Interview: Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer über die Ausschreitungen in Großbritannien

„Viele haben nichts zu verlieren“

Häuser brennen lichterloh: Die Krawalle in Großbritannien - unser Bild entstand in London - reißen nicht ab. Foto: dapd

Die Unruhen in Großbritannien weiten sich zu einem Flächenbrand aus, und die Spirale der Gewalt dreht sich weiter. Wir sprachen mit Wilhelm Heitmeyer, Professor für Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld, über die Hintergründe.

Herr Heitmeyer, könnten derartige Krawalle auch bei uns in Deutschland geschehen?

Wilhelm Heitmeyer: Grundsätzlich sind die deutschen Verhältnisse nicht mit den britischen vergleichbar. Allen Problemen zum Trotz sind Jugendliche in Deutschland besser in die Gesellschaft integriert. Selbst in den Großstädten erleben wir nicht eine so extreme Abspaltung einzelner Gruppen, zumal die sozialstaatliche Komponente hierzulande eine große Rolle spielt. In Großbritannien dagegen haben sich die sozialen Probleme durch den Sparkurs von Cameron verschärft. Den Abbau sozialer Sicherungssysteme versucht man mit dem Ausbau der öffentlichen Sicherheit, sprich mehr Polizeipräsenz und Kameraüberwachung, auszugleichen. Das ist ein Irrtum, für den die Briten noch zahlen werden.

Soziale Missstände gibt es in Großbritannien seit Jahren. Warum entlädt sich die Wut gerade jetzt?

Heitmeyer: Für die Entstehung der Unruhen brauchte es eine latente Konfliktstimmung, die durch klare Feindbilder bedingt war. Diese Rolle wird für die Aufständischen besonders von der Polizei besetzt, die teilweise als rassistisch gilt. Migranten werden angeblich häufiger kontrolliert als Weiße. Die Grundvoraussetzung für eine solche Eskalation ist aber ein Signalereignis, das Soziologen als moralisch und emotional ausbeutbar bezeichnen – in diesem Fall der unaufgeklärte Tod eines Farbigen. Das hat eine kritische Masse mobilisiert, die bestehenden Strukturen zu bekämpfen.

Sind die Unruhen also politisch motiviert?

Heitmeyer: Es handelt sich um keine Bewegung, die einer bestimmten Ideologie folgt und etwa gegen die Ungerechtigkeit kämpft. Es ist die harte Klassengesellschaft mit Luxus auf der einen und Verarmung auf der anderen Seite, die große Wut bei den Ausgegrenzten schürt.

Ungeachtet der Wahl der Mittel sind die Aufstände also berechtigt?

Heitmeyer: Sie sind zumindest erklärbar. Die Randalierer schaden sich mit den Plünderungen zwar selbst, aber viele von ihnen haben nichts mehr zu verlieren. Die Gewalt ist für sie nicht nur ein Mittel, um sich materiell zu bereichern, sondern auch, um sich gegenüber der Staatsmacht Gehör zu verschaffen und mit ihren Bedürfnissen wahrgenommen zu werden.

Was muss geschehen, um die Ausschreitungen in den Griff zu bekommen?

Heitmeyer: Im Moment kann man den Unruhen nur durch das staatliche Gewaltmonopol begegnen. Aber dann muss eine Diskussion über die Lebensumstände und die Chancen von Jugendlichen in der britischen Gesellschaft einsetzen. Ansonsten wird Gewalt für sie eine immer attraktivere Möglichkeit, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Dabei geht es ihnen weniger um gesellschaftliche Anerkennung, als vielmehr um Respekt innerhalb ihrer eigenen Subkultur. Wenn die Polizisten weg sind, sind die Konflikte noch lange nicht gelöst. Und die Machtdemonstration des Staates zeigt uns nur zu deutlich, wie dünn die Zivilisationsschicht einer Gesellschaft ist.

Von Kristin Dowe

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