Interview mit Wirtschaftsexperten: „Vermögen sind ungleich verteilt“

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Kapital macht reicher als Arbeit - mit dieser These stürmt Frankreichs Starökonom Thomas Piketty derzeit die Büchercharts. Wir sprachen darüber mit Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Er sieht auch in Deutschland eine zunehmende Vermögensungleichheit.

Herr Fratzscher, Deutschland steht wie kein anderer westlicher Industriestaat zur sozialen Marktwirtschaft, also Kapitalismus mit sozialem Ausgleich. Warum geht die Schere zwischen Arm und Reich dennoch zunehmend weiter auseinander? 

Marcel Fratzscher: Wir haben in Deutschland im internationalen Vergleich eine der größten Ungleichheiten bei der Verteilung des Vermögens. Die Einkommen sind hingegen etwas gleicher, da liegen wir etwa im Durchschnitt. Für diese Ungleichheit gibt es zahlreiche Gründe.

Welche Gründe sind das?

Fratzscher: Zum einen gibt es eine geringe soziale Mobilität in Deutschland, also wenig Aufstiegschancen. Zum anderen betreiben sehr wenige Menschen in Deutschland private Vorsorge, das heißt, sie haben ein sehr großes Vertrauen in den Staat. Der Staat soll unsere Renten zahlen, sich um unsere Gesundheit kümmern, er soll die Bildung zahlen, auch die soziale Sicherung. Dieses Vertrauen in den Staat ist sicherlich in Deutschland sehr viel stärker ausgeprägt als in anderen Ländern. Dieses Vertrauen bedeutet aber, dass privat weniger Vermögen angehäuft werden muss. Zudem ist die ungleiche Verteilung auch zum Teil historisch bedingt, viele DDR-Bürger etwa mussten 1990 praktisch bei null anfangen.

Wo macht sich diese Ungleichheit bemerkbar?

Fratzscher: Solche Dinge spiegeln sich zum Beispiel im Immobilienbesitz wider. Wir haben in Deutschland eine der niedrigsten privaten Eigentumsquoten bei Immobilien unter den Industrieländern, gerade einmal 38 Prozent der Deutschen besitzen eine eigene Wohnimmobilie. In vielen anderen Ländern ist es fast das Doppelte. Zudem sparen wir zwar sehr viel, tun dies allerdings sehr schlecht. Denn wir legen unser Geld nicht in Aktien oder Versicherungen an, sondern hauptsächlich aufs Sparkonto, wo es so gut wie keine Rendite gibt.

Was meint Ihre These, die soziale Mobilität sei fast genauso gering wie in den USA ?

Fratzscher: Wenn man sich anschaut, wer geht zur Universität, wer hat ein Abitur, dann sieht man beispielsweise, dass 70 Prozent der Akademikerkinder zur Uni gehen, aber nur 20 Prozent der Nicht-Akademikerkinder. Die Grundlage dafür wird häufig schon in den ersten Lebensjahren gelegt, also in der frühkindlichen Bildung. Kitas nehmen in erster Linie Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern in Anspruch. Bildungsferne Familien nutzen diese Angebote weitaus weniger. Dabei zeigt die Forschung, dass gerade in der frühkindlichen Bildung der größte Nutzen, was Bildungschancen und damit auch Berufschancen betrifft, für die Menschen liegt. Daher ist es wenig überraschend, wenn sich diese Ungleichheit durch die gesamte Bildung fortführt, bis zum Schulabschluss, bei der Ausbildung und später auch bei den Karrierechancen, bei den Einkommen und somit am Ende wieder beim Vermögen.

Es gibt aber doch staatliche Fördermittel, etwa Bafög, Ausbildungsbeihilfe, Stipendien. Kommt das Geld also nicht da an, wo es helfen sollen?

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Fratzscher: Nicht alle Menschen haben den gleichen Zugang zu diesen Mitteln. Stichwort Kitaplätze: Wir fangen jetzt erst an, das Angebot flächendeckend auszubauen, und Eltern haben erst seit vergangenem August einen rechtlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Gleichzeitig zahlt der Staat Betreuungsgeld. Das ist etwa vergleichbar, wie wenn eine Stadt eine Bibliothek baut, den Menschen aber Geld dafür zahlt, dass sie diese nicht nutzen. Das Resultat ist dann, dass besonders Kinder aus bildungsfernen Schichten oder mit Migrationshintergrund diese öffentlichen Leistungen deutlich weniger in Anspruch nehmen, auch weil ihnen der Staat die Anreize dazu gibt.

Wie könnte denn eine Lösung des Problems Iher Meinung nach aussehen?

Fratzscher: Man muss diese Widersprüche aufheben, das Betreuungsgeld ist dabei ein spezifisches Beispiel. Zudem sollte man auch an der Qualität arbeiten, es geht nicht nur darum, Kitaplätze zu schaffen, sondern auch darum, die Qualität der Plätze deutlich zu verbessern. Auch im Bereich Ganztagsschulen muss man berufstätigen Eltern die Möglichkeit bieten, dass ihre Kinder optimal betreut sind. Die Unterschiede in der Qualität der Bildung sollten über Schulen hinweg so gering wie möglich sein. Sonst ist die Konsequenz, dass Kinder aus sozial schlechter gestellten Familien deutlich geringere Bildungschancen haben.

Welche Auswirkungen hat das deutsche Steuersystem auf die Vermögensungleichheit?

Fratzscher: Das Steuersystem ist nicht der Grund für diese Ungleichheit bei Vermögen; es tut aber auch sehr wenig, um diese hohen Unterschiede auszugleichen. So wurde die Steuer auf Vermögen abgeschafft, die Erbschaftssteuer hat praktisch keine Existenz. Von 250 Milliarden Euro die jährlich vererbt werden, bekommt der Staat nur knapp 4,5 Milliarden Euro.

Von Daniel Göbel

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