Veteranen in der Ukraine: Die Hand für die Heimat geopfert

Fehlendes Gelenk: Oberstabsarzt Jörg Jens zeigt eine Röntgenaufnahme von Andrijs mit Drähten fixierte Schulter. Foto:  Gudrun Skupio

Hamburg. 21-jähriger Soldat wird nach Raketenbeschuss bei Donezk im Hamburger Bundeswehrkrankenhaus behandelt

 Nervös nestelt Andrij* an der Prothese, die anstelle seines rechten Unterarms sitzt, sein Gesicht ist mit stecknadelkopfgroßen schwarzen vernarbten Stellen übersät. Der 21-Jährige schaut zu Boden, meidet den Blick der Journalistin. Auch der Dolmetscherin sieht er selten in die Augen. Doch er möchte etwas sagen. Er will seine Geschichte erzählen, lässt sie übersetzen.

Was, wenn Krieg ausbricht, fragt sein Vater, als er sich 2013 verpflichtet. Welcher Krieg denn, wir leben im 21. Jahrhundert, lautet Andrijs Antwort. Ein halbes Jahr später ist der Krieg da, Andrij wird nahe Donezk eingesetzt. Vier Tage nach dem Minsker Abkommen im Februar 2015 soll seine Gruppe Verletzte aus Debalzewe holen und Tote bergen. Zuvor hatten die Separatisten die Stadt nordöstlich von Donezk gestürmt. Auf dem Weg gerät das Fahrzeug der ukrainischen Streitkräfte unter Raketenbeschuss: Gruppen- sowie ein Truppführer direkt neben Andrij sterben.

Andrij wird schwer verletzt. Er sieht nur noch verschwommen, sein Gesicht ist mit Splittern übersät, sein Trommelfell kaputt, seine rechte Hand zerfetzt, an seiner linken Schulter klafft eine riesige Wunde. „Unter den Separatisten waren Streitkräfte mit Abzeichen der russischen Armee, sie haben sich nicht versteckt“, empört sich Andrij und verdeutlicht noch mal: „Es waren Soldaten der russischen Armee!“

Die Gruppe gerät in Gefangenschaft. Dort besucht Andrij ein Vertreter des Sicherheitsdienstes der selbst ernannten Volksrepublik Lugansk. „Er hat ihm gesagt, dass nun seine Freunde kommen und er einen Job für ihn hätte“, übersetzt die Dolmetscherin, denn „er wolle doch nach Hause oder etwa nicht?“ Die „Freunde“ stellen sich als Journalisten des russischen Fernsehsenders Life News heraus, der „Job“ besteht darin zu wiederholen, was ein Journalist Andrij zuflüstert: Unser Land schützt uns nicht, der Präsident ist kein guter Mensch, hier gibt es nur die Aufständischen, hier gibt es keine russischen Streitkräfte.

Nach vier Tagen kommt Andrij frei, am 20. März trifft er im Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg ein. „Nach der 13. Operation hat er aufgehört zu zählen“, übersetzt die Dolmetscherin. Sie fordert Andrij zu etwas auf, nach einigem Zögern schiebt er den Ärmel seines T-Shirts hoch. Dort, wo Arm und Schulter aufeinandertreffen, ist eine riesige Narbe zu sehen. Der Armansatz wirkt zu klein für die Schulter. „Ihm fehlen ein Gelenk und ein Muskel“, erklärt Oberstabsarzt Jörg Jens. Das Leben würde unter Russland noch schwerer werden, begründet Andrij, warum er für die Ukraine gekämpft hat. Ob er sich mehr Unterstützung für sein Land wünsche? Nein. Was Sanktionen betreffe, müsse man die goldene Mitte finden. Russland werde irgendwann keine Möglichkeit mehr haben weiterzukämpfen.

Hintergrund

Seit Beginn der Ukrainekrise kamen 69 ukrainische Soldaten zur Behandlung nach Deutschland. Die zwischen 19 und 44 Jahre alten Patienten bleiben bis zu einem Jahr. Neben Deutschland nehmen auch Österreich, Polen und Griechenland ukrainische Patienten auf. In der Vergangenheit haben sich die Bundeswehr und das Auswärtige Amt die Kosten für Flug und Behandlung geteilt.

*Name von der Redaktion geändert

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