Erstmals in Deutschland

Versicherung fährt mit: Dauerüberwachung per GPS im Test

Kassel. 1000 Autobesitzer sollen in Deutschland testen, was Versicherer trotz Bedenken von Datenschützern womöglich bald breiter einführen. Die S-Direkt, Tochter der Sparkassen-Gruppe, bietet ab Januar 2014 ihren Kunden ein Extra an: die Dauerüberwachung per GPS-Satellit.

Im 20-Sekunden-Takt bedient das Kontrollkästchen einen Server in England. Dort lässt der Mobilfunkspezialist Telefonica die Daten zu Scorewerten umrechnen, zu Noten für den Fahrstil.

Daraus dann zieht der Versicherer seine Schlüsse: Wer Tempolimits einhält, Vollbremsungen und quietschende Kavalierstarts meidet, wer spät nachts und in der Stadt nur selten unterwegs ist, kann fürs Folgejahr fünf Prozent Prämienrabatt erhoffen. Rowdys am schlechten Ende der Wertung müssen aber nicht nachzahlen.

Gratis ist die Überwachungsbox nicht. Sie kostet gut 71 Euro Jahresmiete. Im Gegenzug gibt’s eine Art Gewinnspiel. Der Versicherer kürt jeden Monat den Klassenbesten. Wer vorbildlich gefahren ist und so der Assekuranz am meisten Freude gemacht hat, wird ein Vierteljahr lang gratis versichert. „Spannend für junge Fahrer mit hoher Prämie“, lockt S-Direkt-Vorstand Jürgen Cramer.

Dickes Plus aus Cramers Sicht: Bei Unfällen alarmiert die Blackbox Rettungskräfte. Sie verrät auch, wo das Auto abbleibt, wenn es geklaut wurde.

Dass ein metergenaues Bewegungsprofil jedes Autofahrers gespeichert wird, hält etwa Ulrich Lepper, Landesbeauftragter für Datenschutz in NRW, für bedenklich. Die Privatsphäre komme damit ziemlich unter die Räder. Überhaupt nicht, hält die S-Direkt dagegen: Fahrdaten würden streng von Infos über den Fahrer und seine Ziele getrennt.

Telefonica kennt laut S-Direkt jeden Kunden nur als anonyme Nummer. Die Versicherung selbst erhalte einmal im Monat nur Risikodaten, aus denen sich bestenfalls der Rabatt des Folgejahres berechne. Bei Datenschützern gehen dennoch die Warnlampen an: Die Dauerkontrolle lasse es zu, „dass zurückgelegte Strecken oder ein Fehlverhalten des Fahrers lückenlos rekonstruiert werden“, sagte Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz, der Süddeutschen Zeitung. Schaar sieht zudem die Gefahr, dass Daten – einmal gespeichert – für straf- oder steuerrechtliche Ermittlungen herausgegeben werden. Fachblätter zitieren ihn mit der Warnung, hier komme „eine Art freiwillige Vorratsdatenspeicherung“ auf Kfz-Halter zu. Jetzt noch freiwillig – über die Prämiengestaltung könne sich das aber schnell in wirtschaftlichen Zwang für Versicherungsnehmer umkehren.

Von Wolfgang Riek

In der gedruckten Ausgabe am Mittwoch lesen Sie außerdem: "Wer profitiert wie von der GPS-Datensammlung?"

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