Interview mit Religionspädagogin Kaddor

Verweigerter Handschlag von muslimischen Schülern: "Nicht durchgehen lassen"

Teilnehmer einer Demonstration in Hamburg im September 2015. Archivfoto: dpa

Religionsfreiheit oder Diskriminierung der Frau? Die Schweiz streitet über zwei muslimische Schüler in Basel, die ihrer Lehrerin den Handschlag aus religiösen Gründen verweigern.

Darüber sprachen wir mit der muslimischen Religionspädagogin und Autorin Lamya Kaddor.

Frau Kaddor, zwei pubertierende Jungen verweigern ihrer Lehrerin den Handschlag, begründen das religiös, und der Schulleiter akzeptiert das. Finden Sie seine Entscheidung richtig?

Lamya Kaddor: Nein. Für zwei Schüler, die damit wahrscheinlich in jeder Hinsicht eine absolute Minderheit darstellen, sollte es eine solche Ausnahme nicht geben. An einer Schule sollte sehr sorgfältig abgewogen werden, was den sozialen Frieden gefährdet. Allein schon die Tatsache, dass mittlerweile die internationale Presse über diese Schule berichtet, zeigt, dass dies hier der Fall ist. Der Schulleiter hätte das den Jungen unter Verweis auf die allgemeinen Umgangsformen nicht durchgehen lassen sollen.

Und was ist mit dem religiösen Motiv der Jungen?

Kaddor: Das kommt klar aus einer fundamentalistischen Ecke. Auch konservativ denkende Muslime würden den Handschlag in dieser Situation nicht verweigern. Hier ist absolut eine Grenze berührt. Die hat im öffentlichen Raum nichts zu suchen.

Kennen Sie es als muslimische Frau, dass Männer Ihnen nicht die Hand geben wollen?

Kaddor: Ja, klar. Aber im Privaten ist das anders zu beurteilen. Ich sehe einen entscheidenden Unterschied darin, in welchem Umfeld so etwas stattfindet. Unter Muslimen muss das übrigens nicht als frauenfeindlich empfunden werden. Aber an Schulen, an denen die Verweigerung eines Handschlags allgemein als unhöflich empfunden wird, kann man nicht sagen: Das ist mir egal. Der soziale Friede an einer Schule wiegt schwerer als der private Wunsch, welcher Auslegung des Islams auch immer folgen zu dürfen.

Das Problem ist ja auch hierzulande bekannt, etwa wenn muslimische Mädchen nicht am Schwimmunterricht teilnehmen sollen oder Rücksicht auf Gebetspflichten gefordert wird. Wo führt das hin?

Kaddor: Diese Vorfälle gibt es. Aber dass beispielsweise muslimische Mädchen am Schwimmunterricht teilnehmen müssen, wurde längst gerichtlich so entschieden. Wir sollten aber nicht übersehen, dass wir hier nachgewiesenermaßen über Einzelfälle sprechen, nicht über Schulalltag.

Kann man die gesteigerte Sensibilität nach Jahren islamistisch begründeten Mordens nicht verstehen? In Berlin haben arabische Jugendliche gerufen: „Juden ins Gas!“ „Christ“, „Jude“ gelten auf manchen Schulhöfen als Schimpfwörter.

Kaddor: Es stimmt: Diese Probleme sind nicht erfunden. Aber der normale Mediennutzer wird bei der Einordnung oft allein gelassen. Es gibt 1,6 Milliarden Muslime in der Welt, die allermeisten völlig friedliebend. Viele von ihnen sind selbst Opfer islamistischen Terrors.

Wie erleben denn Muslime hierzulande solche Berichte?

Kaddor: Die sind diese Debatten leid. Stellen Sie sich doch mal eine ganz normale Familie muslimischen Glaubens in Deutschland vor: Menschen, die hier in der dritten oder vierten Generation leben. Die haben einen ganz normalen Job, die Kinder gehen in die Schule, und man schlägt die Zeitung auf, und es wird über zwei Jungs in der Schweiz berichtet, die Lehrerinnen nicht die Hand geben wollen. Man fühlt sich doch in der falschen Welt. Die Mehrheit der Muslime findet das Verhalten dieser Jungs selbst absurd. Schweizer Islamverbände haben sofort ihre Missbilligung geäußert. Und doch wird der gesamte Islam wieder in Haftung genommen, und Muslime werden misstrauisch beäugt. Viele haben einfach resigniert. Wir sehen mit Sorge eine zunehmende Islamfeindlichkeit. Das ist mittlerweile schon ziemlich grenzwertig.

Das ist nicht zu übersehen, ändert ja aber doch nichts an der Tatsache, dass es innerhalb des Islams sehr viel Klärungsbedarf gibt. Was ist etwa mit der Rolle der Frau? Oder den so genannten Ehrenmorden?

Kaddor: Ja, selbstverständlich gibt es Klärungsbedarf. Aber angemessen. So genannte Ehrenmorde sind eher patriarchalisch motiviert, sexistisch. Es gibt sie auch auf Sizilien, in Indien etc. Der Koran ist in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft offenbart worden. Aber viele Ansätze sind auch frauenfreundlich. Auch wenn die Wahrnehmung heute oft eine andere ist.

Wie kann der Umgang von Muslimen und Nicht-Muslimen wieder entspannter werden?

Kaddor: Wir brauchen weder Islamismus noch Islamfeindlichkeit. Ich möchte nicht zwei Schüler haben, die ihrer Lehrerin nicht die Hand geben wollen, ganz gleich ob aus rechtsradikalen oder aus islamistischen Gründen. Das darf so oder so nicht geduldet werden. Damit wir uns richtig verstehen: Ein Kopftuch ist keine islamistische Provokation. Eine Burka, eine Vollverschleierung, dagegen schon. Entscheidend an einer Schule muss die Frage sein: Was stört den sozialen Frieden? Ich meine: Jeder Radikalismus.

Lamya Kaddor, 1978 als Tochter einer syrischen Familie im westfälischen Ahlen geboren, ist Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin. Die mehrfach ausgezeichnete liberale Muslima, die als Autorin und durch Fernsehauftritte bekannt wurde, setzt sich seit Jahren für interreligiöse Verständigung ein und ist Vorsitzende des Liberal-islamischen Bundes (www.lib-ev.de). Lamya Kaddor ist verheiratet und arbeitet zurzeit an einer Promotion.

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