Meter Durchmesser eingelassen, mit einem schwarzen „endlos tiefen“ Grund.

In der Beckenmitte hat der israelische Künstler Dani Karavan (82) einen Stein platziert, auf dem eine Rose liegt. Wenn die Blüte verwelkt ist, soll der Stein versinken und dann wieder mit einer frischen Rose auftauchen. Die Blume soll das Leben symbolisieren, das dunkle Wasser ein Zeichen für das Grauen sein.

Wenn heute das Mahnmal für die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma offiziell eingeweiht wird, kann man auf einer Tafel neben dem Mahnmal auch die Chronologie des Völkermords nachlesen. Ungefähr eine halbe Million Menschen wurden europaweit in der NS-Zeit diskriminiert, deportiert und vernichtet. Unter den heute in Deutschland lebenden Sinti und Roma gibt es praktisch keine Familie, in der nicht Angehörige dem Holocaust der Nazis zum Opfer gefallen sind.

Doch eine politische Anerkennung erreichte die Volksgruppe erst 1982, als Vertreter des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma von Bundeskanzler Helmut Schmidt empfangen wurden. Ihnen sei „schweres Unrecht zugefügt worden“, erklärte der Regierungschef damals.

Bis dahin wurde dieser Völkermord aus rassistischen Gründen verdrängt und verleugnet - auch weil „Zigeuner“ oder „Landfahrer“, wie Sinti und Roma von den Behörden meist umschrieben wurden, lange schon vor dem „Dritten Reich“ ausgegrenzt wurden und diese Tradition auch in der Nachkriegszeit etwa bei der Polizei fortgeführt wurde.

30 Jahre nach Schmidts deutlichen Worten kommen heute sowohl Kanzlerin Angela Merkel als auch Bundespräsident Joachim Gauck in den Tiergarten. Bei der Eröffnung einer Begleitausstellung in der Topographie des Terrors hat bereits Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) das jahrzehntelange Schweigen über die erbarmungslose Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma bedauert: „Es ist leider nicht übertrieben, vom vergessenen Holocaust zu sprechen.“

Bis zur Fertigstellung des Mahnmals dauerte es fast zwei Jahrzehnte. Immer wieder gab es Streit um den Ort und die Art des Brunnens mit der Berliner Bauverwaltung und nicht zuletzt Zwist zwischen den Sinti- und Roma-Verbänden, ob die Opfer „Zigeuner“ genannt werden dürfen. Mehrfach musste Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) schlichtend eingreifen, um das Projekt zu retten. Von Peter Gärtner

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