Zu viele Bewerber für Lehramt

Josef Kraus

Kassel. Vor wenigen Jahren fürchteten die Kultusministerien einen Lehrermangel. Doch in vielen Bundesländern sieht es aktuell ganz anders aus: Es gibt zu viele Bewerber.

Verkehrte Welt. Noch 2010 hatte die Kultusministerkonferenz die Alarmglocken geläutet, dass fünf Jahre später an den Schulen 70.000 Pädagogen fehlen würden. Nun klagen viele Länder über zu viele Bewerber, Bayern zum Beispiel. Dort „besteht schon heute ein erhebliches Überangebot an Bewerbern“, schreibt Bayerns Bildungsminister Ludwig Spanle für 2014. Das werde in den kommenden Jahren „noch erheblich wachsen“.

Deutschland steht wieder vor einem Wechsel im „Schweinezyklus“ (siehe Stichwort), der den ständigen Wechsel von zu großem Angebot und Mangel beschreibt. Laut aktueller bundesweiter Bedarfsprognose der Kultusministerkonferenz hätten wir von 2012 bis 2025 deutschlandweit jährlich durchschnittlich 7000 Lehrer über Bedarf. Dabei übersteige im Westen das Angebot an Lehrkräften den Bedarf durchschnittlich über alle Lehramtstypen um 39 Prozent, das heißt jährlich im Schnitt um 8100 Personen. Im Osten dagegen fehlten zwölf Prozent, sprich 600 Personen.

Fazit der Kultusministerkonferenz: Vor allem für den Sekundarbereich II (allgemeinbildende Fächer) und für das Gymnasium besteht in den nächsten Jahren deutschlandweit ein Überangebot. Bessere Chancen gibt es im Sekundarbereich II (berufliche Fächer) und für die berufliche Schule in den neuen Ländern.

Lehren aus der unbefriedigenden Kalkulation will Hessen ziehen. Man arbeite an einer EDV-gestützten Methode, um den Lehrerbedarf genauer prognostizieren zu können, erläutert der Sprecher des Kultusministeriums, Stefan Löwer. In die Berechnungen sollen Faktoren wie Schüler-, Referendar- und Studierendenzahlen sowie die jeweils geltende „Rangliste“ einfließen, nach der Lehrkräfte eingestellt werden.

Schon jetzt hätten die Kultusminister alles vorliegen: Personalstatistiken samt Altersstruktur sowie Planzahlen beim Schüleraufkommen, meint der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus: „Auf dieser Basis könnte man präziser werden“, sagt Kraus gegenüber der HNA.

Schon vor Jahren kritisierte der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm „Chaos statt systematische Planung“. Der Ruf nach einem bundesweiten Entwicklungsplan verhallte. Neueste Idee: Das Studium des Lehramts ganz abschaffen, um den Schweinezyklus zu besiegen. Das hat der frühere Präsident der Rektorenkonferenz, Georg Turner, vorgeschlagen. Erst nach dem Studium solle man sich auf den Lehrerberuf spezialisieren, Unis sollten didaktische und pädagogische Kurse erst im Referendariat anbieten. Lehrerverbände reagieren skeptisch. „Das ginge zu sehr in Richtung Entprofessionalisierung des Lehrerberufs“, meint Kraus. Wichtig sei gerade während des Studiums damit konfrontiert zu werden, ob man für den Lehrerberuf geeignet sei.

Hintergrund: Wo Bewerber Chancen haben 

Die besten Einstellungschancen bestehen laut Kultusministerium in diesen Bereichen:

• Lehramt an beruflichen Schulen: vor allem in den Fachrichtungen Metalltechnik, Elektrotechnik und Gesundheit, aber auch in der Fachrichtung Drucktechnik,

• Lehramt an Gymnasien: u.a. Physik, aber auch Informatik, Chemie, Kunst, Musik,

• Lehramt an Haupt- und Realschulen: Physik, Chemie, Musik, Kunst,

• Lehramt an Förderschulen: vor allem Fachrichtungen für Sinnesgeschädigte und Körperbehinderte, aber auch alle anderen Fachrichtungen,

• Lehramt an Grundschulen im Rhein-Main-Gebiet mit Sport, Kunst, Musik, Religion.

Die geringsten Einstelllung schancen gibt es hier:

• Lehramt an Gymnasien: Biologie, Sport, Deutsch, Erdkunde, Geschichte,

• Lehramt an Grundschulen: Lehramt insgesamt, sofern keine Einsatzbereitschaft im Rhein-Main-Gebiet besteht.

Von Ullrich Riedler

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